Berliner Perlen

Klinken für Quentin Tarantino

Im Laden „Antike Baumaterialien“ in Charlottenburg gibt es Fenstergriffe und Türbeschläge längst vergangener Tage. Auch für US-Filme liefert Inhaber Rainer W. Leonhardt die passenden Details

Wer Oliven sucht, wird bei Rainer W. Leonhardt fündig. In etwa 800 verschiedenen Ausführungen gibt es sie in seinem Laden am Gierkeplatz in Charlottenburg. Ausführungen, nicht Geschmacksrichtungen. Leonhardt verkauft nicht essbare, sondern metallene Oliven. Fenstergriffe hießen früher so, weil sie in ihrer Form an die Frucht des Ölbaums erinnerten. Moderne Fenster haben heute Griffe oder Hebel. So schlicht wie ihr Name ist auch meist das Design. Bei Leonhardt aber ist nichts modern.

Seit drei Jahren konzentriert er sich in seinem Geschäft „Antike Baumaterialien“, das es bereits seit den 80er-Jahren gibt, ganz auf Fenstergriffe und Türbeschläge. Zu Tausenden lagern sie in Kisten im Keller. Zehn Meter Regal Jugendstil, zehn Meter Gründerzeit. „In diesen Epochen ist Berlin am stärksten gewachsen“, sagt Leonhardt, während er zielsicher einen Korb ansteuert und einen Messing-Beschlag in die Hand nimmt. „Dieses Engel-Teufel-Motiv ist von ganz typischer Symbolik: Oben ein Engelskopf, unten eine Teufelsfratze. Der Engel drückt den Teufel weg.“

Wo was liegt in seinem Keller, weiß Leonhardt genau: „Mein Kopf ist mein Computer.“ Und auch wenn Leonhardt einen Türbeschlag oder Fenstergriff zum ersten Mal sieht, braucht er oft nur einen Blick, um ihn historisch einzuordnen. Allerdings kommt es immer seltener vor, dass ihm eine Klinke unbekannt ist. Er ist längst ein Experte auf diesem Gebiet, zumindest, was den Berliner und Brandenburger Raum anbelangt. „Regional gibt es da riesige Unterschiede“, sagt er und gerät ins Erzählen: Von der Zeit vor der Eisenbahn, als das Design von Baumaterialien einen ganz lokalen Bezug hatte und Beschläge zu den teuersten Baumaterialien zählten, weil alles Maßarbeit war und per Hand gefertigt wurde. Von der Zeit, als Eisenbahn und Kataloge Bedeutung erlangten und auf einmal Baumaterialien durchs ganze Land verschickt wurden. Und von den 50er-Jahren, in denen alles genormt wurde.

400 Jahre alte Türbänder

Aber diese Zeit interessiert Leonhardt nicht, Genormtes ist nicht seine Sache. Sein jüngster Türgriff stammt aus den 30er-Jahren. Dafür findet man bei ihm aber zwei Türbänder, die fast 400 Jahre alt sind und zuletzt ein Haus in Brandenburg schmückten. „Die Bänder waren viermal überstrichen worden und landeten schließlich auf dem Müll“, sagt Leonhardt. Niemand habe den historischen Wert dieser Metallbänder erkannt. Fast niemand. Leonhardt schon, und darum hat er sie sorgfältig von aller Farbe befreit und wartet nun darauf, dass diese Rarität der Renaissance irgendwann wieder auf einer Tür liegt. Wenn er sie denn tatsächlich hergibt. Von besonderen Stücken trennt er sich nicht leicht. Von allen Griffen und Beschlägen, die er anbietet, hat er jeweils ein Modell aufgehoben. Eine stattliche Sammlung ist da inzwischen zusammengekommen. Einmal hat er sie bereits gezeigt, im Potsdam-Museum. Und gerade arbeitet er an einem Buch zum Thema. „Da gibt es bislang nichts“, sagt er.

Leonhardt macht die Geschichte an Türbeschlägen fest. Wenn heute ein Kunde zu ihm kommt und seine Wohnung wieder in den Originalzustand bringen will, reicht ihm oft ein Foto des Hauses. In seinem Keller trägt er dann passende Oliven und Beschläge zusammen. Der Preis richtet sich nach dem Modell und dem Aufwand, der für Reinigung und Einbau nötig ist. Im Schnitt 150 Euro kostet ein polierter Beschlag.

Der Tischler und Historiker verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung mit Klinken und Griffen. 1980 hat er eine Kunsttischlerei in Wedding eröffnet, kurz danach zog sie nach Charlottenburg, wo sich auch heute noch das Geschäft mit Werkstatt befindet. Von Anfang an hat er nur mit Originalmaterial gearbeitet. Zu den alten Dielenböden und Türen kamen bald auch entsprechende Beschläge. „In den 70er- und 80er-Jahren wurde bei der Renovierung eines Hauses das alte Material oft einfach entsorgt“, erzählt Leonhardt. Dielen wurden herausgerissen und durch Teppich ersetzt, Türen mit Profil ließen sich weniger gut abstauben, also raus damit – oder zu Leonhardt. Erst seit den 90er-Jahren beobachtet er einen verantwortungsvolleren Umgang mit antiken Baumaterialien und einen Trend zu originalgetreuer Renovierung.

Alles echt

Aber der 62-Jährige hat nicht nur für Architekten und Privatleute die passenden Klinken, oft kommen auch Anfragen von Filmproduktionen. Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, Roman Polanskis „Pianist“ und TV-Reihe „Unsere Mütter, unsere Väter“ sind nur drei von vielen Filmen, für die er Material geliefert hat. Wenn er ansonsten im Fernsehen sehe, wie teils stümperhaft historisches Ambiente erzeugt wird, schalte er lieber aus, sagt Leonhardt.

Ein Blick in die Werkstatt bestätigt nochmals, dass bei ihm nur mit Echtem und Originalem gehandelt wird. Auf den Arbeitsanzügen der Angestellten steht klipp und klar: „Kulturgut bewahren“.

Antike Baumaterialien Schustehrusstraße 20, Charlottenburg, Mo.–Fr. 8–18 Uhr, Sbd. 10–13 Uhr, Tel. 342 10 48, www.rainer-w-leonhardt.de