Drama

Freundschaft ist ergiebiger als Folter

Ein palästinensischer Teenager im Westjordanland wird von allen Seiten als Spitzel missbraucht: „Bethlehem“

Es gibt ein wirksameres Mittel als Folter, um an Informationen zu kommen: Freundschaft. Wie der israelische Regisseur Yuval Adler in seinem Thriller „Bethlehem“ schockierend deutlich vorführt, lässt sich daraus jedoch kein Anlass zur Hoffnung schöpfen. Ganz im Gegenteil. Die Zuneigung, das Zuckerbrot, mit dem sich Menschen so gut manipulieren lassen wie mit der Peitsche, kann zu ebenso schweren Verwundungen führen.

„Bethlehem“ spielt im Jahr 2001, zur Zeit der zweiten Intifada. Im Zentrum steht die Beziehung zwischen dem israelischen Geheimdienstagenten Razi (Tsahi Halevi) und seinem minderjährigen palästinensischen Informanten Sanfur (Shado Mar’i). Den Familienvater Razi umweht der Hauch eines Rebellen. Wenn er dem Teenager Sanfur bei ihren konspirativen Treffen Ratschläge erteilt, kann man nicht anders, als an seine Ehrlichkeit zu glauben. Obwohl er den Jungen mit Geld besticht, scheint doch der Kern ihrer Beziehung ein Vater-Sohn-Verhältnis zu sein. Razi berät und unterstützt Sanfur mit väterlicher Zuneigung, und der in dieser Hinsicht bedürftige Sanfur vertraut sich dafür Razi an. Dass dazu auch Informationen über seinen älteren Bruder Ibrahim, einen von den Israelis gesuchten und von den eigenen Leuten verehrten palästinensischen Terroristen gehören, scheint Sanfur zu verdrängen, am meisten vor sich selbst.

Die Suche nach dem untergetauchten Ibrahim gibt der Handlung ihren Antrieb. Nicht nur der israelische Geheimdienst will an ihn herankommen, da gibt es noch die palästinensische Autonomie-Behörde, die Hamas und die Al-Aqsa-Brigaden. Sie alle verfolgen ihre eigenen Interessen, und sie alle versuchen dabei Sanfur, den kleinen Bruder Ibrahims, einzubeziehen. Man versteht bald, was Sanfur für Razis Zureden so empfänglich macht: Von allen, die ihn ausnützen, gibt sich Razi am meisten Mühe, das zu verschleiern.

Man könnte „Bethlehem“ als gewöhnlichen Thriller betrachten, der seine Terroristenjagd mit eindrücklichen Darstellern in atemlosen 99 Minuten packend erzählt. Da es aber um Israel und Palästina geht, erwarten viele Zuschauer mehr: ein Mehr an Engagement für diese oder jene Seite. Solche Erwartungen frustriert der Film mit Stil und Methode. Bezeichnenderweise wurde dem Regisseur sowohl in Israel als auch auf diversen Festivals immer beides vorgeworfen: auf der einen Seite, dass sein Film zu pro-israelisch sei und die Palästinenser als irrationales Volk zeige, auf der anderen, dass er den israelischen Geheimdienst dämonisiere und die Palästinensern zu sehr als Opfer erscheinen lasse. Die Wahrheit liegt hier einmal nicht dazwischen: In der Tat zeichnet sich „Bethlehem“ nämlich dadurch aus, dass sämtliche Seiten gleich nachvollziehbar in ihrer Motivation geschildert werden. In diesem Thriller geht es einmal nicht darum, wer Recht hat, sondern um das komplizierte Beziehungsnetz einer Situation, für die es keine Lösung zu geben scheint.

Drama: Israel/D 2013, 100 min., von Yuval Adler, mit Tsahi Halevi, Sahdi Merei , Hatiham Omar