Dokumentation

Das ist der Gipfel

Keine Bergsteiger-Doku, sondern Produkt-Propaganda in schwindelnder Höhe: „Cerro Torre“

Am Cerro Torre weht ein eisiger Wind. David Lama klettert trotzdem nur mit bloßen Händen. „Das freie Klettern gibt dem Berg die reale Chance, sich am Menschen zu rächen“, lautet ein Sprichwort der Bergsteiger-Szene. Das muss David Lama gereizt haben: Die Kletterhallen dieser Welt hat er bezwungen, eine richtige Herausforderung für den Tiroler „Kraxler“ mit nepalesischem Vater waren sie aber nicht. Lama brauchte neue Ziele für seine Disziplin, das Freiklettern . Und weil auch der handelsübliche Berg kaum Anstrengung bot, wählte er den Cerro Torre, im Grenzland zwischen Argentinien und Chile. Sein Name ist Programm und bedeutet: Turm-Berg. Eine glatte Granit-Wand, die stets ein eisiger Wind umweht.

Cesare Maestri hat 1959 mit dem Tiroler Toni Egger eine Erstbesteigung des „unmöglichen Berges“ gewagt, das Beweis-Gipfelfoto stürzte jedoch mit Egger beim Abstieg in die Tiefe – die Kamera wurde nie gefunden. Weil man an Maestris Gipfelbezwingung zweifelte, kam er 1970 wieder und hämmerte sich mit 300 Haken und Kompressor auf den Gipfel, um seinen Ruhm wiederherzustellen. Der Kompressor hängt bis heute eine Seillänge unter dem Gipfel. Ruhmvoll war das nicht.

Bis hierhin ist „Cerro Torre“ die in besserer TV-Manier umgesetzte, effekthascherische Nacherzählung eines Bergsteigerschicksals. Die von Red Bull finanzierte „Doku“ des Vorarlbergers Thomas Dirnhofer stellt Lama als neuen Visionär der Gipfel vor: Er will zunächst die sogenannte „Kompressor-Route“ im freien Stil nachklettern. Doch das Unterfangen scheitert mehrfach an den unwirtlichen Wetterbedingungen. Lama gibt nicht auf - vermutlich auch wegen seines Sponsors. Weil der Energydrink ja angeblich Flügel verleiht, schickt man Lama erneut auf den Gipfel, diesmal über eine andere, eine neue Route. Hätte Lama diesen Berg nicht bezwungen, gäbe es wohl auch keinen Film. Scheitern ist nicht in der Welt eines Konzerns, der mit Trink-Energie handelt.

Der Film arbeitet daher mit möglichst spektakulären Bildern: Helikopter umkreisen Lama, mitten in der Wand hängt das Filmteam immer in der Nähe und moderne Action-Cams sitzen auf seinem nicht dezenten Red-Bull-Helm. Schauwerte für Alpinisten. Dem nicht so berg-affinen Zuschauer fehlt es wohl an Tiefe, denn die lässt sich auf flacher Leinwand einfach nicht darstellen.

Dass hier mit dem heroischen Sportler auch ein Energydrink mitverkauft wird, disqualifiziert „Cerro Torre“ als Filmdokument. Es ist Produkt-Propaganda, die über eine menschliche Meisterleistung verkauft wird, wie Red Bull das seit Jahren gekonnt vollführt. Auch wenn der Film Lamas wiederholtes Scheitern thematisiert, feiert er doch einen Helden, der am Ende obsiegt. „Ausdauer ist ein Talisman fürs Leben“, besagt ein afrikanisches Sprichwort. Und es trifft kaum irgendwo besser zu als hier, in der Steilwand des Cerro Torre. Dem Sponsor sei Dank: Die Rache des Berges ist erstmal vertagt.

Dokumentation: Ö 2013, 103 min. von Thomas Dirnhofer

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