Zwölf Stunden

Keine Zeit für Fehltritte

Alles neu: Ein US-Ensemble aus Technikern, Künstlern und Masseuren muss sich vor dem Fünf-Stunden-Klassiker „Einstein on the beach“ im Haus der Berliner Festspiele einarbeiten

09:30 Carsten Meyer prüft, ob die Lichter korrekt hängen. Der Beleuchtungschef im Haus der Berliner Festspiele an der Wilmersdorfer Schaperstraße hat selten so viel vorzubereiten wie bei dieser Aufführung. „Die Anforderungen sind sehr speziell. Europaweit haben wir dafür Equipment angemietet“, sagt Meyer. Allein mit der ausgeklügelten Anlage zur Erzeugung unterschiedlicher Nebelarten sind zwei Firmen beschäftigt, eine aus dem Film-, eine aus dem Theaterbereich. „Zusätzlich zu den Kollegen vom amerikanischen Team sind während der Show zehn unserer Beleuchter im Dauereinsatz.“ Vier Mitarbeiter allein bedienen die „Verfolger“-Spots ganz traditionell per Hand. Das ist typisch für die Anforderungen des amerikanischen Star-Regisseurs Robert Wilson, der „Einstein on the beach“ mit der Musik des großen modernen Komponisten Philip Glass nach Berlin bringt. Beide werden in den kommenden Tagen in Berlin eintreffen. Am Sonntag steht im Rahmen des Festivals „MaerzMusik“ die erste Aufführung auf dem Programm.

11:15 In vier Trucks wurde das Bühnenbild angeliefert. Manuel Solms und sein amerikanischer Kollege Billy Burns bohren Löcher in ein „Raumschiff“, um neue Rollen anzubringen. Die Bühnenaufbauten sind für größere Häuser konzipiert. Der technische Direktor Andreas Weidmann musste einige Anpassungen planen. „Bei uns ist der Orchestergraben zu klein, die rechte Seitenbühne fehlt und der Bühnenturm ist zu niedrig“, sagt er. „Aber wir machen trotzdem irgendwie alles möglich.“

13:30 Das ist Luxus: Vor Proben und Auftritten bekommen die Tänzer bei Paul Jacob eine Massage. Der Sportphysiotherapeut ist bestens qualifiziert, er hat schon Staatsballett-Chef Vladimir Malakhov und dessen Ensemblemitglieder unter den Händen gehabt. Jacob wurde eigens für das amerikanische Team angeheuert. „Im Grunde ist der Job ähnlich wie im Sport“, sagt Jacob. „Wenn ich heilen kann, mache ich das. Aber zunächst geht es darum, dass jemand fit für den Einsatz ist.“

14:25 Wenn der Stuhl „auf Position steht“ und die Stange „auf Termin fährt“, ist Lotte Grenz zufrieden. Der Maschinistin ist diese Theaterfachsprache ins Blut übergegangen. „Was wir aufbauen, ist eine klassische Gassenbühne mit Prospekten.“ Das heißt, eine Leinwand wird fixiert. Wie eine zweite Schicht hängt direkt dahinter ein weiterer schwarzer Vorhang, der somit verhindert, dass von hinten Licht durchscheinen kann. „Während der Show müssen hier ja die Techniker arbeiten“, sagt Lotte Grenz.

14:55 Linien über Linien, farbige Punkte, Notenzeilen, spezielle Markierungen und selbst erfundene Zeichen: Dan Brown überfliegt sporadisch eine einzigartige Partitur. Ein Unikat, das der Soundtechniker selbst erstellt hat. Brown mischt während der komplexen Aufführung den Ton. Einen Großteil der Musik machen Einspielungen elektronischer Tracks und Schnipsel aus, die Brown an den richtigen Stellen abfahren muss. „Die Oper besteht nicht aus einzelnen Liedern, sondern aus fast fünf Stunden ununterbrochener Musik. Da musst du das Stück sehr, sehr gut kennen. Man muss sich auf die übergeordneten Strukturen fokussieren.“ Mittlerweile kein Problem mehr für Brown. Seit 2012 hat er in fast 50 Aufführungen den Sound abgemischt.

16:00 Das Knie an die Nase, die Arme in die Luft. Zum „Warm Up“ werden Dehnübungen gemacht. Quer zum großen Spiegel der Probebühne stehen die Ballettstangen, auf ihnen ruhen die Hände der Tänzerinnen und Tänzer. Zu entspannter klassischer Klaviermusik folgen sie den Anweisungen von Übungsleiter Christopher Matt. So soll sich bei den anspruchsvollen Proben später niemand verletzen.

17:30 Die Presse hat sich angemeldet. Lucinda Childs sitzt anmutig am fast vollständig aufgebauten Bühnenbild, um kurz vor Probenbeginn noch ein Interview zu geben. Childs ist eine der bekanntesten Choreografinnen der Vereinigten Staaten und eine zentrale Figur der „Einstein“-Aufführungsgeschichte. In Berlin ist ihre Lucinda Childs Dance Company zu sehen. Schon bei der Premiere 1976 arbeitete sie als Solochoreografin und Hauptdarstellerin mit Philip Glass und Robert Wilson zusammen.

17:50 Gleich sollen die ersten Proben beginnen. Marc Warren, der die Produktion als technischer Leiter des amerikanischen Teams überwacht, sitzt hinter dem Regiepult. Ob der Zeitplan noch stimmt? „Der stimmt nie“, sagt er und lacht. „Obwohl Andreas Weidmann und ich bestimmt 100 Stunden Planungsarbeit in den genauen Ablauf gesteckt haben.“ Nicht ganz umsonst allerdings: Die Proben beginnen recht pünktlich.

18:00 Auf der Seitenbühne werden Lunchpakete gepackt. Das Mahl ist karg. Je einen leeren Kaffeebecher aus Pappe und einen Keks steckt Requisitenmeister Jeremy Lydic in die Papiertüten. Es sind nur Verpflegungsattrappen für die Aufführung. Das „Green Room“ genannte Cateringzelt im Garten hält für die Crew ein weitaus größeres Angebot bereit.

18:20 Cory McCutcheon schraubt den Perückenhalter für Albert Einsteins wirre Haarpracht am Maskentisch fest. Der „Hair and Make-Up Supervisor“ hat sein Reich mit Schminkpads und Döschen ausgerüstet. Drei Stunden vor jeder Show wird von ihm Akkordarbeit verlangt. Einstein und die wichtigsten Darsteller werden von ihm und seiner Assistentin geschminkt. „Den anderen haben wir beigebracht, ihre Haare selbst zu richten, da schauen wir dann nur noch einmal drüber“, sagt er.

20:35 Die Keyboards sind zwar moderner geworden, aber der musikalische Leiter Michael Riesman hat sich auf den alten Sound früherer Aufführungen festgelegt. Seit 1976 hat er jede Show dirigiert. Er ist der stete Wegbegleiter und einfühlsame Interpret von Philip Glass. „Das heißt, eigentlich spiele ich die meiste Zeit selbst, darin besteht mein Dirigat“, sagt Riesman. „Eine Oper ist dies eigentlich nur in dem Sinne, dass durchgehend Musik erklingt und Sänger dabei sind. Aber es gibt keine Geschichte und nur eine Arie.“ Gesungen werden nur Silben und Zahlen, der eigentliche Text wird gesprochen, etwa von Lucinda Childs. „Einzigartig am Stück“, so Riesman, „ist das veränderte Zeitgefühl: Alles entwickelt sich erst langsam.“ Für die Künstler und Techniker hinter den Kullissen ist das von wenig Bedeutung. Angesichts der bevorstehenden Berlin-Premiere müssen die Vorbereitungen zügig abgeschlossen werden.