Berliner Perlen

Schuhe zum Selbermachen

Bei Scarosso können sich Kunden ihre Chelseas, Oxfords oder Ballerinas individuell zusammenstellen. Angesagt ist vor allem klassisches Design mit besonderen Details

Marco Reiter schlägt die Beine übereinander, naturgemäß zieht sich dabei die Hose etwas nach oben und legt den schwarzen, hochglanzpolierten Oxford frei. Ein Scarosso. Klar, Marco Reiter ist hier schließlich Geschäftsführer. Und klar, Moritz Offeney, der zweite Geschäftsführer, trägt auch Scarosso. Etwas anderes kommt ihnen nicht an die Füße.

Der Blick der beiden smarten Männer schweift von den eigenen Füßen hoch zu den Regalen an den Wänden des kleinen Geschäfts am Hackeschen Markt. Über Loafers, Oxfords und Chelseas hinweg. Klassische Modelle sind es. „Aber im Detail setzen wir uns ab“, erklärt Marco Reiter und zeigt auf seine Schnürsenkel. Die sind nicht rund, sondern flach. Zudem ist an seinem Oxford die sonst übliche Naht über dem Ballen nicht zu sehen, sondern liegt innen. Das gewagteste Detail gibt es bei den Chelseas, die zwar in der Form klassisch, aber mit knallroten oder quietschgelben Stretcheinsätzen versehen sind.

Aber es geht auch noch individueller. Denn bei Scarosso kann man nicht nur Schuhe aus dem Regal kaufen, sondern sie auch selbst kreieren. Anhand eines 3D-Konfigurators lassen sich für alle Schuhmodelle Farbe, Material und Verzierungen individuell zusammenstellen. Ein Unikat für die Füße.

Mit 10.000 Euro Startkapital

Vor fast drei Jahren haben Moritz Offeney und Marco Reiter ihr Schuhgeschäft am Hackeschen Markt eröffnet. Aber Scarosso ist mehr als ein Schuhladen. Genaugenommen sind es vier: drei in Berlin und einer in Hamburg. Und nicht nur das: Scarosso ist eine Marke, die es mit Traditionshäusern wie Budapester aufnehmen will. Nicht gleich, „wir sind ja keine Hasardeure“, erklärt Moritz Offeney. Aber auf lange Sicht schon.

Die Idee zur eigenen Schuhmarke kam den Jungunternehmern in Mailand, wo sie sich im MBA-Studium kennenlernten. Den 33-jährigen Offeney hatte die Liebe dorthin verschlagen, Marco Reiter wollte immer schon nach Italien. „Schließlich bin ich Halbitaliener“, sagt der 28-Jährige, der zur anderen Hälfte Österreicher ist. Fashion wurde für die beiden Studenten zur Passion, besonders Schuhe. Die seien in Mailand nämlich viel billiger. „Denn im Umland wird produziert und dann in einem eigenen kleinen Shop in Mailand verkauft“, sagt Offeney. „Da gibt es keine Zwischenhändler.“ Das Prinzip wollten sie nach Nordeuropa tragen. Allerdings sollte die Produktion in Italien bleiben, schließlich steht das Land für hochwertige Lederprodukte. Und der Name Scarosso ist natürlich auch italienisch: „Scarpe“ heißt Schuhe, „rosso“ rot, wie das Logo.

Noch in Mailand wurden Offeney und Reiter zu Gründern. Die Kommilitonen hatten sie damals für verrückt erklärt. Die MBA-Ausbildung führte die meisten Absolventen in große Kanzleien, Banken oder Unternehmensberatungen. Nicht ins Schuhgeschäft. 10.000 Euro Startkapital hatten sie, viele Schuhe konnten sie davon nicht machen lassen. Aber die wenigen Paare wurden ihnen schon in der Hochschule von Kommilitonen abgekauft. Den ersten verkauften Schuh haben sie jetzt gerade zurückgekauft. Für vier neue Paare. „Falls wir mal Firmengeschichte schreiben“, sagt Offeney. Nach dem Studium zog es beide nach Deutschland. Jurist Offeney begann in Berlin zu arbeiten, Ökonom Reiter bekam seine erste Stelle in Hamburg. Und mit ihnen zog Scarosso. Eigentlich sollte es ein Nebengeschäft sein, aber es wurde schnell so groß, dass Offeney und Reiter sich bald ganz den Schuhen widmeten. In beiden Städten eröffneten sie 2011 einen Store. Firmensitz wurde Berlin. Im ersten Jahr wurden 1200 Schuhe verkauft, jetzt sind es mehr als 50 mal so viele. Anfangs konzentrierten sie sich auf Herrenschuhe, seit einem Jahr können auch Frauen hier einkaufen. Männer machen aber immer noch 75 Prozent der Kundschaft aus. Gekauft wird nicht nur in den Geschäften, sondern auch online.

Keine Clownsschuhe

So modern die Verkaufsstrategie, so klassisch ist die Schuhwahl der Kunden. Auch wenn sie selbst zum Designer werden, verleihen sie ihren Schuhen meist nur eine feine individuelle Note. „Clownsschuhe haben wir bislang kaum produziert“, sagt Marco Reiter. Die Schuhe sollen mehr als eine Mode und eine Saison überdauern. Darum seien die Kunden bereit, 180 Euro für einen Halbschuh und 220 Euro für einen Chelsea auszugeben. Bei den selbst designten Schuhen kommt ein Aufschlag von etwa 20 Prozent drauf. Und bei Schäden gibt es die Scarosso-eigene Werkstatt.

Neben Schuhen gibt es auch Lederaccessoires. „Aber das ist Beiwerk“, sagt Offeney, „und etwas eigennützig“: Beide sind viel auf Reisen und haben vergeblich nach schönen Taschen gesucht. Also mussten sie sie selbst machen. Apropos Reisen: Während sie auf Flughäfen warten, schweift ihr Blick oft zu den Schuhen der Wartenden. Schwarze Schuhe tragen sie fast alle, erzählt Reiter. „Aber man unterschätzt, was man bei schwarzen Schuhen alles falsch machen kann.“

Scarosso Oranienburger Straße 1, Mo.-Fr. 11–19 Uhr; Quartier 206, 11–20 Uhr, Mitte; Kurfürstendamm 210, Charlottenburg, 10-20 Uhr, scarosso.com