Kulturmacher

Mehr als ein Märchen

Wo die gestiefelte Katze auftritt: In der Schaubude an der Greifswalder Straße hat Silvia Brendenal neben Puppenspiel für Kinder auch außergewöhnliches Theater für Erwachsene etabliert

Ein Zufall. So erschien es Silvia Brendenal damals jedenfalls, als sie ihr Studium der Theaterwissenschaft gerade beendet hatte und das größte Puppentheater der DDR seine neue Spielstätte eröffnete. Sie fing am Berliner Puppentheater an der Greifswalder Straße als Dramaturgin an. Und ging wieder, als sie einen Anruf bekam, ob sie für die Zeitschrift „Theater der Zeit“ arbeiten wolle. Bei ihrem Abschied freute sie sich darauf, ganz etwas anderes zu machen – und landete doch wieder beim Puppenspiel: „Genau zu dieser Zeit führte die Zeitschrift Rezensionen zum Puppentheater ein.“

„Es ist doch oft so im Leben“, sagt sie, „dass Zufälle unseren Weg bestimmen, die letztlich gar keine Zufälle sind.“ So wunderte sich Silvia Brendenal nicht mehr, als sie der Weg schließlich an die Greifswalder Straße zurückführte. Fünf Jahre hatte sie nach dem Fall der Mauer in den 90er-Jahren das Deutsche Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst in Bochum aufgebaut. „Dann wollte ich nach Hause.“ 1997 kam sie wieder nach Berlin und übernahm die künstlerische Leitung der Schaubude, die seit 1993 die Tradition des Puppenspiels an der Greifswalder Straße fortsetzt.

„Offen für anderes Theater“

Ein Jahr gab sie sich Zeit, um aus der Schaubude einen anderen Ort zu machen als er in ihrer Erinnerung war. „Ein furchtbares Regime“ habe geherrscht, als sie als junge Dramaturgin in den 70er-Jahren dort arbeitete. Das wollte sie anders machen, eine andere künstlerische Ausdrucksweise etablieren, ein modernes Theater im denkmalgeschützten Haus führen. Und zugleich dazu beitragen, dass die Schaubude tatsächlich wieder eine „Spielstätte des Puppen- und Figurentheaters für Kinder und Erwachsene“ wurde, wie es bei der Neugründung festgelegt worden war. „Das Repertoire für Erwachsene war noch nicht so groß“, sagt sie, „und bei vielen Erwachsenenvorstellungen konnte man die Zuschauer an einer Hand abzählen.“

Heute seien die Vorstellungen für die Erwachsenen zu 80 Prozent gefüllt. „Wir haben ein Publikum, das offen ist für anderes Theater.“ Für Puppentheater, aber auch für Formen wie das Objekttheater, die noch einmal mehr verlangen, die die Bereitschaft voraussetzen, „mitzuarbeiten, zu dechiffrieren“. Silvia Brendenal erzählt vom Théatre de la Cuisine, bei dem ein Eierbecher und ein Kronkorken zentrale Rollen spielen, und von „Diavoletto“, einem Stück über eine Alka-Seltzer-Tablette, die schließlich Suizid begeht. „Wenn die Zuschauer dann ganz still und berührt sind, weiß man, wie stark das Zeichen ist.“

Dennoch seien ihr die erwachsenen Zuschauer keineswegs wichtiger als die Kinder: „Mir liegt nur am Herzen, dass die Inszenierungen für Kinder den gleichen ästhetischen Anspruch haben wie die für Erwachsene.“ Erfüllend sei es, für Kinder zu spielen, aber auch „unglaublich strapaziös, vor allem, wenn die Kinder anderer Meinung sind als die Akteure und versuchen, die Darsteller von einer Handlung abzuhalten, die sie als falsch erkannt haben.“ Wenn ein ganzer Saal voller Kinder „Mach das nicht!“ ruft, wird es für die Puppenspieler auf der Bühne anstrengend.

Trotzdem sei es wunderbar, die Kinder im Theater zu erleben. Nicht nur, weil das Theater den Stempel habe, vor allem für die Kleinen geeignet zu sein, hat sie „theater 2+“ entwickelt, ein Festival für Zuschauer ab zwei Jahren. Sie sei selbst erstaunt, wie bereitwillig sich Kinder und auch Erzieherinnen dabei auf andere Theaterformen einlassen, erzählt sie, zum Beispiel auf die Licht- und Computeranimationen eines holländischen Künstlerpaars unter dem Titel „Ampelmännchen lauf“: „Und das, obwohl üblicherweise Figuren wie der Kasper erwartet werden.“

Gleichberechtigt nebeneinander stehen sollen die Programme für die Erwachsenen und für die Kinder an der Schaubude. Vormittags und an den Wochenenden nachmittags zeigen die Puppenspieler „Rumpelstilzchen“, „Prinz Primel“ oder „Die kleine Hexe“, an den Wochenend-Abenden „Anna Karenina“ oder „Die gestiefelte Katze“.

Welche Inszenierungen auf die Bühne kommen, entscheidet Silvia Brendenal. „Das ist das Künstlerische an meiner Aufgabe als künstlerische Leiterin“, sagt sie. Ebenfalls Teil ihrer Aufgaben: der Umgang mit dem Budget. Träger der Schaubude ist die Landesgesellschaft „Kulturprojekte Berlin“ und über die Finanzierung des Theaters sagt die Leiterin: „Wir sind nicht mehr kürzbar, wir sind nur schließbar.“

Vier festangestellte Mitarbeiter habe die Schaubude, „in der DDR gab es hier dagegen 70 Mitarbeiter“. Eigene Stücke werden nicht produziert, die Bühne an der Greifswalder Straße ist heute, anders als in der DDR, ein reines Bespieltheater.

Kitas und Schulen der Umgebung

Die Entscheidung, am traditionellen Ort zu bleiben, sei immer wieder in Frage gestellt worden, erzählt Silvia Brendenal. „Natürlich hätten wir im hippen Prenzlauer Berg andere Möglichkeiten als hier.“ Hier, das ist der Ort, an dem die vierspurige Greifswalder Straße die vierspurige Grellstraße kreuzt, gleich neben dem S-Bahnhof Greifswalder Straße. Es sind eher Supermärkte und Discounter als Bio-Märkte, die hier das Bild bestimmen. „Andererseits ist hier seit Jahrzehnten Puppentheater etabliert“, sagt Silvia Brendenal. „Außerdem ist es wichtig, dass man auch an Orten etwas ausstrahlt, die noch nicht so übersättigt sind von Kunst und Kultur. Und wir strahlen aus.“ Auf die Kitas und Schulen aus der Umgebung zum Beispiel, die regelmäßig ins Theater und zu den Workshops kommen.

Noch bis August 2015 will die 64-Jährige die Schaubude führen. „Danach ist Schluss. Es ist mühsam, ein nicht wohl-subventioniertes Theater zu leiten. Ich spüre den Verschleiß.“ Zugleich aber sei auch eine große Portion Wehmut dabei, dass die Zeit an der Greifswalder Straße dann zu Ende sei: 40 Jahre, nachdem er sie hingeführt hat, der Zufall, der wohl doch keiner war.