Filmbio

Zu kleiner Film, zu großer Mann

Das Biopic scheitert beim Versuch, die Lebensgeschichte des Freiheitskämpfers zu erzählen: „Mandela“

Kein Menschenleben kann durch eine Erzählung ganz nachvollzogen werden. Es ist unmöglich, jedem Jahr, jedem Ereignis, jeder Person, die diesen Menschen geformt haben, gerecht zu werden. Was man jedoch tun kann, ist der Chronik gegenüber treu zu bleiben und zu versuchen, einen Weg zum Herzen der Menschen zu finden.“ Man kann die Zeilen als vorauseilende Entschuldigung verstehen, die Richard Attenborough 1982 seinem Film „Gandhi“ im Vorspann vorweg stellte. Immerhin hatte Attenborough das Wagnis unternommen, das Leben eines der wirkmächtigsten Freiheitskämpfer des 20. Jahrhunderts zu verfilmen; den Weg eines Mannes vom Rechtsanwalt zur Symbolfigur des Widerstandes gegen koloniales Unrecht, dessen gewaltloser Kampf schließlich von Erfolg gekrönt wurde. Indien wurde unabhängig. Doch Mahatma Gandhi erlebte den Tag nicht mehr, da das Land sich seine postkoloniale Verfassung gab, er wurde zuvor ermordet.

Nelson Mandela hingegen, ein ebenso bedeutsamer Mann der Zeitgeschichte, der auch erst Anwalt war, bevor er Freiheitskämpfer wurde und dafür noch viele Jahre länger als Gandhi in Haft saß, wurde der erste Präsident Südafrikas nach dem Ende der Apartheid. Wenn nun der britische Regisseur Justin Chadwick diesen Lebensweg verfilmt hat, kann man fast gar nicht anders, als „Mandela“ mit „Gandhi“ zu vergleichen. Der über Gandhi war ein recht konventionelles Biopic, mit über drei Stunden episch lang und doch letztlich überzeugend, vor allem wegen seines herausragenden Hauptdarstellers Ben Kingsley. Mit acht Oscars wurde „Gandhi“ dann 1983 geehrt.

Auch Justin Chadwick hat im Briten Idris Elba einen großartigen Schauspieler gefunden, um Mandela zu verkörpern, und Chadwicks Verfilmung von Mandelas 1994 erschienener Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“ ist mit zwei Stunden und 20 Minuten sogar vergleichsweise kurz. Leider wird „Mandela“ diesem Leben nicht nur gemessen an dem eingangs erwähnten Attenborough-Zitat nicht gerecht.

Dass einem „Mandela“ misslungen erscheint, liegt jedoch nicht allein an seiner noch viel größeren Konventionalität als etwa der einst von „Gandhi“. Womöglich ist das Kino heute schlicht nicht mehr der beste Ort für solch episches Erzählen: Das (amerikanische) Qualitätsserienfernsehen hat diese Rolle übernommen. Weil es viel mehr Zeit als ein Spielfilm hat, um seine Figuren auszudeuten.

„Mandela“ hangelt sich brav chronologisch, gleichsam Kapitel für Kapitel, durch Mandelas Autobiografie: die Kindheit auf dem Lande, die Politisierung als Student, die frühen Jahre als junger Anwalt und so weiter. In letztgenannte Lebensphase fallen einige der privatesten Einblicke, die Mandela in seinem Buch gewährte und die der Film nun nachvollzieht: Der junge Mandela verbringt seine Freizeit in erster Linie mit Boxen und Fremdgehen. Hier hat „Mandela“ einige seiner stärksten Momente, die aber schon deshalb interessant sind, weil die Welt ja nie eine Vorstellung vom jungen Mandela hatte.

Überhaupt ist es gar kein Nachteil des Films, das er mit der Freilassung des da bereits 71-jährigen Mandelas am 2. Februar 1990 aus der Haft endet. Was danach geschah, die Präsidentschaft Mandelas und seine so immense Wirkung auch danach als charismatische Vaterfigur eines ganzen Landes – darüber steht nichts in Mandelas Buch und ist doch auf so vielfältige Weise in Bild und Ton dokumentiert, dass ein Biopic wie „Mandela“ bloß das hinreichend Bekannte nachstellen könnte.

Doch Chadwick versteht das nicht als Chance, sich auf wenige wesentliche Aspekte zu konzentrieren. Dass etwa Mandelas zweite Ehe, die mit Winnie, geradezu metaphorisch auch und vor allem an der Frage zerbrach, welche Art von Widerstand legitim ist – das deutet Chadwick zwar an, doch er macht daraus nicht das thematische Zentrum seines Films. Stattdessen hetzt er gleich zum nächsten Kapitel, um noch ein Jahr, noch ein Ereignis, noch eine Person unterzukriegen.

Wenn am 2. März die Oscars verliehen werden, ist „Mandela“ nur in einer einzigen, einer unwichtigen Kategorie nominiert, der für den besten Filmsong. Und zwar zu Recht.

Filmbio: USA 2013, 152 min., von Justin Chadwick, mit Idris Elba, Naomi Harris

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