Thriller

Zum Dinner gibt’s Mäuse

Es ist keine gute Idee, von einem Meisterwerk ein Remake zu machen: Spike Lees „Oldboy“

Der Witz eines Springteufels, also einer dieser bösen Fratzen, die bis zum Äußersten gespannt auf dem Grund einer Schachtel liegen, bis jemand so leichtsinnig ist, sie zu öffnen, besteht in der Überraschung. Wüsste man über die bevorstehende Attacke Bescheid, würde ihr Reiz verpuffen. Ob es also eine gute Idee ist, ein Remake von einem Film zu machen, der auf genau so einem Schockmoment basiert? Spike Lee, in den Neunzigern vor allem für politisch korrekte Erbauungsfilme wie „Malcolm X“ und „Do the Right Thing“ bekannt, fand schon.

Park Chan-wooks „Oldboy“, mit dem der Koreaner 2004 in Cannes den Großen Preis der Jury gewann, ist ein brutales Meisterwerk. Eine zwischen Surrealismus und Hyperrealität irrlichternde Moritat. Der Film umschlingt den Zuschauer wie in einer unvergesslichen Szene der Oktopus das Gesicht des Helden Oh Dae-su, der ihn bei lebendigem Leib mit den Zähnen zerreißt. Die Tentakel winden sich im Todeskampf des Tiers, suchen den Halt, den es nicht gibt, und die Kamera zoomt auf die unbewegten Augen eines in unerträglicher Einsamkeit wild gewordenen Mannes, dann stürzt sie hinein.

Seit Jahren mäanderte Spike Lees Karriere dahin, mit seltenen Höhepunkten wie dem Bankraubfilm „Inside Man“ von 2006. In letzter Zeit drehte er eigentlich nur noch Fernsehsachen und zuletzt eine Dokumentation zum 25. Jubiläum von Michael Jacksons Album „Bad“. So wie Oh Dae-su sich in einer einzigen Einstellung mithilfe eines Hammers die lange vermisste Ellbogenfreiheit verschafft, indem er Dutzende auf ihn einstürmende Gangster böse verbeult, witterte Spike Lee womöglich Morgenluft – nur raus aus dem Gefängnis künstlerischer Stagnation, zur Not mit dem Holzhammer.

So fühlt sich das Ergebnis leider auch an wie der pflichtschuldig zusammengezimmerte Nachbau eines Möbels, für dessen inspiriertere Vorlage das Geld fehlte und das man dann so ähnlich bei Ikea bestellte. Dabei sind die Szenen, die in der Attrappe eines Hotelzimmers spielen, noch die stärksten des Films. Nach nächtlichem Rausch erwacht Joe Doucett auf einem kargen Bett, vor sich einen laufenden Fernseher, an der Wand das Poster eines schwarzen Hotelpagen mit aufgerissenem Mund und auf dem Nachttisch neben sich eine einsame Bibel. Unter dem Türfurnier kratzt er Metall hervor. Klopfen bleibt unbeantwortet, durch eine Klappe kriegt er tagaus, tagein dieselbe Ration Wodka und chinesische Dumplings.

Eine Antwort, welches Verbrechen eine solche Strafe verdient, bleibt ihm versagt. Dass er seine Frau eine Schlampe nennt, mutwillig den Geburtstag der dreijährigen Tochter verpasst, tolle Geschäfte vermasselt, indem er den Gespielinnen der potenziellen Partner unmoralische Angebote macht und besoffen durch die Straßen einer generischen amerikanischen Stadt torkelt, stempelt ihn zum abgetakelten Arschloch, lässt 20 Jahre Einzelhaft – die Amerikaner haben großzügig fünf draufgelegt – aber unverhältnismäßig erscheinen.

Doucett muss erfahren, dass seine Frau vergewaltigt und ermordet wurde – und er als flüchtiger Täter gilt. Durchaus respektabel hadert Josh Brolin („Milk“, „True Grit“) mit der Welt und sich selbst, schreit und resigniert, kippt den Alkohol irgendwann heulend ins Klo, trainiert sich die Wampe weg, indem er jahrelang auf die Wände eindrischt. Freundet sich mit einer Mäusefamilie an, die ihm die unsichtbaren Sadisten, die ihn bewachen (darunter in einer Nebenrolle ein blondierter Samuel L. Jackson), prompt zum Dinner servieren.

Irgendwann kommt der Springteufeltag, Joe ist draußen, fortan geht es mit seinem Schicksal bergauf und mit dem Film bergab. Park Chan-wooks genialer Wahnsinn – für Eingeweihte: der Selbstmord mit Hündchen! – weicht bei Spike Lee dumpfem Rumgerenne, Smartphonebestaune, In-die-Gegend-Gestiere. Elizabeth Olsen spielt zart und mit großen Augen, als wäre sie im falschen Film, eine barmherzige Schwester – oder war’s eine verlorene Tochter? Der halluzinatorische Sog des Originals verläppert zu unfreiwilliger Komik. Die Auflösung der rätselhaften Gefangenschaft übertreibt die Vorlage zur lächerlichen Groteske.

Thriller: USA 2013, 104 min., von Spike Lee, mit Josh Brolin, Elizabeth Olsen, Samuel L. Jackson

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