Berliner Perlen

Schmuck von Freundinnen

Goldschmiedin trifft Silberschmiedin: Bettina Siegmund und Daniela Nagi entwerfen, reparieren und restaurieren eigenwillige Kostbarkeiten. Vom Trauring bis zum Erbstück

In ihrem Geschäft „Scuderi“ stellen Bettina Siegmund und Daniela Nagi aus Edelsteinen und hochwertigen Metallen handgefertigten Schmuck her. Von Ideen der Kunden inspiriert, sind die Ketten, Armreifen, Ohrstecker mitunter Unikate mit eigener Geschichte. Und wer ausgefallene Trauringe sucht, ist bei ihnen genau richtig.

Die Besucher betreten einen zweigeteilten Verkaufsraum: links rohe, rauchgeschwärzte, unverputzte Ziegelwände. Rechts grellweiß getünchte Flächen mit Stuck. Verspielt, fast barock. Steine-Schürfen und Poesie, Natur und Kunst. Die Verkaufstresen sind gleichzeitig Werkbänke. Traditionell sieht die Werkstatt aus, mit Walzen, Ambossen, Schraubstöcken, Zieheisen zur Drahtherstellung und Schmelztiegeln. „Hier können wir Silber und Gold schmelzen, eigene Legierungen in unterschiedlichen Farbnuancen herstellen“, sagt Bettina Siegmund. Die schweren Geräte werden mit Muskelkraft bedient.

Häßliches Konfirmationsgeschenk

Früh ist Bettina Siegmund der Magie von Metall und Stein erlegen. Ihr Vater, ein Maschinenschlosser, brachte ihr das Schweißen bei, als sie noch Schülerin war. Das Gespür für Schönes und Trendiges verschaffte der Teenagerin schon auf Weihnachtsflohmärkten respektable Gewinne für selbst hergestellten Modeschmuck. Ihrem eigenem Geschmack folgte sie konsequent. So empfand sie ihr Konfirmationsgeschenk als stilistisch so einfallslos, dass sie den kleinen Weißgoldring mit Rubin daheim in eine untere Schublade verbannte.

Aufgewachsen nahe Düsseldorf, arbeitete die gelernte Goldschmiedin und Schmuckdesignerin nach ihrem Kunstgeschichts-Studium in München, bevor sie 1995 nach Prenzlauer Berg zog. „Das Gerede um diesen Kiez und die Schwaben“ kann die Mutter eines 18-jährigen Sohnes nicht nachvollziehen. Das Bioladen-Klischee ebenfalls nicht. „Eltern haben nun mal eine andere Einstellung als Singles. Die denken eben nachhaltig.“

In ihrem Kiez schätzt Siegmund das Networking unter den Geschäftsleuten. Und die neuen inhabergeführten Läden rund um den Kollwitzplatz haben ihrer Ansicht nach die Gegend belebt. So genießen die Mitarbeiter der „Scuderi“ ihre Mittagspausen im nahen „Suppen-Cult“ oder dem arabischen Imbiss „Salsabil“ nebenan. Das Café „Meierei“ lockt mit gemütlicher Atmosphäre und deftigem Mittagstisch. „Meine Bücher kaufe ich im ,Georg Büchner Buchladen‘ gegenüber, Kindersachen für mein Patenkind in der ,Kinderstube‘ an der Rykestraße“, sagt Bettina Siegmund. Zum Dinner empfiehlt sie das italienische „Restaurant Herr Rossi“ an der Winsstraße.

Für die heute 46-Jährige hieß es im Jahr 2000: umdenken. Ihr damaliger Arbeitgeber, ein Goldschmied in Mitte, musste seinen Standort aufgeben. Siegmund wagte mit drei Kolleginnen die Selbständigkeit. Richtig erfolgreich wurde sie aber erst, als sie mit ihrer Freundin, der Silberschmiedin Daniela Nagi, vor 13 Jahren einen Neuanfang machte.

Die 49-Jährige studierte an der Kunst-Akademie in Nürnberg, bevor sie sich an der Berufsfachschule in Neugablonz spezialisierte. Die Begeisterung der Frauen für Italien, wo sie sich kennen gelernt hatten, inspirierte sie zum Namen des Ladens: „Scuderia“ ist Italienisch für „Werkstatt“. Und ist angelehnt an E.T.A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“, den ersten deutschen, in der Schmuckmacherei angesiedelten „Krimi“.

„Unsere Freundschaft ist gut fürs Geschäft“, sagt Siegmund, „weil man Stil und Geschmack der Kollegin kennt.“ Neben Siegmund und Nagi trifft man im Geschäft Goldschmiedemeisterin Ute Scholl, die sporadisch in der Werkstatt arbeitet und im Laden ausstellt.

Die Präzision bei der Herstellung führen sie auch im Verkauf fort. Wer etwas kauft, wird notiert. Wer dann einer Kundin etwas Neues schenken möchte, kann so sicher sein, dass sie das gleiche Stück noch nicht besitzt.

Zum Sortiment gehören Verlobungs- und Trauringe. Etwa mit Finger-Abdrücken: eine komplizierte Anfertigung mit Hilfe von Silikon und Wachs. Ein Hochzeitspaar gab Goldringe in Auftrag, die außen fünf Keramikpunkte trugen: Symbole für Braut und Bräutigam sowie deren drei Kinder. Bemerkenswert auch der Ring für jene Kundin, der ein Stück vom Finger fehlte: Am Schmuckstück wurde unauffällig die Prothese befestigt.

Kunden aus Amerika

Daneben modernisieren und reparieren die Designerinnen alten Familienschmuck. Und das Geschäft läuft gut: Eine Wirtschaftskrise haben die Chefinnen der „Scuderi“ kaum gespürt. Dank der Erwähnung in Reiseführern kommen Besucher aus den USA, Frankreich, Italien.

„Unser Schmuck ist kein Statussymbol. Sondern alltagstaugliche erschwingliche Mode“, sagt Bettina Siegmund. Ringe mit Stein etwa sind ab 300 Euro zu haben, Armbänder ab 280 Euro. Wichtig ist ihr der Wiedererkennungswert. „Es geht uns nicht darum, irgendwie Schmuck zu machen. Sondern einen typischen einmaligen Stil zu kreieren.“

Scuderi Wörther Straße 32, Prenzlauer Berg, Tel. 47 37 42 40, geöffnet von Montag bis Freitag 11–19 Uhr, sonnabends 11–16 Uhr