Zwölf Stunden

So ein Zirkus

Die Weihnachtsshow von Roncalli gastiert in diesem Jahr zum zehnten Mal im Tempodrom. Heute ist Premiere. Damit die Show allabendlich perfekt wirkt, wird bis zur Erschöpfung geprobt

09:55 Das Innere des Tempodroms liegt im Halbdunkel, als Patrick Philadelphia morgens in einem der plüschigen roten Sessel am Rand der Manege Platz nimmt. Philadelphia ist Betriebsleiter und erarbeitet gemeinsam mit dem Zirkusgründer Bernhard Paul die Shows. Als sogenannter Tagesregisseur leitet er die Proben und sorgt während der Auftritte dafür, dass der Programmablauf eingehalten wird. „Es kann immer wieder etwas dazwischen kommen. Manchmal erkranken Artisten, manchmal reagiert das Publikum auch ganz anders, als wir es erwartet haben. Dann ändern wir einzelne Nummern ab“, sagt Patrick Philadelphia. Er ist ein echtes Zirkuskind, in siebter Generation: „Und wenn man mit einem Namen wie ich zur Welt kommt, muss man sowieso zum Zirkus.“

10:50 Hinter den Kulissen trifft man viele andere Artisten, die in das Zirkusleben hineingeboren wurden. „Seit ich laufen kann, wollte ich auf die Bühne“, sagt Devlin Bogino, der aus einer italienischen Zirkus-Dynastie stammt und allabendlich als Clown auf der Bühne steht. Gemeinsam mit seinen Kollegen Gensi und Oriol, die beide aus Katalanien stammen, wartet er hinter der Bühne auf seinen Einsatz bei den Proben. Die Männer schauen auf Tablet-Computer, essen Obst, reden abwechselnd auf Englisch und Spanisch miteinander und lachen viel. Sie wirken leicht gelangweilt, aber dennoch zufrieden. „Irgendwann fällt einem ein, dass wir in einer Viertelstunde auf die Bühne müssen und dann geht es los“, sagt Gensi. „Aber wann genau das sein wird? Keine Ahnung. Es lohnt sich aber auch nicht, ungeduldig zu sein.“

11:40 Rund 120 Menschen aus 18 Nationen arbeiten bei Roncalli. Für die Französin Diane Dugard ist es die erste Saison. Sie führt eine Artistik-Nummer vor, bei der sie von Hühnern umkreist wird. Die Proben ziehen sich in die Länge, die Hühner sind ein recht wilder Haufen, und zudem ist die Nummer schwer auszuleuchten. Das Orchester spielt wieder und wieder „Ich wollt’, ich wä’ ein Huhn“, wenn Diane Dugard ihren Auftritt mal mit, mal ohne Federvieh probt.

13:05 Zwischen den Sitzreihen haben die beiden Trapez-Künstlerinnen Maryna und Kateryna Yoga-Matten ausgerollt und machen Dehnungsübungen. Beide sind hellblond, zierlich und drahtig. Abends auf der Bühne, wenn sie in knappen weißen Kostümen auf einem Doppel-Trapez über der Manege schweben, sehen sie fast aus wie eineiige Zwillinge.

14:10 In einer Halle neben der Bühne sind Pferdeställe und ein Hühnerstall untergebracht. Die 27 Hühner picken Futter und zanken sich, die Pferde wirken weitaus entspannter. Doch der Eindruck täuscht, wie Karl Trunk, Zirkuskind in sechster Generation, erklärt. „Das sind alles Hengste, wenn wir sie zusammen auf die Weide lassen würden, würden sie sofort kämpfen.“ Also leitet er jedes Tier einzeln auf die Wiese hinter dem Tempodrom. Karl Trunk führt eine Nummer mit einem gigantischen Shire Horse und winzigen Shetland Ponys vor. „Pferdelehrer“ nennt er seinen Beruf, „Dresseur“ lässt er auch noch durchgehen. „Aber bitte nicht Dompteur!“, sagt er. Dompteure, das sind die Menschen, die wilde und exotische Tiere zähmen. Und Dressur-Nummern mit Tigern oder Bären sind mittlerweile nicht nur bei Tierschützern verpönt.

15:00 Auf dem Boden der Manege liegen ein gutes Dutzend Federn, das Orchester spielt noch immer den Hühner-Song aus den 30er-Jahren. „Das ist hier definitiv etwas anderes als ein Rockkonzert“, sagt Jonas König, der an einem Licht-Mischpult den Einsatz der Scheinwerfer programmiert. „Hier hat jeder Künstler eine ganz eigene Vorstellung davon, wie sein Auftritt beleuchtet werden soll. Bei den Tieren muss man aufpassen, dass sie nicht geblendet werden und sich erschrecken.“ Darauf muss auch weit über der Manege Lichttechniker Stefan Benesch achten. Er hat gegenüber dem Orchester Position bezogen.

16:30 Es ist mal wieder etwas dazwischen gekommen. Für die Jinan Acrobatic Troup, eine Gruppe von chinesischen Artisten, müssen die geplanten Proben an diesem Tag ausfallen. „Die Requisiten sind zwar pünktlich in Berlin gelandet, aber leider hängen sie noch immer beim Zoll fest“, sagt Patrick Philadelphia, der über die Verzögerung nicht besonders beunruhigt erscheint. „Der Zoll braucht immer eine Beschreibung, was es mit dem Inhalt der Kisten auf sich hat. Diese Beschreibung gibt es auch, aber leider ist sie auf chinesisch und kein Mensch kann sie entziffern.“

17:05 Die Proben von Trapez-Künstlern und Clowns sind schneller vorbei als die Hühner-Nummer. Einige Sitze neben Patrick Philadelphia sitzt Georg Pommer, der musikalische Leiter. Er ist kein Zirkuskind, sondern „ein alter Jazzer“ und seit mehr als 30 Jahren bei Roncalli. „Jetzt bin ich zum zehnten Mal über Weihnachten in Berlin“, sagt er. Die Musik für die Weihnachtsshows müsste ein wenig gefühliger und ernsthafter ausfallen als im Sommer. „Die Menschen sind doch in einer ganz besonderen Stimmung, das müssen Musik und Instrumentierung auch darstellen“, erklärt er. Pommer leitet nicht nur die Orchesterproben, er dirigiert und komponiert zu einigen Programmpunkten auch die Musik.

18:10 Schneiderin Sophie Plautz bessert eine Naht an einer klassischen rot-goldenen Zirkusjacke aus. Die Jacke ist sehr schmal geraten, kaum vorstellbar, dass ein Mann sie tragen wird. „Nein, nein, die Jacken sind für zwei Tänzerinnen“, sagt sie.

19:05 An Liudmila und Anastasiya sitzen die roten Jacken wie angegossen. Die Tänzerinnen verkaufen vor den Shows auch Programmhefte und werden oft fotografiert. Sie kämmen sich die Haare und pudern vor der Probe ihre Gesichter. „Aber unser Show-Make-up fällt natürlich viel glamouröser aus!“, sagt Anastasiya.

20:35 Clown Devlin Bogino schminkt sich für die nächste Probe, in der Halle mit den Ställen ist es jetzt ruhig geworden. Mitten in der Manege steht ein Jongleur in einem Lichtkegel, das Orchester spielt auf. Ein Ende der Proben ist nicht abzusehen. „Vor der Premiere ist hier immer open end“, sagt Patrick Philadelphia und lehnt sich zurück. Bei den Shows wird auch er auf der Bühne stehen, als Conférencier: „Besonders viele Ansagen haben wir nicht. Die meisten Nummern kommen ohne Ansage auf die Bühne.“ Das macht die Show noch ein wenig rasanter.