Dokumentation

Der verrückte Schlagzeuger

Jay Bulger hat sich mit Ginger Baker eingelassen und eine blutige Nase geholt: „Beware Of Mr. Baker“

Die blutige Nase ist der Ritterschlag jedes Dokumentarfilmers. Bevorzugt bildlich. Wörtlich hat Jay Bulger sich die blutige Nase bei den Dreharbeiten zu „Beware Of Mr. Baker“, seinem Filmdebüt, geholt – vom Titelhelden höchstpersönlich. Man sieht, wie ihm Ginger Baker mit dem Gehstock ins Gesicht schlägt. Bulger steigt ins Auto und hält den verschorften Nasenrücken wie eine Trophäe in die Kamera.

Das ist der Anfang und das Ende eines unerschrockenen Porträts. Erzählt wird die Geschichte des wohl besten Rockschlagzeugers aller Zeiten. Eines rothaarigen Riesen, der sich nach Südafrika auf eine Farm zurückgezogen hat und dort mit einer jungen Schwarzen, ihren Töchtern, Hofhunden und einem Stall voll Pferden lebt. Als Bulger ihn besucht, ist Ginger Baker Anfang 70. Er trägt eine Sonnenbrille, liegt im Sessel und isst Toast mit bunten Pillen. „Ich verklage niemanden, ich schlage zu“, knurrt er. An seiner Einfahrt steht das Warnschild, dem der Film des jungen Amerikaners seinen Titel zu verdanken hat.

Das Tier, das in der „Muppet Show“ am Schlagzeug saß, war Ginger Baker nachempfunden worden. Vielen ging es wie Jay Bulger: Baker lebte, wenn er überhaupt noch lebte, in den Mythen und Legenden einer Rockmusik, die in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren existiert hatte. Bis er 2005 mit Eric Clapton und Jack Bruce wieder unter dem Namen Cream auftrat, in London und New York. Danach kehrte er nach Südafrika zurück und Bulgers Film entstand. Dass Baker irre ist, ist keine Überraschung. In „Beware Of Mr. Baker“ aber wird erzählt, wieso er irre ist, weshalb er noch im hohen Alter zu Gewalt und Drogenmissbrauch neigt und warum er so trommelt, wie er trommelt. Auch hier sagen zahlreiche berühmtere Kollegen ihre Würdigungen auf. Die hätten allerdings genauso gut dem Schnitt geopfert werden können, ohne dass der Film gelitten hätte.

Ginger Bakers Vater fiel im Krieg, im letzten Brief erhielt der Sohn den Ratschlag, stets ein Mann zu sein und seinen Fäusten zu vertrauen. Ginger trommelte mit seinen Fäusten auf die Schulbank. Er hörte die Bomben über London fallen, er erzählt: „Seither liebe ich Explosionen und Desaster.“ Er klaute die Jazzplatten mit den verrückten Trommlern und lernte von ihnen, Afrika und Heroin zu lieben. Er spielte von Anfang an in Supergroups, bei Graham Bond, Cream, Blind Faith.

Der Höhepunkt, berichtet er, sei eine Fahrt im Sportwagen gewesen, mit drei Grazien an der Pazifikküste, als im Autoradio voreilig sein Tod gemeldet wurde: „Da war ich im Himmel“. Anschließend ging er nach Afrika, richtete sich ein Studio ein, spielte mit Fela Kuti und verärgerte die Afrikaner, als er wie die Kolonialherren lieber Polo spielte. Er spielte auch Polo in Amerika und England und nebenher ein wenig Jazz und Rock. Beim Cream-Comeback verdiente Baker fünf Millionen Pfund, dafür kaufte er neue Polopferde, bis er restlos pleite war.

Dokumentation: USA 2013, 92 min., von Jay Bulger

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