Kulturmacher

Bis ins Treppenhaus

Auch bei Überfüllung geöffnet: Ursula Vogel leitet das Literaturforum im Brecht-Haus. Mal stellt sie Stars wie Jonathan Franzen vor, mal lädt sie zum Gespräch über die alte Bundesrepublik

Dass sie mit Literatur-Superstar Jonathan Franzen seinen letzten Roman „Freiheit“ im Naturkundemuseum vorstellen konnte, war selbst für Ursula Vogel ein echtes Highlight. Dabei ist die Leiterin des Literaturforums im Brecht-Haus den Umgang mit prominenten Schriftstellern durchaus gewohnt. Lesungen sind schließlich ihr tägliches Geschäft, wenngleich nicht immer mit den ganz Großen der Branche. Schließlich liegt der Reiz im Literaturbetrieb immer auch im Neuen, im Unbekannten: „Weil wir als Veranstaltungsort nicht so groß sind, können wir Autoren ein Forum geben, die man nicht von vornherein kennt“, sagt Ursula Vogel

Ihre Neugier und Offenheit sowie die Lust daran, Menschen und Dinge zusammenzubringen, die auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammenpassen, sind die wohl auffälligsten Eigenschaften der 57-Jährigen. So hat sie etwa 2010 die Buchvorstellung von Jochen Schimmangs Roman „Das Beste, was wir hatten“ über die Bonner Bundesrepublik vom Ost-Berliner Thomas Flierl moderieren lassen, dem Linken-Politiker und ehemaligen Kultursenator. „Ich wollte da jemanden mit einer ganz anderen Sozialisation als Schimmang. Flierl war begeistert. Allein schon, weil er den Roman sonst nie gelesen hätte“, sagt sie über das ungewöhnliche Aufeinandertreffen von Ost- und West-Biografie.

Kafka im Sommer

Nur eine von vielen Veranstaltungen im Kleinen Saal des Brecht-Hauses, der, wie der Name verrät, schnell gefüllt ist. Dann wird auch schon mal das Treppenhaus zum Zuschauerraum umfunktioniert. Oder sie verlegt große Veranstaltungen ins Berliner Ensemble. Im Kleinen Saal mit der beeindruckenden Fensterfront indes nutzt sie jede Ecke. Die Wände zum Beispiel sind für Ausstellungen reserviert, momentan für die fotografischen Arbeiten von Stefan Kiess.

Im Gegensatz zum Saal im Parterre sind die Büroräume des Literaturforums im ersten Stock regelrecht weitläufig. Braun- und Grautöne dominieren dort. Das Mobiliar wirkt sachlich, an den Wänden hängen Gemälde mit Porträts von Bertolt Brecht und Helene Weigel, die hier einst lebten und arbeiteten. Genau der richtige Ort, um selbst komplizierte literarische und wissenschaftliche Inhalte leidenschaftlich und dennoch bodenständig zu diskutieren. Hier planen Ursula Vogel und ihr Team nicht nur das Tagesprogramm sondern auch Veranstaltungsreihen. Wie die zwei „Sommerwochen“ im Juli und August, die jeweils einem Schriftsteller gewidmet sind. In diesem Jahr gibt es eine Franz-Kafka- und eine Uwe-Johnson-Woche. Beide sind Autorenlieblinge von Ursula Vogel, wie sie gesteht. „Ich lese sie gern und möchte mehr über sie wissen. Das Programm mache ich letztlich ja auch für mich“, sagt sie über ihr Erfolgsgeheimnis.

Obwohl Lesen für sie schon immer eine der schönsten Beschäftigungen war, ging es für die gebürtige Ostwestfälin beruflich zunächst in eine völlig andere Richtung: Sie arbeitete als Erzieherin, bevor sie sich Mitte der 80er-Jahre entschloss, Germanistik an der Freien Universität zu studieren.

Danach rezensierte sie für Zeitungen und Rundfunksender Bücher, bevor sie erst die Leitung des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf übernahm, später das Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop führte. 2007 schließlich wurde sie Leiterin des Literaturforums. „Alles Zufälle. Nichts war geplant. Alles hat sich ergeben“, sagt sie über ihren beruflichen Werdegang. Ein wunderbares Beispiel dafür, dass geradlinige Biografien eher langweilig und maßlos überschätzt sein können.

Schwerpunkt ist das Sachbuch

Seither prägt Ursula Vogel mit ihrem Engagement das Konzept des Literaturforums: „Unser Schwerpunkt ist das politische, kulturwissenschaftliche Sachbuch. Wobei wir auf Buchpremieren auch aktuelle Belletristik vorstellen. Natürlich machen wir nichts davon akademisch“, fügt sie hinzu.

Dass die Frau mit dem ansteckenden Lachen irgendein Thema auf trockene, verkopfte Art angeht, kann man sich ohnehin nicht vorstellen. Für sie ist klar, dass manche angestoßene Diskussion in den umliegenden Cafés und Kneipen fortgeführt wird. „Die Gegend ist nicht so schick wie anderswo in Mitte, hat sich aber unglaublich lebendig entwickelt.“ Eine weitere Inspiration sei in der Gegend der Dorotheenstädtische Friedhof. „Das Areal ist immer wieder einen Spaziergang wert, jenseits von Büro und Großstadthektik“, sagt sie.

Ein Ort von ganz eigener Magie sei zudem der idyllische Hof des Brecht-Hauses mit zwei riesigen Kastanien. Vor allem, wenn das hauseigene Lokal, der Brecht-Keller, geöffnet ist. Derzeit ist allerdings dessen Pachtvertrag ausgelaufen. Ursula Vogel hofft auf eine schnelle Neuverpachtung, allein schon in Hinblick auf die Sommerwochen und das Sommerfest. Das wird mit der Akademie der Künste veranstaltet, die im Haus die Brecht-Weigel-Gedenkstätte und das Brecht-Archiv leitet.

Gerade stehen die „Brecht-Tage 2014“ auf dem Programm. „Schwerpunkt sind die Romane. Brecht hat zu Lebzeiten einen Roman veröffentlicht. Zudem gibt es mehrere Fragmente. In Forschung und Rezeption kommen aber stets nur seine Gedichte, Theaterstücke sowie ein wenig Kurzprosa vor.“

Im Zentrum ihrer Arbeit steht Brecht allerdings nicht, sondern die aktuelle Literatur. Und die Begegnungen zwischen Ost und West. Die sind für Ursula Vogel von vordringlicher Bedeutung. Sie selbst begann, sich Anfang der 90er-Jahre für DDR-Geschichte zu interessieren, als sie ein Radiofeature über die Stalinallee konzipierte. Mittlerweile lebt sie in einem der Häuser im Zuckerbäckerstil an der Karl-Marx-Allee. Das Brecht-Haus ist für sie ein besonderer Ort, um das gegenseitige Verständnis fördern: „Das ist heute noch sehr wichtig, weil Vieles einfach längst nicht abgeschlossen ist und seine Zeit braucht.“

Literaturforum im Brecht-Haus Chausseestraße 125, Mitte, Tel. 282 20 03, „Brecht-Tage 2014“ bis zum 14. Februar Veranstaltungsinformationen unter www.lfbrecht.de