Horrmanns Gourmetspitzen

Nicht angemacht, nicht zerlegt, einfach unfassbar

Heinz Horrmann besucht das italienische Restaurant Hartweizen an der Torstraße in Mitte

Einmal mehr wurde mir bestätigt, dass Ranglisten von Hotels und Restaurants nur dann sinnvoll sind, wenn ich sie selbst erstellt habe. Bei der Rangliste der besten italienischen Restaurants hatte ein in Hamburg in kleiner Auflage erscheinendes Genießer-Magazin als eines der vier besten mediterranen Küchen in Berlin das Restaurant Hartweizen in der Torstraße aufgeführt.

Das wollte ich mir ansehen. Wenn die Küche tatsächlich auch nur annähernd so gut arbeiten würde, wie der humorvolle Restaurantleiter und Service-Chef brillant am Gast agieren sollen, wäre die Erwähnung durchaus verdient. Doch kritisch bewertet, was an Produkten auf den Tisch kam, gehört das Restaurant ganz gewiss nicht zu den 40 besten Italienern in der Stadt.

Einen Gruß aus der Küche gibt es nicht, nur kaltes, geschmacksneutrales Brot. Aufwärmen kostet doch nichts. Das Brot sollte traurigerweise ein Wegweiser für den weiteren Ablauf dieses verkorksten Dinners sein.

Das Tatar vom Lachs in Verbindung mit Kohlrabi war schlicht eine Unverschämtheit. Auf einigen Gemüsespänen lagen dicke Würfel Fisch, von Gulasch-Größe. Nicht angemacht, nicht zerlegt, einfach unfassbar. Von der gleichen Qualität war das Rinder-Carpaccio, auf der Karte appetitanregend mit weißem Trüffel angeboten. Das Carpaccio war ebenfalls nicht oder schlecht gewürzt und unter einem Berg von Parmesan versteckt. Auch mit der Lupe waren keine Trüffel zu erkennen. Und es schmeckte wie der Biss in einen zu alt gewordenen Parmesan-Laib.

Heraus ragt der Maître

Positiv ist die täglich wechselnde Karte nach dem Angebot des Marktes. So steht auf der Internetkarte nicht der Schweinebraten, der in der Offerte so appetitlich wirkte, aber auf dem Teller so knochenhart und trocken war, dass wir nach einem Schneidbrenner verlangten. Ordentlich gebraten kam die Dorade, nur fehlte auch hier Würze. Man sagt, dass verliebte Köche die Gerichte versalzen. Im Umkehrschluss muss in dieser Küche die totale Lieblosigkeit eingefallen sein.

Ganz positiv fällt selten eine Testbewertung aus und ausschließlich negativ sind die allerwenigsten zu bewerten. Die Pasta-Gerichte sind die Spezialität im Hartweizen und Zustimmung für gelungene Zubereitung wurde mir vom Nebentisch signalisiert. Zwar hat das Restaurant den Zusatznamen „Cucina italiana“, genau genommen wird jedoch apulische Küche geboten. Apulien ist eine Region in Südost-Italien und auch als sogenannte Kornkammer Italiens bekannt. Sie ist der größte Hartweizenlieferant des Landes. So erklären sich nicht nur der Name des Restaurants, sondern auch die vielfältigen Pasta-Gerichte.

Neben den beim Italiener üblichen Standard-Nudelgerichten wird auch mit Ricotta gearbeitet, fließen die Aromen von gerösteten Pistazien und getrockneten Tomaten ein und interessant ist die Kombination von Cappellacci mit geschmorter Rindfleischfüllung in eigenem Sud. Vieles klingt originell, kreativ, oft entspricht die Ausführung leider nicht dieser Qualität. So fehlt beispielsweise den Salaten ein erkennbares Dressing. Ein wenig klassisch wird es bei einem herzhaften Lammkarree aus dem Ofen.

Ausschließlich aus den altbekannten Elementen setzt sich die Dessert-Palette zusammen: Creme Brûlée, Panna Cotta und so weiter – also nicht weiter erwähnenswert.

Sehr kundenfreundlich kalkuliert ist das Tagesmenü: Für 25 Euro gibt es drei Gänge, vier kleine Probierportionen von den Vorspeisen, ein Pasta-Gericht nach Wahl und einen kleinen süßen Abschluss. Ebenso preisgünstig ist die Palette der italienischen Weine, um die 25 Euro kostet im Durchschnitt eine durchaus akzeptable Flasche. Ein Ausreißer nach oben ist nur der Amarone i Quadretti, 2006, der mit 90 Euro angeboten wird. Insgesamt sind es 50 verschiedene italienische Kreszenzen, viele davon werden glasweise angeboten.

Der Service ist eindeutig das Beste am ganzen Restaurant, aufmerksam, kompetent, liebenswert.

In einem Punkt hat das Magazin mal ins Schwarze getroffen. Mit der optischen Beschreibung. Puristisch, schmucklos. An der Kopfwand lediglich ein unappetitliches Gemälde einer dahingeblätterten, wenig attraktiven Frau.

Was steht unter dem Strich? Ein Maître, der überall als herausragend bewertet würde und eine Küche, die unendlich viel Luft nach oben hat, aktuell bei einigen Gerichten geradezu grotesk laienhaft wirkt.

Restaurant Hartweizen Torstraße 96, Mitte, Mo.-So. ab 18 Uhr, Tel.: 28 49 38 77, www.hartweizen.com

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost