Kulturmacher

Artenschutz unter der S-Bahn

Das Theater an der Lüneburger Straße in Moabit ist Club und Kabarett-Bühne zugleich. Ein Kiez-Treff für Neugierige und Entdecker, in dem die Künstler ohne feste Gage auftreten

Vor der Tür: Kopfsteinpflaster, Matsch, Zigarettenkippen. Nebenan: links ein Hausgeräteservice, rechts eine verblichene Aufschrift „Fleischgroßhandel“. Und darüber die S-Bahn. Ein guter Ort für einen Tatort-Dreh, zum Beispiel. Oder eben für einen Club, einen wie das Artenschutztheater, der sich selbst als Geheimtipp für Musik- und Kulturbegeisterte versteht. Zwei bis drei Mal in der Woche wird hier Musik gemacht, es gibt Lesungen, Kabarett, „und hin und wieder Zwei-Personen-Stücke“, sagt Christian Krauss vom Vorstand des Vereins, der das Artenschutztheater betreibt.

Angefangen hat es mal ganz anders. Mit Schwaben in Berlin und einer Kabarett-Gruppe, die sich der schwäbischen Seele widmete. Gründer dieser Schwabenoffensive war Albrecht Metzger, Schauspieler, Sänger, legendärer „Rockpalast"-Moderator und 1999 Theatergründer. Sein Freund, der Gastronom Berthold Schöttle, hatte die Halle in den Moabiter S-Bahn-Bögen Jahre zuvor als Lager für Elektroartikel gemietet. Gemeinsam machten die beiden daraus eine Kleinkunstbühne, nicht nur für die Schwabenoffensive.

Ab 2001 half ihnen dabei der Verein Artenschutztheater, der sich für die damals in Berlin noch kleine, ungeschützte Minderheit der Schwaben und für die schwäbische Mundart einsetzen wollte. Aus dem selbstironischen Konzept der süddeutschen Ur-Mitglieder wurde ein Verein zur Förderung der Kunst und Kultur in einer Gegend, in der es für junge Künstler sonst kaum eine Bühne gibt. „Mundart, Brauchtum und Heimatpflege der positiven und weltoffenen Art“ gehören dabei immer noch zum Konzept, sie will das Theater erhalten und schützen – so kam es zum Namen des Hauses.

Offene Bühne am Donnerstag

Christian Krauss wohnte schon damals in der Nähe. „Ich bin hier einfach hineingelaufen“, sagt er. So lernte er Bertold Schöttle kennen, die beiden redeten häufiger miteinander „und ich habe ihm gesagt, dass ich den Laden toll finde und ihn gern unterstützen würde. Dann rief er an.“

Schöttle suchte einen Nachfolger für den Mietvertrag. Am 1. Mai 2009 übernahm der Verein Artenschutztheater den Vertrag, zwei Wochen später luden Christian Krauss und die anderen Vereinsmitglieder zum ersten Mal zur „Funky Moabit“-Nacht, die seitdem an jedem zweiten Donnerstag im Monat auf dem Programm steht. „Immer donnerstags haben wir eine offene Bühne“, sagt Christian Krauss über das Konzept: Wer sich anmeldet, darf auftreten. An den anderen Donnerstagen kommen Kleinkunst-Darsteller auf die schwarze Bühne, Rock- und Blues-Musiker oder Singer-Songwriter. „Lustige Leute“ seien da immer dabei, sagt Schatzmeisterin Edith Bredow, „und wenn einem ein Auftritt mal nicht gefällt, kommt ja ein paar Minuten später schon der Nächste“.

So haben alle etwas von der offenen Bühne: die Künstler, die sich hier erst einmal ausprobieren können, bevor sie sich vor ein größeres Publikum wagen. Die Zuschauer, die neue Bands entdecken, andere Musikrichtungen kennenlernen. Und der Verein: Denn „gerade junge Bands bringen ihr Publikum selbst mit, weil sie so viel Eigenwerbung machen“, sagt Christian Krauss. Künstler von außerhalb dagegen seien oft nicht so gut vernetzt.

Um selbst Werbung zu machen, fehlt der Etat. Das Artenschutztheater muss seine Finanzierung selbst erwirtschaften. Förderung bekommt es nicht. Neben den Vereinsbeiträgen und Spenden sind es der Getränkeverkauf und die Eintrittskarten, die das Geld bringen. Weil „Moabit nicht so eine reiche Gegend ist“, kostet der Eintritt selten mehr als zehn Euro, an den Tagen mit offener Bühne ist er sogar frei. Deshalb bekommen die Künstler, die im Artenschutz-Theater auftreten, keine feste Gage: Sie werden ausschließlich aus den Eintrittsgeldern bezahlt. Deswegen ist es wichtig, dass sie Zuschauer mitbringen.

Ehrenamtlich am Tresen

Zu voll allerdings soll es auch nicht werden: „Bei 100 Leuten machen wir zu“, sagt Christian Krauss. Für mehr Besucher reicht der Platz im Saal unter den S-Bahn-Bögen kaum, selbst wenn die zwölf Tische unter dem Kronleuchter an die Seite geräumt werden. Das alles funktioniert nur, weil Christian Krauss, Edith Bredow und die anderen Vorstandsmitglieder ehrenamtlich arbeiten, ebenso wie die anderen Helfer, die an der Bar Getränke servieren, sich um Licht und Ton kümmern oder das Programm organisieren.

52 Mitglieder hat der Verein, etwa zehn von ihnen helfen ständig mit. Christian Krauss und der zweite Vorstand Jörn Gross entscheiden über das Programm und buchen die Künstler: „Wir sind beide Musiker“, sagt Christian Krauss, der Bassgitarre spielt. „Wir sind viel unterwegs, die Leute sprechen uns da an, dass sie hier auftreten wollen.“ Wie viel Zeit er neben seinem Job als Software-Entwickler monatlich für seinen Ehrenamtsposten aufwendet? Christian Krauss rechnet nach: „E-Mails, Flyer, das Proramm – ach nee, keine Ahnung“, das wolle er lieber gar nicht so genau wissen.

„Bei mir sind es mindestens 60 Stunden“, sagt Edith Bredow. Kein Wunder, dass sie so etwas weiß. Die Buchhalterin aus Lichtenrade ist als Schatzmeisterin im Verein für die Zahlen zuständig. Deshalb kann sie auch genau sagen, wie oft die Moabiter Bühne 2013 bespielt wurde: 148 Veranstaltungen waren es. Neben Konzerten, Kabarett, Theater verlieh Bezirksbürgermeister Christian Hanke im dort zum Beispiel den Ehrenamtspreis des Bezirks Mitte. Musikschulen nutzen die Bühne für Aufführungen.

Mehr soll es gar nicht werden, sagt Christian Krauss. Wenn jedes Wochenende eine lange Schlange vor der Tür stehen würde, könnte es vielleicht Ärger mit den Nachbarn gegenüber geben. Außerdem gehört das Familiäre, Überschaubare zum Artenschutztheater dazu: „Wir sind mit dem Status als Geheimtipp ganz zufrieden.“