Kiez auf Kulinarisch – wo Berlins Sterneköche essen

Otto? Findet’s gut in Großbeeren

Von wegen Diaspora. Hendrik Otto zeigt uns, wo er in seinem Kiez ausgeht. In Teil eins unserer neuen Serie

Mit den Himbeeren hat es angefangen. Die Tochter verlangte nach einem Eis, an der Berliner Straße hatte gerade ein neues Café aufgemacht, warum also nicht. Hendrik Otto, der sich in seinem Restaurant in Berlin zwei Sterne erkocht hat, hatte nicht unbedingt große Erwartungen. Tiefkühlkost, was sonst. Aber dann bestellte er im „Landcafé“ bei Birgit Thom ein Vanilleeis mit Himbeeren. Und siehe da, die Früchte waren frisch gestampft. „Die hatten richtig Power“, sagt Otto. „Ich war begeistert.“

Großbeeren in Teltow-Fläming ist ein beliebter Durchzugsort für die, die in Richtung Berlin unterwegs sind. Soldaten im Dreißigjährigen Krieg, genauso wie später im Siebenjährigen Krieg. Napoleons Truppen bekamen hier 1813 nachhaltig eins auf die Mütze, ein beeindruckender Jugendstilturm erinnert an den Triumph. Kämpfen also kann Großbeeren, aber kochen?

Hendrik Otto ist nicht auf der Durchreise. Der Zweisternekoch ist mit seiner Familie vor vier Jahren in die Brandenburger Gemeinde gezogen. Der 39-Jährige arbeitete in Köln im „Wasserturm“, im „Landhaus Flottbeck“ in Hamburg, und seit April 2010 kocht er für das „Lorenz Adlon Esszimmer“. Zum Leben mag er es lieber ländlich. „Ich genieße das sehr, mal zu Fuß zu gehen“, sagt er. Zum Beispiel ins „Landcafé“, wo wir uns an diesem Morgen zum Frühstück treffen.

Hendrik Otto muss gar nicht groß auf die Speisekarte schauen. „Sie müssen unbedingt das Rührei probieren“, rät er. Und natürlich die Brötchen. „Da steckt noch richtig was drin“, erklärt er. „Frau Thom backt selbst, das ist toll.“

Die Inhaberin bringt einen liebevoll angerichteten Teller mit Käse, Frischkäse mit Thunfisch, Salami und dem gelobten Rührei. Dazu serviert sie vier verschiedene Sorten Brot und frischen Pfefferminztee. Dann setzt sie sich zu uns an den Tisch. Das Geschäft mit Torten, Brot und Kaffee ist ein alter Traum von Birgit Thom. „Ich hab schon als Kind immer Café gespielt“, erzählt sie. Sie hatte auch schon einmal einen eigenen Laden. „Zu tiefsten Ostzeiten“, sagt sie und lacht. Dann aber kam die Wende und dann die Kinder und irgendwie hat es schließlich doch bis Juni 2012 gedauert, bis Birgit Thom ihr „Landcafé“ eröffnen konnte. Als sie sich den Nachbarn vorstellte, meinten die: „Warum machen Sie denn hier einen Laden auf? Die letzten drei sind doch pleitegegangen.“ Sie selbst hat am Anfang gedacht, sie betreibe das Café vor allem zum eigenen Vergnügen. „Als ich den Laden aufmachte, dachte ich, ich stell mir ’ne Nähmaschine dazu, wenn mal keiner kommt, habe ich was zu tun“, erzählt sie. Aber daran ist längst nicht zu denken. Schon nach kurzer Zeit brummte das Geschäft. „Wir arbeiten hier zu dritt in der Schicht.“ Stammgäste, so wie die Familie Otto, rufen am Wochenende vorher an, um zu fragen, ob noch ein Platz frei ist.

„Ich bin selbst ein Ossi“

Brandenburg ist nicht unbedingt bekannt für seine kulinarischen Höhepunkte. „Das liegt an der Ost-Mentalität“, sagt Otto. „Ich darf das sagen, ich bin selber Ossi: Viele Leute hier sind immer noch nicht bereit, für gutes Essen auch angemessene Preise zu zahlen.“ Die Ernährungstiefpunkte der DDR-Produkte hat er selber nicht erlitten. „Letscho?“, sagt er, „Damit wurde alles zugeklebt, das war doch eine Krankheit.“ Bei Ottos zu Hause jedoch wurde frisch gekocht. Mit Gemüse aus dem eigenen Garten und mit eigenen Tieren. Der Kaninchenbraten seiner Mutter ist bis heute ein Leibgericht von Hendrik Otto.

Aufgewachsen ist Otto in Löberitz, einer kleinen Gemeinde in der Gegend von Bitterfeld, Sachsen-Anhalt. „Als ich ein Kind war, gab es da allein sieben Kneipen“, sagte er. Die Leute trafen sich auf ein Bier, auf einen Schwatz, einfach nur, um zusammen zu sein. Aber mit der Wende kam die Arbeitslosigkeit in die Chemiewerke, die Billigdiscounter machten auf, die Läden mussten schließen. Damit ging viel an Gemeinschaft verloren. „Das Bewusstsein dafür muss erst wieder geweckt werden“, sagt Otto.

Einen ganz ähnlichen Wunsch will Frau Thom mit ihrem „Landcafé“ erfüllen. „Ich freue mich, wenn die Leute sich hier treffen“, sagt sie. Dabei ginge es gar nicht nur ums Geldverdienen. „Im April organisiere ich hier ein Buffet, da kann jeder etwas selbst mitbringen.“

Einen Ortskern gibt es in Großbeeren nicht, das Leben spielt sich links und rechts der Berliner Straße ab. Ein paar Hundert Meter vom „Landcafé“ entfernt liegt der Turm, und direkt neben ihm das bekannteste Lokal der Stadt: der Italiener. Hierhin geht die Familie Otto oft am Sonntagabend essen. Wir betreten den beeindruckend großen Laden. 200 Plätze hat die „Trattoria Toscana“, alle mit klassisch rot-weiß karierten Decken gedeckt und mit italienischer Restaurant-Folklore an der Wand. „Ah!“, begrüßt uns der Koch, „La Buffalina.“ Der Inhaber Franco di Lascio hat keine Ahnung, dass sein Stammgast ein Sternekoch in Berlin ist. Aber er weiß, was er am liebsten bei ihm isst. Pizza mit echtem Büffelmozzarella. Hunger haben wir jetzt nicht mehr, aber probieren können wir: Der Teig ist schön dünn ausgerollt, der Rand luftig, der Mozzarella angenehm leicht. Eigentlich, sagt Otto, könnten wir nach einem Stück gar nicht beurteilen, wie die Pizza schmeckt. „Eine Speise verändert sich mit jedem Bissen, man muss sie ganz essen, um zu wissen, wie gut sie ist.“

Um halb zwei kommt Nathalie aus der Schule. Zeit für einen Vater-Tochter-Moment. Und der gelingt am besten an einem Ort, den die Mutter meidet: Dem Imbiss „Mega Snack“, auf der anderen Seite des Turms. Inhaber Cengiz Nurettin stellte kurz nach der Wende einen Baucontainer auf und testete, ob der Osten schon bereit für Döner war. Und er hatte Erfolg. Fast Food für den Sternekoch? Otto lacht. „Gegen Döner ist doch nichts zu sagen! Frischer Salat, frische Tomaten und dazu ein Ayran.“ Überhaupt mag er der Elfjährigen nicht verbieten, auch mal etwas anderes auszuprobieren. Bubble Tea zum Beispiel, warum nicht. Nur bei einem hört es auf: Nudeln mit Ketchup.