Kulturmacher

Rockmusik, scharf abgeschmeckt

Andreas Winkler leitet das Musik-Restaurant Jagger in Charlottenburg. Der 47-Jährige ist Berliner und setzt beim Programm auf einheimische Bands, denn die bringen ihre Fans gleich mit

Mit Musik ist Andreas Winkler aufgewachsen. Sein Vater war Professor für Musik an einer Hochschule, die Mutter unter dem Namen Helga Profé Sängerin an der Deutschen Oper. Doch ins klassische Fach zog es den Jungen nie. „Meine Eltern hatten einmal einen Klavierlehrer ins Haus bestellt. Ich habe nur geheult, ich wollte auf den Fußballplatz.“ Und Andreas durfte kicken statt klimpern. Der Musik hat er trotzdem Treue geschworen, auf seine Art: Der inzwischen 47 Jahre alte Wilmersdorfer managt das Jagger an der Meinekestraße 21. Das Restaurant befindet sich in den früheren Räumen des Hard Rock Cafés. Die alten, braunen Holzstühle gibt es noch. Aber sie werden oft beiseitegeschoben – zum Tanzen. An sechs Tagen in der Woche spielen Bands live, am siebten Tag – montags – gibt es Karaoke.

Beim Jagger, das vor einem Jahr eröffnete, war Winkler von Anfang an dabei: Er versichert, dass es keinen Streit mit dem gleichnamigen Rockstar gebe, auch wenn dessen Anwalt mal vorbeigeschaut habe. Die Investoren kommen aus Russland. Zweimal reiste Winkler nach Sankt Petersburg, besuchte das Jagger-Mutterhaus. „Zuerst hatte ich gemischte Gefühle – ich war vorher noch nie in Russland gewesen“, sagt Winkler. Aber die schwanden schnell. „Die Russen geben Vollgas beim Feiern. Das war bei uns zuletzt in den 80er-Jahren so: diese Bereitschaft, Geld auszugeben.“

Das Essen gehört dazu

In die Berliner Dependance zieht es vor allem Berliner. „Das Umfeld hat uns als Erstes entdeckt“, sagt Winkler, der selbst im Kiez, an der Pariser Straße, wohnt. Zu den Gästen zähle der gut situierte Mittelstand ab 30 Jahren sowie bekannte Berliner Gesichter wie Frank Zander und der Boxer Arthur Abraham. Oder Udo Lindenberg, dessen Musical am Potsdamer Platz gespielt wird. Doch langsam steigt der Anteil der Touristen. Das liegt auch an der „Rocky Horror Show“, die im Jagger in schöner Regelmäßigkeit als Liveshow aufgeführt wird. „Den Film gab es früher jahrelang im Kino zu sehen, das weiß ich noch“, sagt Winkler. In seinem Laden wird aber kein Reis geworfen, sondern Konfetti – wegen der Rutschgefahr. Und wenn es im Stück regnet, kann das Publikum Wasserpistolen zücken.

170 Sitzplätze hat das Jagger. Zum Programm gehört auch das Essen. Winklers Lieblingsgericht ist das Jaggerbeeffilet, und von ihm selbst ist auch eine Kreation auf der Karte zu finden: ein Salat namens Fresh & Lovely mit Chili-Honig-Dressing, frischen Erdbeeren und Hähnchenbrustfilet. Winkler ist gelernter Koch und Hotelfachmann, er stellt sich gern im Jagger in die Küche und kocht mit, wenn er Zeit hat. Seine ersten eigenen Platten waren von den Bay City Rollers, Abba und Status Quo. Im Jagger sei, so Winkler, „jede Musik erlaubt, außer Heavy Metal und undefinierbarem HipHop“. Wöchentlicher Publikumsmagnet ist Keith Tynes mit Band. Er sang in den 80er-Jahren bei der „Platters Golden Hits Revue“. Tynes hat mittwochs eine eigene Show im Jagger. Wer dann noch nicht aufgegessen hat, könnte Probleme bekommen. Denn Tynes-Fans wollen vor allem zwei Dinge: Party und tanzen.

Tynes ist der eine Publikumsmagnet, Queen Yahna der andere. „Unsere Bands, zumeist in Berlin lebende Künstler wie beispielswiese auch Ingrid Arthur, bringen ihre eigenen Fans mit“, erklärt Winkler. Dafür, dass Laufkundschaft dazukommt, sorgen lächelnde Doormen und -women. Das Jagger habe „viele walk ins“, so Winkler. Um ihn herum arbeiten etwa 30 Personen in Büro und Küche, an der Bar und als Kellner. Alles Positionen, die Winkler vertraut sind. Er ist nicht nur Koch, sondern ausgebildeter Hotelfachmann, hat im ICC Kempinski Kongress gelernt, war im Excelsior Hotel und hat dann „die Berliner Szene durchgearbeitet“: im Kaffeehaus Edinger, im Restaurant Schell, in der Sportsbar Pickers.

Demnächst öffnet die Jazzbar

Winkler hatte eine eigene Cateringfirma und vor 15 Jahren erste Konzerte organisiert, Das Motto lautete „Rock in den Mai“ – dass dort eine Band sechs älterer Rechtsanwälte aufgetreten ist, fällt ihm als Erstes wieder ein. Im Jagger hat Winkler nun das Programm erweitert. Drei Frauen, „die drei Diven“, singen bekannte Rocksongs, sonntags gibt es Brunch mit Jazzmusik. Auch räumlich wird vergrößert. Nach dem Durchbruch zu und Umbauten in den Nachbarräumen will er dort Ende Februar die Jazzbar „All that Jazz“ eröffnen. Für alle Künstler gilt: Sie schicken Hörproben über Youtube oder Myspace, eine Bookerin sortiert vor, bespricht sich mit Winkler, und der fragt „in Russland nach, ob die Mischung passt“.

Es gibt auch Anfragen, die keiner abschlägt, etwa als Kool & the Gang vor einigen Monaten in Berlin auftraten. „Sie waren vorher eine Woche durch Frankreich getourt, wohl mit Heißhunger auf Spaghetti Bolognese“, erklärt Winkler. Doch in Frankreich hätten sie keine passende Pasta bekommen. Das Jagger versprach, den Geschmack zu treffen, die Band spielte als Gegenleistung eine Jamsession. „Wohnzimmerkonzert“ nennt Winkler den Auftritt.

Davon will er künftig mehr: bekannte Bands aus den 70er- und 80er-Jahren auf die Bühne locken. Momentan ist der Eintritt zu den Konzerten meist frei. Dafür kostet Jagger’s Special Grilled Beef Filet 24 Euro, der Fresh & Lovely-Salat 11,80 Euro. Das hauseigene Jagger-Bier ist ab drei Euro zu haben, für 0,3 Liter. Kudammpreise – aber der Prachtboulevard liegt ja auch direkt um die Ecke. „Touristisch sind wir A-Lage, musikalisch nur B“, sagt Winkler. Eine gemeinsame Vermarktung mit Quasimodo, A-Trane oder dem Theater des Westens gibt es nicht.

Winkler spricht von guter Auslastung. Davon überzeugt er sich meistens selbst, bis spät in die Nacht. „Meine Familie unterstützt mich 150-prozentig“, sagt er. Die Tochter ist erwachsen, sein Sohn so gut wie und seine Frau beruflich viel unterwegs. Winkler stören die langen Arbeitszeiten nicht. Er mag eben Musik.