Sänger

Singt mehr Italienisches!

„Cavalleria rusticana / Der Bajazzo“: Wenn deutsche Helden und Heroinen das Fach wechseln

Unlängst begab es sich in Berlin, dass der Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt an der Deutschen Oper Berlin sein Rollen-Debüt als Cavaradossi in Puccinis „Tosca“ gab. Er musste beim Verbeugen kräftige Buhs einstecken. Das war gewiss schmerzlich für ihn. Kurz danach indes sang Vogt in der Premiere des „Lohengrin“, erneut an der Deutschen Oper, seinen xten, aber vielleicht besten Schwanenritter überhaupt. Fantastisch! Voll dunkler, prallfarbiger Töne von ungeahnter Leucht- und Gefühlskraft. Was hat die eine Aufführung mit der anderen zu tun? Nun, Vogt selber meint – und er hat Recht damit –, dass der (geschmähte) Cavaradossi seinem Lohengrin Farben bescherte und eine Flexibilität verschafft hat. Diese nämlich kann man im Wagner-Gesang zwar gut brauchen, aber kaum entwickeln. Sein angreifbarer Cavaradossi war der Schlüssel für einen überragenden Lohengrin.

Früher war es üblich, dass Sänger mit dramatischen Stimmen sowohl im italienischen wie im deutschen Fach reüssierten. Der gefeierte Leo Slezak war ein bedeutender „Rigoletto“-Herzog und zugleich ein guter Stolzing in Wagners „Meistersingern“. Lilli Lehmann und Emmy Destinn interpretierten italienischen Mozart und Wagner. Eine Spezialisierung der Repertoires ergab sich erst später. Einerseits infolge von italienischen Sängern wie Enrico Caruso und Beniamino Gigli. (Die Italiener waren immer sehr vorsichtig!) Und andererseits durch prononcierte Wagner-Geschützte wie Lauritz Melchior und Kirsten Flagstad.

Diesen Spezialisten scheinen bis heute die meisten Karrieren nachgebildet. Dagegen blieben Universalisten wie Nicolai Gedda – oder heutzutage Jonas Kaufmann – die Ausnahme. Legenden hingegen wie etwa die hochdramatische Birgit Nilsson, die sich durch ihre Wagner-Erfolge nie vom italienischen Fach abhalten ließ, symbolisieren für viele bis heute den Wunsch, sich eben nicht auf das eine oder andere festlegen zu lassen. Sondern beides zu tun.

Zu viel Spezialismus nämlich ist schädlich. Wenn große Sänger zu lange warten, bevor sie zur italienischen Basis zurückkehren, dann müssen sie die Rechnung oft selbst begleichen. Ihnen fehlen (oder schwinden) dann: Flexibilität, Farbreichtum und jene weichere Linienführung, die sie überall gut brauchen können. Bei Wagner kommt es eben doch viel mehr auf Durchstehvermögen, auf bombensichere Spitzentöne und eine vokale Angriffslust an als auf Flexibilität und Geschmeidigkeit. Stahl und Stoßkraft mögen Tugenden sein. Aber solche, mit denen man im italienischen Fach keine Schlacht gewinnen kann.

Man darf also getrost ausrufen: „Sänger, singt mehr Italienisches!“ So wie dies jetzt Stephen Gould und Waltraud Meier im sogenannten „Cav/Pag“ tun, also im veristischen Doppelpack von Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo, bestehend aus „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“. Der US-amerikanische Tenor Stephen Gould hatte bereits Erfolge im Musical („Das Phantom der Oper“) zu verzeichnen, bevor er sich für eine Karriere als Heldentenor entschied. Christian Thielemann förderte ihn in Berlin unter anderem in Korngolds „Die tote Stadt“. Goulds Tätigkeit als Bayreuther Siegfried wurde auch auf CD gebannt. Als Tannhäuser, als Parsifal und Tristan kehrte er mehrfach nach Berlin zurück. Wobei, wie bemerkt wurde, sein Tristan (konzertant unter Marek Janowski) noch am Ende der fünfstündigen Tortur so kraftvoll tönte, als wolle er fragen: „Wo bleibt denn mein 4. Akt?“

Goulds jetziger Canio in „Der Bajazzo“ ist tatsächlich sein (spätes) Rollen-Debüt. Fast im italienischen Fach überhaupt. Gould hat bislang lediglich Verdis „Otello“ auf der Bühne verkörpert. Außer einigen Rossini-Rollen zu Jugendzeiten – noch als Bariton! – hat er das Italienische vermieden.

Waltraud Meier wiederum, wichtigste deutsche Wagner-Sängerin ihrer Generation, hat ihren Rang eben nicht nur als legendäre Kundry und überragende Isolde erworben. Sondern ebenso als Eboli (in „Don Carlo“) und Amneris („Aida“). Mit dieser Abwechslung legte sie die Basis für eine nicht zufällig inzwischen mehr als 35-jährige Karriere. Auch sie kehrt als Santuzza in „Cavalleria rusticana“ regelmäßig in den Club der italienischen Vollblüter zurück.

Die Oper ist eine italienische Erfindung, wie Parmesankäse und Pizza. Sie bildet Stimm-Farben, intensiviert Ausdruck und lässt den Gefühlen freieren Lauf. Also: Willkommen im Club! Das Singen der italienischen Oper nützt auch der deutschen.

„Cavalleria rusticana / Der Bajazzo“ mit Waltraud Meier und Stephen Gould am 14.,18., 22., 26. März