Komödie

Lust an intimen Details

Die eine hat sich gerade in ihn verliebt, die andere von ihm scheiden lassen: „Gut gesagt“

Im Kabinett der weltweiten Independentkinoregierung ist Nicole Holofcener so etwas wie die Ministerin für Soziales, Körperlichkeit und Eloquenz. Ausgestattet mit Neugier, unverblümter Offenheit und Freude am bisweilen erbarmungslosen Spiel ursprünglich funktionierender, sich im Lauf der Zeit aber zunehmend aufreibender Freund- und Partnerschaften, gab sie ihren Filmen programmatische Titel wie „Walking and Talking“, „Friends with Money“ oder „Please give“. „Gut gesagt“ markiert für Holofcener nun einen Schluss- und Höhepunkt. Bisher war der große, dialoglastige Ensemblefilm ihr Markenzeichen; nun erzählt sie im Grunde eine kleine Geschichte einer ersten großen Liebe – nach der Scheidung, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Und doch bleibt sie ihrem Stil treu. Er ist geprägt von Holofceners Anfängen in den Achtzigerjahren, als Produktions- und Schnittassistentin von Woody-Allen. Sie selbst dreht Filme seit jener Zeit, in der mit dem Erfolgen von „Seinfeld“ und „Friends“ die Entwicklung von der klassischen Sitcom zu den mittlerweile ebenfalls klassischen HBO-Serien eingeleitet wurde. Während Holofcener auch selbst einige Episoden von „Sex and the City“ inszenierte, beharrte sie in ihren eigenen Filmen darauf, dass auch Menschen, die gut bezahlten Arbeiten nachgehen, andere Probleme als das neueste Louis-Vuitton-Täschchen haben: Mundgeruch, Vorsorgeuntersuchungen, ungestillte Lust und die Sehnsucht nach Vertrautheit, die nicht zwangsläufig in Langeweile umschlägt.

Ihren Wurzeln in den frühen Neunzigern ist Holofcener dabei stets treu geblieben. Jennifer Aniston war in „Friends with Money“ die einzige „Freundin“ ohne Geld. Catherine Keener gehört seit „Walking and Talking“ zum Stammpersonal und nun, in „Genug gesagt“, vereinen sich mit Julia Louis-Dreyfus und James Gandolfini die beiden großen Stars aus „Seinfeld“ und „Die Sopranos“, auf der Leinwand. Louis-Dreyfus spielt die grundsympathische Eve, eine selbstständige Masseurin, die ihre mobile Massagebank von einer Vorortvilla zur nächsten schleppt und so auch der kapriziösen Künstlerin Marianne (Keener) die Verspannungen aus den Schulterpartien walgt.

Die beiden ungleichen Frauen plaudern locker über Joni Mitchell, die Welt und ihre noch nicht allzu lange zurückliegenden Scheidungen. Doch als Marianne beginnt, zunehmend intime Details über ihren Ex-Mann preiszugeben, schwant Eve furchtbares. Sollte Albert, ihr übergewichtiges, aber auch ungeheuer liebenswertes aktuelles Date, etwa Mariannes nervtötender, langweiliger Ex-Mann sein? Will man über den Mann, in den man sich gerade verliebt, all die Dinge hören, die eine andere Frau an ihm abstoßend findet? „Genug gesagt“ stellt sich dem Thema auf ungeheuer witzige, entspannte und lebenskluge Weise. Nebenbei wird geradezu körperlich spürbar, dass „dialoglastig“ eigentlich ein blödes Wort ist, dass stimmige Dialoge einen Film antreiben können wie eine gute Actionszene.

Allerdings muss man wohl feststellen, dass die klassischen Nicole-Holofcener-Film nun von anderen gemacht werden, von der Filmemacherin und Schauspielerin Lena Dunham beispielsweise, die gerade mal in der Pubertät war, als „Sex and the City“ zum ersten Mal über die Bildschirme flimmerte. Dabei geht Dunham in ihrer so großartigen wie schonungslosen HBO-Serie „Girls“ in Sachen Mundgeruch, Brustformen und Ex-Männern weiter, als „Walking and Talking“ oder „Please give“ es je taten. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich die Dinge weiter entwickeln, ob Nicole Holofcener mit „Genug gesagt“ ihre Lust an kleinen, intimeren Geschichten entdeckt hat, die nicht von einer Clique erzählen, sondern einen genauen, ruhigeren Blick in das Leben von ein, zwei Menschen werfen.

Vorerst bleibt nur, vor Schauspieler James Gandolfini einmal mehr den Hut zu ziehen, der bekanntlich im Juni dieses Jahres gestorben ist. Wie er diesen schwergewichtigen Gemütsmenschen Albert spielt, offen in der Liebe, leise, aber bestimmt in der Verteidigung seiner Würde und immer auch ein bisschen hilflos gegenüber den eigenen Fehlern, das würde ihn unvergessen machen, selbst wenn er niemals Tony Soprano gespielt hätte.

Komödie: USA 2013, 94 min., von Nicole Holofcener, mit Julia Louis-Dreyfus, James Ganolfini, Toni Collette, Catherine Keener

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