Horror

Ein Eimer Schweineblut, neu gerührt

Der Roman-Klassiker von Stephen King wurde neu verfilmt – warum auch immer: „Carrie“

Erst wird sie unter der Schuldusche nichts ahnend von der ersten Monatsblutung überrascht, bekommt daraufhin einen hysterischen Anfall und weshalb sie von ihren vor Begeisterung kreischenden Mitschülerinnen mit Unmengen von Tampons beworfen wird – davon haben Teenagermädchen immer Wagenladungen zur Hand. Von ihrer Mutter kann sie keinen Trost erwarten, die ist ein durchgedrehter Jesus Freak und hält Weiblichkeit für eine Sünde, und von den Leuten in der Schule scheinen bestenfalls ihre Lehrerin Miss Collins und der beliebte Tommy Ross in Ordnung zu sein. Gerade hat Tommy sie zum Abschlussball eingeladen, Carrie ist so was von glücklich. Doch als Carrie und Tommy überraschend zum Paar des Abends gekürt werden, wird Carrie ein Eimer Schweineblut über den Kopf gekippt, worauf sie zu einem telekinetischen Amoklauf ansetzt, bei dem auch die netteren Leute dran glauben müssen.

So hat es Stephen King 1974 in seinem Romandebüt aufgeschrieben und so hat es Brian De Palma zwei Jahre später verfilmt. Bis heute ist Carrie die einzige weibliche Horrorfigur von nennenswerter Relevanz, ein Mädchen, das zwar nicht aus Bosheit und Blutdurst tötet, aber auch nicht nur zu seinem Schutz. Zieht man dazu in Betracht, dass in der Geschichte auch die Themen Mobbing und religiöser Wahn angelegt sind, macht eine Neuverfilmung von „Carrie“ natürlich irgendwie Sinn, und zwar besonders, wenn die Regisseurin Kimberly Peirce sich der Sache annimmt, die vor Jahren mit dem Transsexuellen-Drama „Boys Don’t Cry“ ihren Durchbruch hatte. Dummerweise hatte Peirce aber weder Arthouse-Horror noch eine feministische Re-Interpretation des Stoffes im Sinn, offenbar hatte sie nicht einmal eine Idee. Über weite Strecken hält sie sich exakt an das Drehbuch mit dem auch Brian De Palma vor 37 Jahren gearbeitet hat, mitunter sind sogar Kameraeinstellungen und Dialoge identisch. Wobei man wiederum nicht sagen kann, dass Peirce die alte „Carrie“ direkt kopieren würde, so wie Gus Van Sant es aus konzeptkünstlerischen Erwägungen einmal mit Hitchcocks „Psycho“ getan hat. Die neue „Carrie“ ist der alten „Carrie“ nur verdammt ähnlich, sieht dabei aber nicht besser aus.

Chloë Grace Moretz ist gewiss eine tolle Schauspielerin, die sich sehr darum bemüht, sich in ihre Figur hineinzufinden, und zwar so sehr, dass man ihr die Mühe in jeder Szene ansieht. Auch Julianne Moore ist als Carries Mutter nicht so irritierend irre wie Piper Laurie es bei Brian De Palma war, selbst der Eimer Schweineblut wirkt wenig überzeugend, weil er durch einen sauberen Digitaleffekt ersetzt wurde, für den augenscheinlich nur wenig Budget zur Verfügung stand.

Und dass Peirce dann auch noch das Ende versaut und umgeschrieben hat, zeigt, dass Peirce im Umgang mit ihrer Figur mindestens so unsensibel ist wie die tamponwerfenden Mitschülerinnen. Ach Carrie, wer wird dich je verstehen?

Horror: USA 2013, 100 min., von Kimberly Peirce, mit Chloe Grace Moretz, Julianne Moore

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