Zwölf Stunden

Leinwand des Westens

Der modernisierte Zoo Palast in Charlottenburg wird wieder zum Spielort der Berlinale. Jetzt fühlen sich auch Besucher wohl, die verwöhnt sind durch ihre bequemen Heimkinos

09:15 Die Säle sind leer, die Projektoren stehen still, wenn Sascha Rybnicki den Zoo Palast betritt. Der Arbeitstag des Theaterleiters beginnt mit Routine-Aufgaben. Er zählt das Wechselgeld, händigt den Mitarbeitern Geldkassetten aus und schaut nach, ob die Kinokarten-Drucker mit Papier versorgt sind. Der Chef des Zoo Palasts hat Koch gelernt und Betriebswirtschaft studiert. Er arbeitet seit 17 Jahren in der Kino-Branche. „Ein Lehrberuf ist das nicht, was ich hier mache. Man fängt irgendwann an und bleibt dabei, weil man die Branche mag“, sagt er.

09:30 Die Kassen öffnen. Dana Sachse verkauft die ersten Karten des Tages. Ein älteres Ehepaar aus Mariendorf möchte um 12.15 Uhr „All is lost“ mit Robert Redford sehen. Die Zeit bis zur Vorstellung werden die Zwei im KaDeWe und am Kudamm verbringen. Wenn man schon mal in der Stadt sei, müsse sich das auch lohnen.

10:45 Die Gäste der Frühvorstellungen haben Platz genommen. Diejenigen, die zum ersten Mal hier sind, beschäftigen sich eingehend mit den neuen Sitzen, die man mit ein wenig Druck in eine Liegeposition bringen kann. Candy von Klepacki serviert den Logengästen alkoholfreie Cocktails und einen Käseteller. Bevor die Service-Mitarbeiterin im November im Zoo Palast anfing, hatte sie als Kellnerin gearbeitet. „Die Leute sind hier richtig dankbar, dass sie jemanden haben, den sie ansprechen können“, sagt sie. „Das ist im Kino ja eher ungewöhnlich.“

11:10 Sascha Rybnicki macht einen Rundgang durch das Foyer. „Tagsüber ist es natürlich viel ruhiger als abends“, sagt er. „Das liegt nicht nur an der Anzahl der Gäste. Die meisten Besucher um diese Zeit sind im Durchschnitt deutlich älter als das Abendpublikum.“ Einige Gäste würden schon seit Jahrzehnten in den Zoo Palast kommen. Sie erzählen ihm und anderen Mitarbeitern gern von Film-Vorstellungen, die sie in ihrer Kindheit besucht haben, oder von romantischen Verabredungen, die sie einst im Kino hatten.

12:35 Die Service-Mitarbeiter tragen weiße Blusen oder Hemden, golden schimmernde Krawatten und grünliche Westen. Die Techniker dagegen sind in unauffälligen schwarzen Polohemden unterwegs. Einer von ihnen ist der Projektionist Wolfgang Els, der dafür sorgt, dass in den Sälen die richtigen Filme laufen. Filmvorführer nannte man seinen Beruf früher, doch Wolfgang Els muss keine Filmrollen mehr in Projektoren einlegen. Sein Arbeitsplatz ist ein Raum mit laut brummenden, kleiderschrankgroßen Computern und wuchtigen grauen Projektoren. Den Ablauf der Vorstellungen mit Werbeblöcken, Trailern, Hauptfilm, Einsatz des Lichts und Vorhang kann er auf seinem Laptop steuern. „Früher war das natürlich ganz anders. Da musste man Filmrollen wechseln. Für Werbeblöcke und Trailer schnitt man mit einer Filmklebepresse“, erzählt er. Nur ein paar Jahre ist das her.

13:10 Einige Reihen in den Kinos sind Logenplätze. Dort werden die Besucher am Platz bedient, sie dürfen ihre Garderobe abgeben und können in der „Zoo Loge“ einen Begrüßungsdrink zu sich nehmen. Gästemanagerin Bea Rademacher und Service-Mitarbeiterin Carolin Nagel bereiten ein Tablett mit Cocktails vor. „Einige Gäste wissen gar nicht, dass sie Logenplätze gebucht haben“, sagt Bea Rademacher. „Die sind dann ganz überrascht, dass sie einen Cocktail bekommen.“ Ein paar Wochen nach der Eröffnung gebe es deshalb noch eine Menge Erklärungsbedarf.

14:20 Bärbel Hans lässt sich in ihrem Sessel nach hinten sinken und wickelt ein Eis aus. Es ist nicht ihr erster Besuch im Zoo Palast. „Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon hier war“, sagt sie. „Jedenfalls ist es ein wunderschönes Kino geworden.“ Den Robert-Redford-Film „All is lost“ möchte auch sie an diesem Tag sehen. Bärbel Hans erzählt, dass sie am liebsten allein ins Kino geht: „Da muss man keine Kompromisse eingehen. Das macht einfach am meisten Spaß.“

15:15 Doorman Nicolas Pusse begrüßt Gäste, öffnet Türen und erklärt zwei Besucherinnen, dass sich eine weitere Kasse im Foyer befindet. Der gelernte Hotelfachmann aus dem Saarland hat bislang vor allem im Service gearbeitet, was ihm weit weniger Spaß machte als die Betreuung der Kinogäste. „Ich bin absoluter Film-Fan. Ich gucke mir fast alle Filme an und kann unentschlossene Gäste deshalb auch beraten“, sagt er. „Was ich hier mache, ist kein Beruf – das ist Berufung.“

16:50 Die Service-Mitarbeiter sind für die Sauberkeit der Räume zuständig. Maximilian Haberkorn, der auch im Foyer arbeitet, Getränke verkauft und am Einlass steht, geht mit Kollege Leroy Khayyeri in den Saal 3, den gerade die letzten Besucher verlassen haben. Die beiden Männer nehmen Staubsauger und Kehrmaschine. Nichts liegt auf dem Boden, kein Papier, kein Popcorn und Nachos ohnehin nicht. Die werden seit der Wiedereröffnung nicht mehr verkauft. Die Mitarbeiter sind nach wenigen Minuten fertig.

17:40 „Saal 4? Da ist noch kein Einlass. Sie müssen noch ein paar Minuten warten. Die Vorstellung beginnt erst um sechs Uhr.“ Diesen Satz muss Antonia Bley, die an diesem Abend den Einlass regelt, immer wieder sagen. Dann bekommt sie ein Zeichen, dass sie die ungeduldigen Zuschauer einlassen darf. Wenig später steht vor ihr eine Besucherin, die ihr einen Computer-Ausdruck zeigt. Sie möchte wissen, wo sie ihre im Internet gekauften Tickets abholen kann. „Das ist die Frage, die ich am häufigsten beantworten muss“, sagt die Mini-Jobberin.

18:55 Barbara Feldmann macht es sich im Clubkino A gemütlich. Nur 36 Plätze hat das kleine Kino mit angrenzender Bar, das auch gern von Firmen und Privatleuten gemietet wird. An den Wänden sind meterlange Regale voller Bücher. Wer möchte, kann vor Beginn der Vorstellung ein wenig darin blättern. Die Gäste im Mini-Kino wollen an diesem Abend Woody Allens „Blue Jasmine“ sehen.

20:05 Im Saal 1, der mit 850 Plätzen das Herzstück des Zoo Palasts ist, hat gerade als Hauptfilm „Der Medicus“ begonnen. Wolfgang Els kann durch ein kleines Fenster die Leinwand sehen. „Theoretisch könnte ich mir die Filme angucken, aber das macht keinen richtigen Spaß“, sagt der Projektionist. „Bisher habe ich erst zwei Filme hier gesehen. In den ersten Wochen war zu viel los. Ich hoffe, das ändert sich bald, damit ich mich in Zukunft häufiger unter die Zuschauer mischen kann.“