Zwölf Stunden

Sehnsuchtsort hoch über der Stadt

Gourmet-Küche, Berlin-Massagen, Cocktails und dezente Piano-Klänge. Im Hotel Waldorf Astoria gegenüber dem Bahnhof Zoo erwartet die Gäste ein luxuriös-zurückhaltendes Flair

11:15 Im „Romanischen Café“ mischen sich die ersten Mittagsgäste mit den letzten Frühstücksgästen. Der Koch Philipp Albath gießt Teig auf ein Crepe-Eisen. „Interessanterweise essen die Leute zu jeder Tageszeit Crepes“, sagt er. Mindestens 50 der flachen Eierkuchen werden jetzt im Winter täglich gebacken. „Kinder mögen am liebsten Nutella, Senioren bevorzugen Grand Marnier. Am häufigsten aber wird der Klassiker mit Zimt und Zucker bestellt“, sagt er.

12:10 Elisabeth Hartmann, Trainee im Bereich „Business Development“, wartet im Foyer auf zwei Besucherinnen aus Köln, die eine Tagung im April planen. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen ist sie zuständig für alle Buchungen mit Gruppen von mehr als zehn Menschen. Sie ist erst seit wenigen Wochen in dem Hotel und hat außer Geschäftsreisenden auch Künstler betreut wie den Schlagzeuger der Band Depeche Mode, der sich bei einem Konzert in der O2 World die Finger blutig gespielt hatte. „Es gehört auch zu meinen Aufgaben, mich darum zu kümmern, dass ganz schnell Pflaster auf sein Zimmer geliefert wurden“, erzählt sie.

13:15 Schon beim Eintreten in den Spa-Bereich fühlt man sich entspannt. Hier gibt es keine grellen Farben, keine lauten Geräusche und keine aufdringlichen Düfte. Hinter einem Tresen sitzen zwei lächelnde Frauen, deren beigefarbene Dienstkleidung mit der Farbe der Wände harmoniert. Die Spa-Rezeptionistin Nancy Wilke zeigt einer Besucherin aus der Schweiz die Räume. Die Frau möchte wissen, welche Behandlung besonders beliebt sei. Nancy Wilke empfiehlt ihr „Berlin Chic“, eine Massage, bei der die Physiotherapeuten die Geschichte Berlins in Worten und Handgriffen erzählen. Die Frau bucht zwei Behandlungen für sich und ihren Mann.

14:25 Um den Ausblick bei ihrem Arbeitsplatz wurde Anna-Lena Körner schon häufig beneidet. Die „Library“, die sie leitet, liegt im 15. Stock und bietet eine sensationelle Perspektive auf Gedächtniskirche und auf den Breitscheidplatz. „Die meisten Gäste möchten hier sitzen“, sagt Anna-Lena Körner und deutet auf einen Platz, von dem aus man glaubt, auf Höhe des Kirchturms zu schweben. VIP-Gäste dürfen sich nachmittags in der Bibliothek aufhalten, ebenso jene Gäste, die für eine Teezeremonie reserviert haben. Auch für romantische Anliegen scheint die „Library“ ideal zu sein. „Wir hatten hier bereits sieben Heiratsanträge“, sagt die gelernte Hotelfachfrau.

15:10 Die Hardenbergstraße in der Nähe des Zoos ist nicht die gemütlichste Ecke Berlins. Joel Hebeler aber lächelt breit, wenn er Taxitüren öffnet und jedem, der vorbei kommt, einen „Guten Tag“ wünscht. „Ich bin schließlich der Erste, der gesehen wird“ sagt der Doorman, der seit der Eröffnung des Hotels dabei ist.

16:10 Die Lobby nennt sich Peacock Alley, Pfauenallee. An der Rezeption bespricht Linda Urban mit einem Ehepaar das Abendprogramm. Die Concierge ist für die speziellen Wünsche der Gäste zuständig und kennt sich in der kulturellen Szene Berlins bestens aus. Die Reisenden aus Wuppertal möchten gerne am frühen Abend Essen gehen und anschließend ins Theater. Kein allzu ausgefallener Wunsch also. Linda Urban empfiehlt ihnen ein italienisches Restaurant in der Fasanenstraße und eine Theatervorstellung. Das Ehepaar ist einverstanden. „Im Theater am Kurfürstendamm spielen immer Schauspieler, die aus dem Fernsehen bekannt sind, das gefällt unseren Gästen“, sagt Linda Urban und greift zum Telefonhörer.

17:40 Die „Lang Bar“ ist ein spitzer schmaler Raum, der in den Abendstunden in braun-goldenes Licht getaucht ist. 20 Minuten vor Öffnung kontrolliert Barchef Markus Hinrichsen die Kühlschränke mit den Soft Drinks und sortiert dort, wo noch Lücken sind, Flaschen in die hinteren Reihen. Meist füllt sich die Bar bereits um 18 Uhr mit Happy-Hour-Gästen. Auch an diesem Abend sind zwei Tische für jeweils zehn Gäste reserviert.

18:40 Dennis Schulz ist Leiter des Bereichs Room Service. Er steht in einer zugigen Ecke vor der Küche. Köche und Service-Personal huschen an ihm vorbei. Unbeeindruckt von dem Getöse um ihn herum richtet er mit ruhigen, weiß behandschuhten Händen Pralinés und Salate auf einem Wagen an. Nur die Club-Sandwiches, die das Ehepaar aus dem zwölften Stock bestellt hat, sind nicht zu sehen. „Die sind hier in der Hot-Box“, sagt er und deutet auf einen Behälter im unteren Teil des Wagens. „Das Essen soll schließlich warm in den Zimmern ankommen.“ Schulz schiebt den Wagen gen Lift.

20:05 In der Küche des Feinschmecker-Restaurants „Les Solistes by Pierre Gagnaire“ herrscht Hochbetrieb. Sieben Mal sollen „Rinderfilet mit Sellerie-Püree, Sepia-Blatt und Champs-Élysées-Sauce“ in den nächsten Minuten die Küche verlassen. Zarte Fleischscheiben werden mit Pinzetten auf großen Tellern platziert, hinzu kommen Saucentupfer und blanchiertes Gemüse. Roel Lintermans leitet im Dienst des französischen Starkochs Gagnaire die Küche und wurde im letzten Jahr mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Vor einem Jahr fing er in Berlin an, davor leitete er ein Restaurant von Gagnaire in London. Unterschiede zwischen den deutschen und den britischen Gästen sieht er nicht. „Das Geschäft ist international. Wer zu uns kommt, weiß ziemlich genau, was ihn erwartet“, sagt der Küchenchef und wirft einen letzten Blick auf die Teller.

21:55 Ein gutes Dutzend Kino-Besucher aus dem Zoo Palast strömt in die „Lang Bar“ und besetzt die letzten Plätze. Der Raum ist erfüllt von leisen Stimmen und den Piano-Klängen von „If you don’t know me by now“, das Simply Red berühmt gemacht haben. „Die Auswahl der Titel richtet sich nach den Gästen, danach, ob eher jüngeres oder älteres Publikum anwesend ist. Ein paar Klassiker dürfen nie fehlen“, sagt Pianist Malvin Louis, der ein Unternehmen namens „Stilvollmusik“ leitet und mit seinen Mitarbeitern für die unaufdringliche Beschallung in Bar und Lobby verantwortlich ist. Ein guter Bar-Pianist, findet er, braucht viel Geduld und muss die Fähigkeit haben, unauffällig zu agieren. Wünsche der Gäste erfüllt er gerne, nur „Für Elise“ weigert er sich zu spielen. „Das passt nicht in eine Bar.“

22:59 Joel Hebeler trägt jetzt einen dicken Mantel und Ohrenschützer. Bevor sein Dienst um 23 Uhr endet, schenkt er den Passanten ein letztes Lächeln.