Zu Besuch: Heidi Stober und Simon Pauly

Der Liebestrank wartet zu Hause auf dem Sofa

Heidi Stober und Simon Pauly zählen zu den wenigen Ehepaaren im Ensemble. Im April sind sie endlich auch auf der Bühne ein Paar

Jetzt ist es also heraus: Susanna liebt ihren Figaro gar nicht wirklich, sie findet den Grafen Almaviva viel anziehender. Jedenfalls, wenn Heidi Stober (35) die Kammerzofe spielt und Simon Pauly (38) den Grafen. Seit zweieinhalb Jahren sind sie verheiratet, und sie stehen furchtbar gern gemeinsam auf der Bühne.

Leider durften sie noch nie ein richtiges Liebespaar spielen. Küsse werden nur hinter der Bühne getauscht. Dabei eröffnen sich doch für Mozarts Opern ganz neue Interpretationsmöglichkeiten, wenn Don Giovannis Diener Leporello sich heimlich nach Zerlina verzehrt, und Papageno viel lieber mit Prinzessin Pamina zusammen wäre als mit seiner Papagena. „In der letzten ‚Zauberflöte‘ vor der Geburt unseres Sohns Henry hatte ich schon einen sehr sichtbaren Babybauch. Auch das gibt dem Stück eine interessante Wendung“, so die Sopranistin lachend.

„Die Zauberflöte“ ist so etwas wie ihre Schicksalsoper. Simon Pauly gab sein Debüt an der Deutschen Oper Berlin 2005 mit dem Papageno und wurde ins Ensemble engagiert. Drei Jahre später debütierte das neue Ensemblemitglied Heidi Stober mit der Pamina. In der „Zauberflöte“ haben sich beide kennen und lieben gelernt. Nun sitzen sie fröhlich auf dem schwarzen Ledersofa in ihrer Charlottenburger Altbauwohnung, während das zehn Monate alte Söhnchen mit der quietschenden Giraffe auf dem Teppich spielt.

„Hol doch mal das Foto“, sagt Heidi, und ihr Mann flitzt ins Schlafzimmer. Das Hochzeitsgeschenk eines Familienmitgliedes aus dem Salzburger Marionettentheater sorgt immer wieder für Gelächter. Das Bild zeigt Pamina und Papageno eng umschlungen auf der Seitenbühne, während vor dem Vorhang Tamino und Papagena miteinander spielen. Die Hochzeit hat das Paar gleich doppelt gefeiert, einmal in Bayreuth, wo Simon aufwuchs, und einmal in Wisconsin, wo Heidis Elternhaus steht. Die Flitterwochen in der Toscana waren bisher die einzige gemeinsame Urlaubsreise.

Im April sind sie nun endlich auch auf der Bühne ein Pärchen. Als Adina und Belcore geben sie in Donizettis „Liebestrank“ ihre Rollendebüts. Auf dem heimischen Sofa studieren sie ihre Partien. Viele Gespräche in der Drei-Zimmer-Wohnung drehen sich um die bevorstehende Premiere, die Partien und Charaktere. „Belcore ist ein Gockel, der sich aufplustert. Wegen seines Rangs und Aussehens glaubt er einen Anspruch auf die Dorfschönheit zu haben“, erklärt der Bariton. Doch am Ende wird daraus wieder nichts, und Heidi heiratet Nemorino.

„Ich habe nie richtig Glück“, schmunzelt Simon Pauly. Beide müssen oft Kollegen in den Armen halten und küssen. Sie sind nicht wirklich eifersüchtig auf die vielen anderen Bühnenpartner. „Aber ich sehe es auch nicht richtig gern“, meint Heidi. „Wenigstens sind wir beide Sänger und wissen, wie sich das anfühlt“, fügt Simon hinzu. „In Wahrheit ist es keine romantische Situation. Man schwitzt und spuckt sich an und muss trotzdem dafür sorgen, dass es nach großer Liebe aussieht.“

Viele Ehepaare gibt es nicht im Ensemble der Deutschen Oper Berlin. Dabei hat so ein Sängerpaar doch viele Vorteile. Heidi und Simon haben gemeinsam Unterricht bei demselben Lehrer. Sie haben in ihrem Partner immer einen kompetenten Gesprächspartner, wenn es um Gesangstechnik, Stimmentwicklung oder Rollengestaltung geht. „Wir haben einander immer Feedback gegeben. Es ist ja eine Vertrauensfrage, von wem man Kritik annimmt“, findet Simon.

Was die Nervosität vor Premieren angeht, hat er viel von seiner Frau gelernt: „Sie ist so unkompliziert, verbringt den ganzen Tag einfach genau wie immer, geht dann in die Oper und singt. Ich bin inzwischen auch viel lockerer geworden.“ Der kleine Henry würde es sowieso nicht zulassen, dass ein Elternteil den ganzen Tag im Sessel sitzt und an die bevorstehende Premiere denkt...

Simon war schon als Kind von der Oper begeistert, Heidi hat diese Welt erst sehr spät entdeckt. Die Pilotentochter aus einer Kleinstadt in Wisconsin wollte Rechtsanwältin werden und war schon an der Universität, als sie in eine Aufführung von „Die Entführung aus dem Serail“ geriet. Sie änderte ihren Lebensplan, studierte Chorleitung und schließlich Gesang.

Simons Elternhaus steht direkt am Grünen Hügel, fünf Minuten vom Festspielhaus entfernt. Wenn er das Fenster seines Zimmers öffnete, konnte er es sehen – und auch etwas von den Vorstellungen hören. Mit Katharina Wagner ging er gemeinsam zur Grundschule: „Sie war in der Klasse unter mir, und ich habe sie gern an den Haaren gezogen.“ Mit neun Jahren stellte er sich mit einem Schild vor das Festspielhaus: „Suche Karte für ,Tannenhäuser’“. Auch einen hübschen Weihnachtsbaum hat er dazu gezeichnet. Nach zehn Minuten hatte er eine Karte. Später wurde er für den Wolfram im „Tannhäuser“ von der Zeitschrift Opernwelt als „Nachwuchssänger des Jahres“ nominiert.

Dass er Musiker werden wollte, wusste Pauly schon früh. Eigentlich dachte er an den Beruf des Trompeters. Mit dem Blasinstrument war er erfolgreich bei „Jugend musiziert“-Wettbewerben und unternahm schon kleine Tourneen. Eines Tages begegnete er einem Chorleiter und sang ihm aus Spaß vor. Der Chorleiter war begeistert, sechs Wochen später nahm er als Sänger beim Regionalwettbewerb „Jugend musiziert“ teil, nach drei Monaten war er Bundessieger.

„Alles mit meiner gottgegebenen Stimme“, erinnert er sich. „Das ging so leicht, fühlte sich so natürlich an. Auch die Verbindung mit dem Wort gefiel mir auf Anhieb.“ Danach fing er mit dem Gesangsstudium in München an.

Heidi begann nach dem Studium im „Young Artists Program“ in Utah. Ein Knochenjob mit 250 Vorstellungen pro Spielzeit, vor allem mit „Outreach Shows“ in Schulen und Kulturzentren des Landes. Dann folgte das Opernstudio der Houston Grand Opera, und nach einer dreiwöchigen Tour mit Vorsingen in ganz Europa durfte sie an der Deutschen Oper Berlin beginnen.

Aber auch in den USA ist sie weiterhin sehr gefragt. Sie gastiert an der Metropolitan Opera in New York, in Houston, Boston und Santa Fe. Vor allem an der San Francisco Opera hat sie ein zweites künstlerisches Zuhause gefunden. Hier wird sie im Juni mit der Magnolia in „Showboat“ ihre allererste Musicalrolle übernehmen. „Die Tanzschritte habe ich schon studiert, in den nächsten Monaten muss ich noch Gitarre lernen“, sagt sie. Auf dem Bücherregal liegt eine Laute, ein Geschenk für Simon zur Premiere vom „Barbier von Sevilla“. Doch das Instrument ist reine Dekoration, Saiteninstrumente spielen beide nicht.

Als Kind hat Heidi Stober Klavier gelernt, auf dem Clavinova im Schlafzimmer spielt sie hin und wieder. Simon holt die Trompete meist zu Weihnachten hervor. „Ich spiele zwei Minuten, und dann habe ich eine dicke Lippe.“

Gesungen wird nur in der Oper, aus Rücksicht auf die Nachbarn. Der Fußweg beträgt nur zehn Minuten, und die gute Nachbarschaft im Haus ist beiden viel wert. Einmal im Jahr trifft sich die ganze Hausgemeinschaft zum Martinsgans-Essen.

Simon hat noch nie in den USA gesungen. So viele Gastspiele wie seine Frau gibt er nicht, er ist ein begeisterter Ensemblesänger. Nach dem Studium war er fünf Jahre in Kiel, danach zwei weitere in Krefeld-Mönchengladbach, bevor er an die Deutsche Oper Berlin kam.

60, 70 Mal hat er hier den Papageno gesungen, und noch immer gehört er zu seinen Lieblingspartien. „Manchmal komme ich aus der Garderobe auf die Seitenbühne, einfach um zuzuhören“, erzählt er. Auch „La Bohème“ liebt er sehr als Ensemblestück: „Es ist ein großer Spaß, das mit den Kollegen zu spielen, die man so gut kennt.“ Er freut sich schon auf die Premiere von Brittens „Billy Budd“ und „Die Zauberflöte“ in der Waldbühne.

Privat legen Heidi Stober und Simon Pauly keine klassische Musik auf. Er mag Jazz, sie Stevie Wonder. Zusammen hören sie am liebsten die Dave Matthews Band. Einen Fernseher gibt es nicht in dem Charlottenburger Haushalt. Die Familie sieht sich aber gern ausgewählte Filme mit dem Beamer an.

Wenn man im Internet nach dem Bariton sucht, findet man den Fotografen Simon Pauly. Fotografie ist sein zweites künstlerisches Betätigungsfeld, eigentlich schon mehr als ein Hobby. Dutzende von Fotos schmücken die Wohnzimmerwände und den Kühlschrank. Auf Künstlerporträts hat er sich spezialisiert. Sängerkollegen, Dirigenten, Komponisten und natürlich immer wieder seine Frau hat er mit seiner Nikon eingefangen.

Aber es gibt auch beeindruckende Landschaftsaufnahmen und eine ausgesprochen witzige Serie von Hydranten in den USA. Letztes Jahr hat er als Kameramann den Kurzfilm „Monsura is Waiting“ gedreht, der jetzt auf amerikanischen Festivals gezeigt wird. Heidi verfasst gern handgeschriebene Briefe und hält auch über Skype Kontakt mit Verwandten und Freunden in den USA. Ihr eigentliches Hobby kann sie in Berlin schlecht ausüben: „Ich angle für mein Leben gern.“

Beide finden ihr Leben zwischen zwei Kontinenten besonders interessant. Auch ihr Sohn Henry, der zweisprachig aufwächst, ist schon weit gereist. Mit knapp drei Monaten flog er das erste Mal nach Atlanta. Simon hat fünf Monate lang Elternzeit genommen und ist mit Heidi und Henry quer durch die USA gereist. Er kümmerte sich um das Kind, während Heidi sang. Zu Hause teilen sich beide die Hausarbeit. Die Küchenzeile im Wohnzimmer hat Simon selbst gebaut. Er ist der Koch, sie ist die Bäckerin.

Henry schläft inzwischen die Nächte meist durch. „In der Anfangszeit habe ich Heidi sehr bewundert, wenn sie nach zwei, drei Stunden Schlaf ihre Vorstellungen gesungen hat“, erzählt Simon. Wenn beide demnächst gleichzeitig für den „Liebestrank“ proben, kommt eine gute Freundin aus den Vereinigten Staaten, um auf das Kind aufzupassen.

„Wir sind hier wirklich sehr glücklich“, betont Simon Pauly. Ein bisschen Wehmut schwingt schon mit, wenn er dann erklärt, dass beide nur noch bis zum Ende der Spielzeit als feste Ensemblemitglieder an der Deutschen Oper Berlin engagiert sind. „So ist das nun einmal in unserem Beruf. Wir arbeiten dann frei, aber Berlin soll unsere Basis bleiben. Und auf jeden Fall werden wir als Gäste weiter an der Deutschen Oper Berlin singen.“