Titelthema: „Gilgamesh Must Die!“

„Die Suche nach Unsterblichkeit ist lebensgefährlich“

Ein Gespräch mit Protagonisten des Konzerttheaters „Gilgamesh Must Die!“ in der Tischlerei

Am 17. März feiert „Gilgamesh Must Die!“ in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin Premiere. Es ist eine unkonventionelle Produktion von Menschen aus den unterschiedlichsten Umfeldern: eine Popband, eine klassische Sängerin, eine Schauspielerin, ein Theaterregisseur sowie 16 Kinder und Jugendliche aus Berlin. Sie alle beschäftigen sich mit der ältesten überlieferten Geschichte der Welt, dem Gilgamesch-Epos.

Nach der Probe trafen sich die Opernsängerin Christina Sidak, Regisseur Daniel Pfluger und der 20-jährige Francesco Grothe mit unserer Autorin Jacqueline Krause-Blouin zum Gespräch: über Unsterblichkeit, Sinnsuche – und wie uns Facebook Lebendigkeit vorgaukelt.

Berliner Morgenpost:

Francesco, wäre Unsterblichkeit, so wie sie Gilgamesch fast obsessiv erlangen will, für dich überhaupt erstrebenswert?

Francesco Grothe:

Für den Großteil von uns Jugendlichen kam nach langen Diskussionen heraus, dass es nicht erstrebenswert wäre. Es ist ja auch nicht gerade eine schöne Aussicht, alle seine Liebsten zu überleben. Wir haben uns aber auch mit einer Art metaphysischer Unsterblichkeit befasst: Also mit den Dingen, die man hier auf der Erde hinterlässt. Kann man in der Erinnerung unsterblich werden? Über seine Taten oder Veränderungen, die man bewirkt hat? Das ist auch eine der Pointen unseres Stücks – am Ende fordern wir die Zuschauer auf: „Vergesst uns!” Wenn man jemandem nämlich sagt, dass er einen vergessen soll, dann wird derjenige es nicht schaffen. Wenn man etwas vergessen muss, denkt man ja erst richtig daran.

Wie mit dem rosa Elefanten?

Grothe:

Genau, wir sehen quasi ein, dass es nicht möglich ist, für immer in Erinnerung zu bleiben. Weil das für uns irgendwie zu hoch gegriffen ist.

Ist das nicht auch Koketterie?

Daniel Pfluger:

Natürlich ist es das. Aber wir schaffen nun einmal etwas, was unglaublich flüchtig ist. Es existiert nur an diesem Abend. Wenn etwas davon unsterblich wird, dann höchstens in den Köpfen der Zuschauer. Natürlich kann man sich die Platte von „The bianca Story" kaufen oder sieht Ausschnitte auf YouTube, aber das ist ja nicht dasselbe wie den ganzen Abend live erlebt zu haben.

Nur wenn man die Endlichkeit akzeptiert, hat man also die Chance auf Unsterblichkeit?

Pfluger:

Christina Sidak:

Bin ich in der Lage, mich dem großen Ungewissen hinzugeben, das der Tod für uns alle ist? Wir können ja mittlerweile alles Mögliche erforschen und herausfinden – nur nicht, wie das „Danach“ sein wird. Dieser ultimative Kontrollverlust, der ja auch Gilgamesch quält, ist in uns allen vorhanden. Babys wollen angeblich auch deswegen nicht einschlafen – weil sie sich vor dem Einschlafkontrollverlust fürchten. Ich finde, sich der Unabwendbarkeit des Todes hingeben zu können, ist auch eine Qualität des Menschseins. Wenn man nicht loslassen kann und krampfhaft am Leben festhalten muss, bringt das letztendlich auch sehr viel Unglück mit sich.

Ist das nicht paradox, dass Gilgamesch das Ziel, die Unsterblichkeit zu erlangen, zu seinem persönlichen Sinn des Lebens erklärt?

Grothe:

Für Gilgamesch ist es wichtig, sich ein neues Lebensziel zu setzen. Er muss sich selbst künstlich etwas schaffen, weil er mit dem Schmerz über den Verlust seines einzigen Freundes Enkidu nicht umgehen kann. Dann denkt er sich: „Ich erlange Unsterblichkeit, das hat vor mir erst einer geschafft!“

Pfluger:

Bizarrerweise ist die Suche nach der Unsterblichkeit für Gilgamesch auch etwas, für das er bereit ist, draufzugehen, wenn es nötig ist. Die Suche nach der Unsterblichkeit ist lebensgefährlich.

Macht die Suche nach dem Sinn eigentlich Sinn?

Pfluger:

Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst, das ist meine Philosophie. Ich versuche auch mir einige Fragen einfach nicht zu stellen. Die bringen einen nämlich auch nicht unbedingt weiter.

Grothe:

Ich finde, die Suche macht schon Sinn, wenn man mit seinem Leben unzufrieden ist. Man hat ja quasi nur zwei Alternativen, wenn es einem im Ist-Zustand schlecht geht: Entweder man nimmt sich das Leben oder man sucht sich halt etwas, wodurch das Leben wieder einen Sinn bekommt.

Dann bleibt man unter Umständen ewig auf der Suche.

Sidak:

Ist Suche nicht vielleicht genau die Antwort? Das tägliche Finden des Sinns, sich nicht im Fernen zu verlieren. Sondern zu merken, dass jeder Tag und jeder Augenblick sinnvoll ist, einfach weil er ist.

Pfluger:

Der Sinn des Lebens ist etwas, das man gar nicht finden soll, davon bin ich überzeugt. Denn wenn man ihn findet – was macht man dann?

Der Begriff „Das Leben danach“ ist eine menschliche Erfindung. Was stellen Sie sich darunter vor?

Pfluger:

Da sind unsere Ansichten innerhalb der Gruppe sehr verschieden. Es gibt durchaus Leute, die keine Ambitionen an irgendeine Art von Fortführung haben und die möchten, dass es nach dem Ende auch wirklich zu Ende ist. Es gibt die, die den Tod akzeptieren können, aber gerne in Erinnerung behalten werden möchten. Andere glauben, dass es in irgendeiner Form weitergeht, sei es aus religiösen Gründen oder auch weil man sich einfach nicht vorstellen kann, dass es nicht weitergeht. Rein organisch gesehen ist das ja auch so: Energie geht nie verloren, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Man wird wieder ein Teil dieses großen Kreislaufes.

Grothe:

Ich bin zwar nicht religiös, aber ich halte es für krass unwahrscheinlich, dass da einfach nichts auf das Leben folgt.

Pfluger:

Beinahe alle Kulturen zeichnen das Ende auf irgendeine Art und Weise. Derzeit gibt es Entwicklungen, die sich damit befassen, ob man das menschliche Bewusstsein auf eine Art externer Festplatte speichern kann. Auch alle Formen von „sich klonen“ sind Ideenkopien unserer religiösen Bilder, die in unserem kollektiven Bewusstsein sind. Die Festplatte, alias die Seele, wird konserviert im „Himmel“, das Klonen greift das Thema der Wiedergeburt auf. Wir versuchen diesen Sachen nahe zu kommen, auf allen möglichen Ebenen.

Sidak:

Das stimmt schon. Wir versuchen mit allen Mitteln unsere Spuren zu hinterlassen, für den Fall, dass es zu Ende geht. Aber letztendlich ist der Mensch doch schon sehr diesseitsbezogen.

Pfluger:

Die Frage ist ja, ob man sich um die nachfolgende Generation schert oder um sich selber. Wenn ich mir beispielsweise Facebook angucke: Wir hinterlassen jetzt Spuren im Internet und wir tun das auch, um uns zu versichern, dass wir leben.

Obwohl doch die isolierte digitale Welt alles andere als lebendig ist.

Pfluger:

Absolut, aber wir signalisieren der Welt ständig: „Ich lebe, ich lebe, ich lebe!“ Und das tue ich mit Facebook! Einsamkeit kann ja auch Tod bedeuten. Wenn man komplett isoliert ist, nennt man das ja auch den „gesellschaftlichen Tod“. Kein Schwein ruft mich an, aber ich gucke mir bei Facebook meine „Timeline“ an und da steht dann: „Gott sei Dank, dass ich geboren wurde.“ Und die nächste Station ist leider erst „Bin Facebook beigetreten“. Aber alles was davor war, ist auch nicht relevant. (lacht)

Ist die unmittelbare Rückmeldung des Publikums, die ja auch Lebendigkeit bedeutet, der Grund dafür, dass man auf der Bühne steht?

Grothe:

Bewusst nicht. Aber natürlich hat man irgendwo im Innern diesen Wunsch nach Bestätigung, das Bedürfnis, sich nach außen zu präsentieren. Gäbe es diesen Antrieb nicht, hätte ich wahrscheinlich keine Lust, jedes Wochenende hier zu proben.

Sidak:

Sich auf so eine besondere Art am Leben zu fühlen, ist schon etwas Wunderschönes, egal ob beruflich oder als Hobby. Dieses „im Moment sein“ ist so unglaublich beglückend – wenn man spürt, dass die Welt um uns herum total egal wird und auch die Zeit einfach verfliegt, weil man völlig in dem aufgeht, was man tut. Ich genieße es auch sehr, mit den Jugendlichen zu arbeiten. Weil sie Offenheit, Konzentration und Körperbewusstsein mitbringen. Da kann ich wahnsinnig viel lernen. Ich gehe immer total beflügelt aus diesen Proben raus. Das ist sicher eine ganz besondere Art von Lebendigkeit.

Francesco, du bist 20 Jahre alt. Hast du dir vor dieser Produktion solche existenziellen Fragen überhaupt gestellt?

Grothe:

Das alles hat schon sehr viel ausgelöst bei mir, über das Leben nach dem Tod und den Sinn des Lebens nachzudenken. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich daran verzweifle. Ich bin ja noch jung, ich habe vorher nie darüber nachgedacht, dass ich verenden könnte und sich keiner an mich erinnert. Oder den Druck gespürt, dass ich unbedingt jetzt schon etwas produzieren muss. Jetzt komme ich immer öfter in philosophische Phasen. Und dann, eine Woche später, schaffe ich es dann doch nicht, es im Alltag umzusetzen. „Gilgamesh Must Die!“ löst solche Gedanken aus. Das ist toll und es wird auch den Zuschauer catchen!