Drama

Eine Kelle voller Zucker

Die wahre Geschichte hinter „Mary Poppins“ – oder wenigstens die Disney-Version: „Saving Mr. Banks“

Bücher und ihre Verfilmungen treffen sich selten auf Augenhöhe. Und wenn sie es doch einmal tun, dann weil sie ihre Besonderheiten vor der anderen Kunst verteidigen.

Das lernt man schon als Kind, wenn man Disneys „Mary Poppins“ mit den Büchern von Pamela L. Travers vergleicht. Vor allem das fliegende Kindermädchen hat auf dem Papier eine deutlich herbere Note. Kaum vorstellbar, dass es zu einem Löffelchen voll Zucker greifen würde, um bittere Medizin zu versüßen. Vielleicht könnte sie selbst ein Körnchen davon gebrauchen. Wie auch die Fantasie der Autorin schon einmal ins leicht Unheimliche umschlägt.

Und doch: So unvereinbar beide Welten sind, die des Films und die der Literatur, anziehend sind sie jede für sich. Und es ist keineswegs so, dass Walt Disney die Vorlage nur versüßt hätte. Der 139-minütige Klassiker fordert junge Zuschauer sehr. Insbesondere wenn die Kinder Jane und Michael am Ende vom Arbeitsplatz des Vaters flüchten, einem marmornen Bank-Tempel. Bis sie schließlich in den dunklen Gassen von Schornsteinfeger Bert aufgelesen werden und unversehens in himmlische Höhen steigen – zu einer ikonischen Musicalnummer der Filmgeschichte: „Chim-Chim-Cheree“.

Nun führen Disneyfilme gern in einander fremde Welten, und „Saving Mr. Banks“ tut es, indem er die historischen Figuren Walt Disney und Pamela Travers zusammenführt. Keine Disneybiographie kommt aus ohne die Erwähnung der langwierigen Verhandlungen, die dem Film von 1964 voraus gingen. Schon 1938 hatte Walt Disney erstmals am real existierenden Londoner Stadthaus anklopfen lassen, indem die Autorin zwar ein wenig bescheidener lebte als die Familie Banks aus ihren Geschichten, aber doch den selben bürgerlichen Lebensstil kultivierte. Der Welterfolg von „Schneewittchen“ hatte Disney in den Rang eines selbst von bedeutenden Intellektuellen gefeierten Filmkünstlers erhoben, doch was nütze ihm das bei einer Autorin, die „Cartoons“ verabscheute? Und die (eine Schmach, die uns dieser Film glatt vorenthält), Disney gar in ihrem Nebenberuf als Filmkritikerin als „zynisch“ und „sentimental“ gescholten hatte.

Erst 1961 kam es zu einem Vertragsabschluss, der Miss Travers die Abnahme des Drehbuchs zusagte. Was endlose Konferenzen mit der strengen Autorin zur Folge hatte, die bis heute auf Tonbändern dokumentiert blieben. Doch es steckt mehr in dieser Geschichte als filmhistorische Spurensuche. Parallel zu den Ereignissen im pastellbunten Disneystudio (gedreht am Originalschauplatz in Burbank) legt der von John Lee Hancock inszenierte Film die biographischen Wurzeln der Geschichte frei.

Tom Hanks, der als Originalstimme von Cowboy Woody aus „Toy Story“ selbst beinahe so etwas ist wie eine Disneyfigur, spielt ihn mit einer ganzen Kelle voller Zucker. Dafür hat man Emma Thompson als giftiger Miss Travers, offenbar reichlich Pfeffer in den Tee getan – um es mit den Worten von Jane und Michael Banks auszudrücken. Disneyfans werden mit Hanks samtweicher Darstellung wohl gut leben können.

Es gibt keinen echten Disneyfilm, der nicht zugleich die verklärte Disneyversion von etwas anderem ist: Einem Märchen, einem Roman oder in seltenen Fällen auch der Realität. Die Gebrüder Grimm und Carlo Collodi waren lange tot, als er „Scheewittchen“ und „Pinocchio“ verfilmte. Pamela Travers gehörte zu den wenigen lebenden Schriftstellern, mit denen er es zu tun hatte. Anders als A.A. Milne, der Erfinder von Pu, dem Bären, konnte sie verhindern, dass ihr Geisteskind „Mary Poppins“ als willenlose Serienheldin endete. Für den damals bereits über 60-jährigen Disney muss das eine ungewöhnliche Erfahrung gewesen sein – doch dem Film hat sie nur gut getan.

Wenn er uns nun in der liebevollen, aber verwaschenen Tom-Hanks-Figur wie eine Disneyversion seiner selbst begegnet, entspricht das ironischerweise genau seiner Idee der Mary Poppins: In der mädchenhaft-unbefangenen Interpretation durch Julie Andrews machte er sie liebenswürdiger als sie je gemeint war. Und wischte jene Strenge beiseite, ohne die man weder ein edwardianisches Kinderzimmer aufräumen kann noch ein „magisches Königreich“ leiten.

Drama: USA 2013, 125 min., von John Lee Hancock, mit Emma Thompson, Tom Hanks, Colin Farrell

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