KulturMacher

Die etwas andere Seite von Neukölln

In Schloss Britz lebten einst preußische Staatsdiener. Inzwischen schauen sich dort Besucher um, die die Gründerzeit kennen lernen wollen. Manchmal werden sie von nackten Männern überrascht

Feudal ging es zu in der Gründerzeit. Die neuen Industriellen zeigten, was sie hatten und führten ihre Gäste gern in opulent ausgestattete Salons. Wie gediegen die ausgestattet waren, können Besucher heute noch im Schloss Britz sehen. Wer das Herrenhaus betritt und sich nach rechts wendet, landet in der Dauerausstellung zur Wohnkultur in der Gründerzeit. Aber wer sich nach links wendet, der steht auf einmal vor lauter nackten Männern. Und das hat nun so gar nicht mit Gründerzeit zu tun, in der die Männer Frack oder Gehrock, auf jeden Fall also Ganzkörpermode trugen.

Eine Überraschung. Und die will die Ausstellung „Der Mann – nackt“, die noch bis 19. Januar im Schloss Britz gezeigt wird, auch sein. Es ist ein Kontrapunkt zum herrschaftlichen Ambiente des Schlosses. Ungewöhnlich für das Konzept des Hauses ist die Ausstellung allerdings nicht. Als die heutige Schlossverwalterin Sonja Kramer 2007 die Leitung des Hauses übernahm, wollte sie sich nicht nur kunsthistorischen Themen zuwenden. „Wieso nicht auch mal etwas Modernes?“, fragte sich Kramer. Nur weil sie ein 300 Jahre altes Schloss leitete, müssten dort ja nicht ausschließlich alte Dinge gezeigt werden.

Bei der Ausstellungsplanung ist die 55-Jährige immer auf der Suche nach der Überraschung. „Ich schaue genau, was in der Stadt läuft. Wir müssen hier nicht Dinge zeigen, die schon doppelt und dreifach angeboten werden.“ Es müsse doch auch für Besucher aus Spandau oder Charlottenburg attraktiv sein, nach Britz zu fahren.

Und tatsächlich kommen die Besucher heute von überall her. Etwa 80.000 sind es im Jahr. „In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Besucherzahl verdoppelt“, sagt Sonja Kramer und ergänzt stolz: „Das Schloss Britz ist inzwischen ein Geheimtipp für Menschen, die etwas Neues in der Stadt entdecken wollen.“ Zu den größten Erfolgen gehörten die Hundertwasser-Ausstellung 2008 und die Schau „The last sitting“ mit Fotos von Marilyn Monroe.

Erst Sport, dann Kunst

Vielleicht ist es der unbelastete Blick, den Sonja Kramer auf die Kunst hat, denn die 55-Jährige hat sich zwar schon immer für Kunst interessiert, kommt aber beruflich aus einer anderen Richtung. Ursprünglich wurde sie zur Sportlehrerin ausgebildet, hat auch an Schulen in Niger und Madagaskar unterrichtet, bevor sie in den 80er-Jahren wieder nach Berlin kam. Hier studierte sie Soziologie und landete schließlich im Bezirksamt Neukölln. „Organisation war schon immer mein Ding“, sagt sie. Als die 300-Jahr-Feier 2006 im Schloss Britz anstand, gehörte sie zum Vorbereitungsteam des Jubiläums. Und blieb. „Es ist der schönste Arbeitsplatz in Neukölln“, sagt sie und blickt dabei aus dem Fenster, über den Park, Richtung Gutshof.

Als sie zum Schloss kam, gab es den Gutshof in seiner jetzigen Gestalt noch nicht. Die Restaurierung konzentrierte sich in den 80er-Jahren erst einmal auf das Schloss. Das hatte es auch nötig. Das Haus war nach dem Zweiten Weltkrieg 40 Jahre lang ein Kinderheim gewesen, was Spuren hinterlassen hatte.

Seit 1971 steht das Haus unter Denkmalschutz, 1989 wurde es als Museum und für kulturelle Veranstaltungen eröffnet. Die laufenden Kosten für das Haus werden vom Bezirksamt Neukölln getragen, für die Konzerte, Lesungen und Ausstellung ist die Kulturstiftung Schloss Britz zuständig.

Fast 20 Jahre dauerte es, bis auch die Restaurierung des Gutshofs begann. Sonja Kramer wollte das Areal nicht nur ansehnlich machen lassen, sondern auch neu beleben. So ist im Gutsverwalterhaus heute die Musikschule Paul Hindemith untergebracht, und der Kuhstall wurde zum Kulturstall umfunktioniert, in dem an den Wochenenden Konzerte und Lesungen stattfinden. Auf dem Gelände können Besucher auch etwas über die Haltung von Haustieren nach historischem Vorbild erfahren. Außerdem befindet sich im alten Pferdestall das Museum Neukölln. Der Ochsenstall ist ein Veranstaltungsraum des Hotels Estrel.

Mit Deutschlands größtem Hotel, das seinen Stammsitz an der Sonnenallee hat, kooperiert das Schloss Britz ohnehin. Seit 2009 betreiben Auszubildende im Schloss ein Restaurant und managen eigenständig den kleinen Hotelbetrieb, der fünf Zimmer im ersten Stock des Hauses bietet. Im Sommer werden die Zimmer häufig von Hochzeitsgästen bezogen, denn seit drei Jahren kann man sich im Schloss auch trauen lassen.

Im Landauer durch Britz

Doch es gibt noch mehr Neues im Schloss Britz. Als sich Schloss und Gutshof wieder in alter Pracht zeigten, sagte Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky, der Vorstand der Kulturstiftung, eines Tages zu Sonja Kramer: „Nun haben wir ein Schloss, da brauchen wir doch auch noch eine Kutsche.“

Mit der Unterstützung der Freunde und Förderer von Schloss Britz konnte die Kulturstiftung schließlich einen Landauer und eine Wagonette anschaffen, aber ein ausgebildeter Kutscher wollte sich nicht finden lassen. Also machten Sonja Kramer und zwei ihrer Mitarbeiter selbst den Kutscherschein. „Ganz schön aufwendig“, erzählt sie, „50 Ausbildungsstunden und diese ganzen Begriffe!“ Trotzdem erfüllte sich für die Schlossverwalterin ein kleiner Traum, als sie das erste Mal den schlosseigenen Landauer mit den Pferden Lady und Princess durch Britz lenkte. „Ich hatte schon immer einen Kutschenfimmel.“

Und noch etwas ist neu in diesem Jahr: Zum ersten Mal gibt es am vierten Advent auf dem Gutshof eine „Nordische Märchenweihnacht mit historischen Marktständen, Kunsthandwerkern, Märchenspielen und Huskys. Auch zuvor gab es hier Weihnachtsmärkte, „aber die hätten überall auf der Welt stehen können“, sagt Sonja Kramer. Sie aber wollte an diesem besonderen Ort auch einen besonderen Weihnachtsmarkt. Nun ist sie gespannt, ob der Veranstalter „Cocolorus“ es schafft, ihrem Schloss Weihnachtszauber zu verleihen.