Zwölf Stunden

Darüber nur noch der Himmel

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist nicht nur ein Berliner Wahrzeichen, sondern auch der Mittelpunkt einer vitalen innerstädtischen Gemeinde mit Seelsorgern und Hilfebedürftigen

07:25 Der Kerzenbaum muss abgebaut, die hölzerne Altarplatte poliert und abgebrannte Opferlichter eingesammelt werden: Der Tag beginnt mit dem Großreinemachen. „Bis neun Uhr bin ich in der Neuen Kirche, danach geht es hinüber in den Alten Turm“, sagt Kirchwart Uwe Radicke. Vom Klingelbeutel bis zur Dachreparatur ist er für so ziemlich alles zuständig. Gerade hat er die wöchentliche Blumenlieferung für den Altarschmuck bekommen. „Die Blumen müssen eine Woche halten. Wir kaufen sie so, dass die freitags noch ein wenig in der Knospe stecken, dann sind sie für den Gottesdienst am Sonntag am schönsten.“ Jetzt geht es zur Inspektion auf den Neuen Glockturm.

10:00 In der historischen Ehrenhalle des ehemaligen Kaiserzeit-Prunkbaus ruft Lina Hildebrandt eine Führung aus. Mehrmals täglich werden Kirchenführungen angeboten. Jeder, der gerade da oder eigens erschienen ist, kann teilnehmen. Hildebrandt studiert evangelische Theologie an der Humboldt Universität. „Die Kirche wird als Mahnmal gegen den Krieg wahrgenommen, was heute beabsichtigt ist, aber keineswegs immer so geplant war“, sagt Hildebrandt. Genau das fasziniert sie an diesem Bau. „Der Prozess war nicht aufzuhalten.“

11:25 Ein Seidentuch aus Vietnam, Kaffee aus Äthiopien und eine Donnertrommel aus Indonesien: Andreas Männel kauft im Weltladen groß ein. „Ich komme aus Kopenhagen“, sagt der Berlin-Besucher. Der Weltladen belegt die einzige öffentlich zugängliche Etage im Neuen Glockenturm, im Erdgeschoss. „Alles, was hier verkauft wird, stammt aus fairem Handel, das heißt, dass die Menschen die es herstellen, dafür angemessen entlohnt werden“, erklärt die Verkäuferin. Sie friert ein wenig, denn eine Heizung gibt es in dem Turm nicht. Ein elektrischer Heizlüfter unter dem Stuhl muss ausreichen.

12:55 Bernd Neumann hat es eilig, denn er will pünktlich die Glocken läuten. Dazu muss er zwar eine Wendeltreppe erklimmen, aber die führt keineswegs auf einen Turm, sondern nur vom Untergeschoss der Neuen Kirche in den Kirchensaal. Hinter einer unscheinbaren Klapptür in der Wand verbirgt sich eine richtige kleine Schaltzentrale. Neumann dreht den Sicherungsschlüssel, legt die Schalter der Glocken vier bis sechs um. Die Betriebslampen beginnen zu leuchten. „Normalerweise werden diese drei von unseren insgesamt sechs Glocken geläutet. Nur an besonderen Feiertagen schalten wir weitere an“, sagt Neumann. Bis von draußen der erste Ton erklingt, dauert es einige Sekunden, denn die Glocken müssen erst in Schwung kommen.

13:00 Pfarrerin Cornelia Kulawik spricht die Versöhnungslitanei von Coventry. Die von den Deutschen zerbombte englische Kathedrale wurde zum Ausgangspunkt einer weltweiten Versöhnungsbewegung. Nagelkreuze wie das in der Gedächtniskirche, das aus drei riesigen Zimmermannsnägeln gefertigt wurde, die einst die Deckenbalken der Kathedrale von Coventry zusammenhielten, stehen an vielen Orten der Welt. Und überall sprechen die Menschen davor das selbe Gebet. „Allein die Geschichte unserer Kirche macht die Versöhnungsbewegung zu einem zentralen Angelpunkt unserer Arbeit“, sagt Kulawik. So zentral wie sonst wohl in keiner Kirche ist aber auch etwas anderes: Die Gedächtniskirche wird nicht nur von rund 3000 Gemeindemitgliedern frequentiert, sondern auch von vielen Touristen. Cornelia Kulawik freut sich darüber. „Es ist eine tolle Aufgabe, für so viele Gäste unserer Stadt da zu sein und die Kirche als einen Ort zu gestalten, an dem einfach jeder willkommen ist.“

15:40 Die Zeit vor den Abendandachten nutzt Christopher Sosnick, um sich auf seine Diplomprüfung im Sommer vorzubereiten. Der Kirchenmusikstudent übt einen schwierigen Dankpsalm von Max Reger. „Zur Andacht spiele ich dann Bach“, sagt Sosnick. Derzeit vertritt er den hauptamtlichen Kirchenmusiker an der großen Schuke-Orgel. „Ein Paradebeispiel für neobarocke Orgeln“, erklärt er. Individuelle Registereinstellungen für die insgesamt vier Madrigale speichert das Instrument allerdings schon digital ab.

16:10 Unter der prächtigen Decke der Ehrenhalle, eingerahmt von Fresken aus Carrara-Marmor, verkauft Christa Heinrich Poster, Schmuck und Lesezeichen. „Am besten gehen bei uns Postkarten“, sagt sie. Zwei Stunden pro Woche arbeitet sie am großen Souvenirstand. Unentgeltlich. Christa Heinrich ist eine von rund 130 Ehrenamtlichen, die sich für die Gedächtniskirche engagieren.

17:00 Teestunde in der Zweigstelle der Stadtmission. Sie befindet sich im Foyergebäude, das der Neuen Kirche vorgelagert und durch einen kurzen Durchgang mit ihr verbunden ist. Ein für jedermann offener Ort. Auch ein Geistlicher für die Seelsorge ist da. Bei Keksen und Tee liest Clemens Krause heute eine besinnliche Fabel vor. „Das muss nicht immer aus der Bibel sein“, sagt der ordinierte Diakon, der die Teestunde betreut. „Diesmal zum Beispiel habe ich eine indische Geschichte herausgesucht.“

17:10 Chorleiter Christian Tränker und sein Unity Gospel Chor aus Pankow singen sich für ihren Auftritt warm und proben in der Kapelle hinterm Glockenturm das wichtigste Lied des Abends. „Wir haben extra eine zusätzliche Strophe gedichtet“, sagt Tränker, „die den Anlass des Konzertes aufgreift.“ Beim Benefizkonzert am Abend soll Geld für ein Schulbauprojekt in Kamerun eingespielt werden.

19:45 Ein wenig aufgeregt ist Franka Onadja schon, so kurz vor dem großen Moment. „Das ist schließlich mein Baby“, sagt die Projektleiterin, die das Gospelkonzert mit fünf Chören organisiert hat. Gleich geht es los. „200 Karten sind im Vorverkauf weggegangen“, sagt Onadja. „In den Saal passen insgesamt aber 700 Leute hinein.“ Die Sorge ist aber völlig unnötig: Draußen vor dem Eingang steht eine lange Reihe von Besuchern.

23:00 Gloria Gogröf bleibt bis zuletzt. Sie absolviert ihr „Freiwilliges Soziales Jahr Kultur“ in der Gemeinde. Konzertorganisation gehört zu ihren wichtigsten Aufgaben, und in der Kirche wird viel Programm gemacht. Am Ende muss jemand die Kirche abschließen. Das hat für sie auch Vorteile: „Wenn ich überall das Licht ausgeschaltet habe und der Kirchensaal nur noch von dem blauen Lichtkranz erleuchtet wird, den die Außenstrahler im Umgang erzeugen, ist das für mich immer der schönste Moment des Abends.“