Zwölf Stunden

Zum Wiehern

„Gefährten“ ist der Musical-Hit am Theater des Westens. Allabendlich eine Reihe künstlicher Pferde zum Leben zu erwecken, ist nur eine der Herausforderungen vor und nach der Show

10:45 Sechs lebensgroße Pferde-Puppen aus Stoff, Fiberglas und Leder hängen an der Decke hinter der Bühne. Die großen, glänzenden Puppenaugen schauen starr geradeaus, die durchscheinenden Körper sehen so leicht und filigran aus, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie bei der Aufführung einen Schauspieler als Reiter tragen. Der gelernte Musical-Darsteller Markus Schabbing arbeitet bei der Show als „Head Puppeteer“ also Chef-Puppenspieler, und sorgt dafür, dass sich der Kopf des Pferdes Joey, um das sich das Theaterstück „Gefährten“ dreht, möglichst lebensecht bewegt. Schabbing nimmt eine lange Stange, die an dem Hals der Pferdepuppe angebracht ist und lenkt mit ihr den Kopf zur Seite. Dann lässt er mit einer speziellen Mechanik die Ohren wackeln. „Wenn Joeys Kopf bewegt wird, wirkt er bald sehr lebendig“, findet er.

11:40 Thorsten Griese-Franck ist Requisiteur der Show. Auf seinem Werkstatttisch liegen abmontierte Füße von Puppen. Die Hufe der Bühnenpferde sind aus Moosgummi. Zunächst sehen die neuen Hufe noch rau und scharfkantig aus. Der Requisiteur schmirgelt sie an einer Bandschleifmaschine glatt.

12:15 Habib Thomas arbeitet seit 27 Jahren am Theater des Westens und hat im Lauf der Jahre Darsteller aus Dutzenden von Produktionen kennengelernt. An der Pforte am Bühneneingang, die rund um die Uhr besetzt ist, muss jeder Mitarbeiter, Lieferant und Paketbote vorbei. Auch für die Fundsachen sind Habib Thomas und seine Kollegen zuständig. Eine Anruferin aus Augsburg vermisst einen silberfarbenen Schal, den sie zwei Abende zuvor vergessen hat. Habib Thomas kann sie beruhigen, der Schal liegt bei den Fundsachen. Er steckt ihn zum Versand in einen gepolsterten Umschlag.

13:10 Das Stück „Die Gefährten“ entstand nach dem Jugendbuch „War Horse“ des britischen Autors Michael Morpurgo aus den 80er-Jahren. Es erzählt die Geschichte des Jungen Albert, der durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs von seinem geliebten Pferd Joey getrennt wird. Pläne, das Stück auf die Bühne zu bringen, gab es lange. Doch wie sollte man galoppierende, wütende, ängstliche und leidende Pferde in einem Theater zeigen? Im Jahr 2007 wurde das Stück mit den Puppen der südafrikanischen „Handspring Puppet Company“ in London uraufgeführt. Es entwickelte sich in weiteren Städten zu einem weltweiten Erfolg. Enrico Wey ist Assistent des künstlerischen Leiters für das Puppenspiel und hat das Stück bereits vier Jahre lang in New York betreut. Neben den Pferde-Puppen kommen auch einige falsche Vögel auf die Bühne. Enrico Wey untersucht eine Gänse-Puppe und stellt zufrieden fest, dass sich die Flügel mühelos heben und senken.

14:20 Rose, die Mutter des Hauptdarstellers Albert, ist eine Bäuerin mit großem Herzen und ausgeprägtem Durchsetzungsvermögen. In der Originalbesetzung wird sie von der Schauspielerin Silke Geertz gespielt, in der Zweitbesetzung, als sogenanntes Cover, steht an diesem Tag Regina Stötzel auf der Bühne. Bei den Proben hat sich gezeigt, dass die Weste für sie ein wenig zu eng sitzt. „Die Schauspieler brauchen auf der Bühne immer sehr viel Bewegungsfreiheit, deshalb müssen die Kleidungsstücke so geschnitten sein, dass sie nirgends einengen“, erklärt Kostümschneiderin Dorothea Fiedler, während sie die Seitennähte der Weste auftrennt. Anderthalb Zentimeter Stoff mehr an jeder Seite machen die Weste zu einem robusten, bühnentauglichen Outfit.

16:40 Die Puppen zu bewegen, erfordert neben Geschick auch viel Kraft. Allein der Pferdekopf wiegt etwa 15 Kilo und muss minutenlang ununterbrochen hochgehoben werden. „Out of Horse“ nennt sich das Training ohne die Pferdepuppe, die Puppeteer Markus Schabbing mit seinen Kollegen absolviert. Die Drei studieren die Bewegungsabläufe ein und üben auch das typische Schnauben und Wiehern der Pferde. „Auf der Bühne müssen wir das gemeinsam machen“, sagt Stephan Witzlinger „Einer alleine wäre zu leise.“

19:30 Die Show startet mit einer Auktionsszene, in deren Zentrum die Fohlenpuppe „Little Joey“ steht. Zwei Brüder wollen das junge Tier ersteigern. Natürlich geht es bei der Szene nicht nur um das Pferd, sondern um Konkurrenz, Neid und Jahrzehnte alte Zwistigkeiten, die den Rest der Handlung bestimmen werden.

20:55 Schauspielerin Regina Stötzel reibt sich für die zweite Hälfte der Vorstellung, die während des Weltkriegs spielt, Gesicht und Hände mit erdig-schwarzer Theaterschminke ein. Das Make-up ist schnell fertig. Schließlich soll sie auf der Bühne nicht gut, sondern schmuddelig und abgerissen aussehen.

22:15 Der wilde Galopp von Albert-Darsteller Philipp Lind hat die Zuschauer mitgerissen. Es gibt beachtlichen Schlussapplaus. Wer sich umschaut, sieht, dass das Stück einigen Zuschauern Tränen in die Augen getrieben hat. Darsteller und Puppenspieler verneigen sich. Während die Zuschauer danach auf die Kantstraße strömen, hängen die Puppeteers die Pferde-Puppen vorsichtig hinter der Bühne auf. Bereit für den nächsten Ausritt am kommenden Tag.