Horrmanns Gourmetspitzen

Doppelt schmeckt besser

Heinz Horrmann besucht die Restaurants „Facil“, „Grill Royal“, „Le petit Felix“ und „Grosz“ erneut

Die Fülle der Aromen, das volle Geschmackserlebnis muss schon grandios sein, wenn die Portionen klein und sehr übersichtlich sind. Exakt das ist im „Facil“ der Fall, dem Restaurant am Potsdamer Platz, das ich nach der Auszeichnung mit dem zweiten Michelin-Stern noch einmal besucht habe. Die Terrine von der Gänseleber, einmal nicht mit feiner Säure abgerundet, sondern mit Kerbel und einem Hauch von Salmiak, hatte beispielsweise gerade mal die Größe eines Radiergummis, aber die Qualität und die Aromenkombination waren sensationell. Genauso wie der Saum vom Heilbutt mit Sauce Meunière und Schwarzwurzel. Ebenfalls ein Gericht, von dem man sich mindestens die doppelte Portion gewünscht hätte. Zwei Gerichte, die Küchenchef Michael Kempf neu komponiert hat. Überhaupt ist das Menü, bis auf die Jakobsmuschel mit Curry und Koriander, komplett neu zusammengestellt. Wolfsbarsch passt durchaus im Zusammenspiel mit Grünkohl, weil das eher deftige Gemüse mit einer köstlichen Beurre blanc geschmacklich elegant und geschmeidig gemacht wird. Wirklich köstlich ist der kleine, überaus aromatische Streifen von der Schulter des Uckermärker Rinds. Der Braten gart bei ganzen 55 Grad Celsius 30 Stunden im Ofen. Danach ist er von überragender Zartheit, ohne die köstliche Kraft verloren zu haben.

Ein weiteres Gericht der Extraklasse und neu auf der Karte ist der Poltinger Rehrücken mit Wintersalat, Zimtblüte und Blutorange. Auf den ersten Blick eine verwirrende Mischung, die sich dann aber geschmacklich als hervorragend herausstellt. Natürlich muss man anmerken, dass die Preise den Gipfel erreicht haben. Der Rehrücken steht ebenso wie die Seezunge mit 66 Euro auf der Rechnung, mittags ist es freilich günstiger, da sind zwei Gänge mit 32 Euro kalkuliert, und es stehen Besonderheiten wie mit Holzkohleöl parfümierter Felsenoktopus mit Artischocken auf der Karte.

Gleichbleibend liebenswert und kompetent ist der Service, der zum Kaffee aromastarke Kleinigkeiten des Patissiers Thomas Yoshida serviert, der nach der Hochzeit mit der charmanten Servicedame deren Namen angenommen hat. Seine Desserts mit wilder Feige, Maracuja oder einer Marone-Apfel-Kombination sind überragend. Unter dem Strich steht nach dem Genießen ohne Frage die Bestätigung des zweiten Sterns. Dazu trägt natürlich auch einen Großteil der umsichtige Maître Manuel Finster mit charmanter Regie bei.

Nur nicht wertvoll in den „Grill“

Im „Grill Royal“ ist die Fleischqualität immer gleichbleibend gut, das konnte ich auch bei Hochbetrieb feststellen. Die handwerkliche Zubereitung ist noch besser als zuvor. Man kann sagen, sie ist nahezu perfekt geworden. Eine echte Empfehlung für den Steak-Fan. Doch ein Tipp von mir: Nehmen Sie den ältesten Mantel, den Sie haben, mit. Oder noch besser einen, den sie einfach loswerden wollen. Nach meinem Steak-Genuss brachte mir die recht einfältige Garderobenfrau einen Damenmantel. Ich wand ein, so etwas würde ich eigentlich nicht tragen, ich hätte die Nummer 72 bekommen und einen schwarzen Herrenmantel abgegeben. Ohne Erfolg verpuffte das Argument. Die junge Dame hatte meinen Mantel bereits ausgehändigt. Sie entschuldigte sich, hat mir damit aber unfreiwillig eine entsetzlich lange Wartezeit verordnet. Die Recherche der Geschäftsleitung ergab, dass ein Mann, der im „Hotel de Rome“ wohnte, ihn mitgenommen hatte. Es wurde ohne Ende telefoniert, zum Haareraufen, schließlich kam mein Mantel mit dem Taxi zurück. Reines Glück, dass der Gast seine Businesskarte für die Kundenkartei hinterlassen hatte.

Eine Nachbetrachtung zum Jubeln erlebte ich im „Le petit Felix“. Eine neue Küchenausrichtung, eine nochmalige Verbesserung des gesamten Konzepts, das ist für mich wichtiger und erwähnenswerter als eine Veränderung des Ambientes. Hier wurde das einmal mehr deutlich. Bei meinem Besuch war der Gastraum bis auf den letzten Platz gefüllt. Eine interessante Mischung an Gästen, viel Showgeschäft, etablierte Businessleute und fröhliches Jungvolk. Und alle machten einen zufriedenen Eindruck. Auch ich war von der Küche angetan, gewiss nicht konstant auf Sterne-Niveau, wohl aber aus ordentlichen Grundprodukten gut gemachte Gerichte, die serviert wurden. Exzellent war der Start mit einem kleinen lauwarmen Hummerragout mit (heißem) Selleriepüree. Herausragend waren auch die Flusskrebse mit Erbsen, Limette und Kokos. Eine Höhepunkt war die getrüffelte Taube Royal mit einem Birnensalat als leicht süße, passende Ergänzung. Und ein Extralob hat das Preis-Leistungs-Verhältnis verdient. Das Fünf-Gang-Menü ist mit 69 Euro ausgezeichnet.

Zu einem regelrechten Lunch-Restaurant scheint sich das „Grosz“ zu entwickeln. Das hat gute Gründe, der Gast wird schnell, aber durchaus kompetent bedient. Meine Mittagswahl sind die drei Varianten der Bouillabaisse, die kleine „La Petite“ (zwölf Euro) mit drei verschiedenen Fischen: Rotbarbe, Butt und Lotte. Die Ausführung „La Grande“ für zwei Personen (22 Euro) wird von Jakobsmuscheln und Langusten dominiert, und bei der köstlichsten und teuersten Variation, „La Spéciale“ (40 Euro), langte der Küchenchef in die ganz edlen Töpfe und verarbeitet viel Hummer und köstlich zarte Stone Crabs.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonntag für die Berliner Morgenpost