Drama

Aus dem Dunkel ins Licht

Ein Blindenlehrer lehrt seinen Schülern, besser hinzuhören, und die Zuschauer, besser hinzusehen: „Imagine“

Die Gesunden trösten sich oft damit, dass die weniger Gesunden andere Gaben haben: ein Klumpfuß, so stellte Sigmund Freud fest, kann die Fähigkeit zum Glücklichsein befördern. Wer Schwierigkeiten mit den Händen hat, kann erstaunliches Geschick mit den Füßen entwickeln. Und Blinde, so will es der Volksmund, sehen besser mit der Seele. Solchen Besänftigungen des schlechten Gewissens derer, die es sowieso besser haben, setzt der polnische Regisseur Andrzej Jakimowski eine Geschichte entgegen, die auf eigentümliche Weise Wehmut und Optimismus zusammenbringt.

Sein Film „Imagine“ beginnt in der Perspektive der „Anderen“. Während das Bild unscharfe Kontraste zwischen Hell und Dunkel zeigt, die zunächst keine Orientierung erlauben, hören wir das Hecheln eines Hundes. Dann wird das Bild scharf gezogen; man erkennt den Innenhof eines stattlichen Anwesens. Eine Tür wird geöffnet. „Haben Sie geklopft?“, fragt der, der öffnet. „Nein“, sagt der, der eintritt, „ich dachte, es sei keiner da.“ Weil der Zuschauer da bereits intuitiv versteht, dass der Besucher blind ist, fällt ihm das Selbstbewusstsein hinter dieser Wahrnehmung auf: Ian (Edward Hogg) scheint manchmal besser zu wissen, was um ihn herum vorgeht, als die, die sehen können.

Diese Fähigkeit zur augenlosen Orientierung soll Ian nun an eine Gruppe von blinden Schülern weitergeben, die auf dem stattlichen Anwesen, das sich als Kloster entpuppt, Unterschlupf gefunden haben. Die ersten Szenen stellen sie als eine sich bevorzugt in dunklen Innenräumen verbergende Gemeinschaft der Hilflosen vor. Ihren neuen Lehrer würden sie gerne anfassen, um ihn besser kennen zu lernen. Doch der fordert sie durch Distanznahme heraus. Sie sollen auf ihren Plätzen bleiben und ihre Nasen und Ohren anstrengen. Wie viel sich auf diese Weise herausfinden lässt, darüber staunen die Schüler bald selbst.

Fast glaubt man sich als Zuschauer in einem jener erbaulichen Rührstücke, in denen ein begabter Pädagoge die ihm anvertrauten verwundeten Seelen zur Überwindung von Hindernissen inspiriert und die Allzweck-Botschaft „Du kannst mehr als du denkst!“ verbreitet. Zumal Ian seine Schüler buchstäblich aus dem Dunkeln ins Licht führt: Er setzt sich mit ihnen in die Sonne und schult ihre Aufmerksamkeit. Doch mit seiner ganz auf Zurückhaltung bedachten Regie, die stets vor dem emotionalen Überschwang der Lernerfolge wegschneidet, untergräbt Jakimowski die in der Geschichte angelegten Sentimentalitäten. Zusätzlich verleiht Edward Hogg der Figur des Ian eine Undurchdringlichkeit, an der jeder Anflug von Kitsch abprallt. Die Schüler verdächtigen ihren Lehrer, der sich weigert, einen Blindenstock zu tragen und ein im Hof stehendes Fahrrad zu „hören“ behauptet, immer wieder, gar nicht „richtig“ blind zu sein. Sie stellen ihm Fallen. Und als er ihnen ein Mal nicht auf die Schliche kommt, gerät er darüber mehr in Rage, als man es von einem Lehrer erwarten will.

Es ist diese Seite der Erzählung, die den Zuschauer fesselt: ob Ian seine Fähigkeiten nicht doch überschätzt? Die Standardhandlung, in der die Schulleitung misstrauisch wird und Ians Lehrmethoden wegen Gefährdung der Schüler in Kritik geraten, hakt der Film wie eine Pflichtübung ab. Sein eigentliches Interesse gilt der Entfaltung einer Wahrnehmung, die ihre Spannung behält, gerade weil ihr immer ein Zweifel inne wohnt.

Besonders durch seine Tonspur macht „Imagine“ einen Teil des Blindenerlebnisses nachvollziehbar, etwa wenn Ian die scheue Eva (Alexandra Maria Lara) zu einem Stadtspaziergang provoziert. Die Gefährdungen des Verkehrs meistern sie nachvollziehbar mit scharfem Gehör. Aber als sie ihren Ausflug in einem Straßencafé feiern wollen, rückt eine andere Gefahrendimension ins Bild: die sehenden Mitmenschen. Dass Männer sofort beginnen, der schönen Eva den Hof zu machen, erscheint noch als Spiel. Ernst wird es, als die Sehenden das Schiff nicht kennen, dass die Blinden doch so deutlich hören. Der Film ergreift Partei, in dem er dem Zuschauer gleichsam Nachhilfeunterricht erteilt. Weil er dabei auf jede Besserwissergeste verzichtet, steht am Ende die Aufforderung an alle: besser hinzuhören und besser hinzuschauen.

Drama: Polen/Portugal 2013, 105 min., von Andrzjei Jakimowski, mit Edward Hogg, Alexandra Maria Lara, Melchior Derouet

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