Horrmanns Gourmetspitzen

Regionales, rustikal, aber gut gemacht

Heinz Horrmann besucht das Alte Zollhaus in Kreuzberg

Längst hat sich Kreuzberg zu einem Genussviertel gemausert, mit Sternekoch Stefan Hartmann als Bannerträger und das Alte Zollhaus schon in der Position des Klassikers. Alt trifft im Zusammenhang mit diesem Restaurant allerdings nur auf den Namen zu, ansonsten ist nach der Renovierung alles jung, frisch und aktuell. Gerade erst hat Inhaber Herbert Beltle auch eine neue Küchen-Konzeption eingebracht, die wir unbedingt probieren wollten. So international nämlich die Berliner Restaurant-Palette erfreulicherweise auch ist, manchmal bleiben Regional-Spezialitäten und deutsche Traditionsgerichte für viele die Geschmacksfavoriten. Und genau diesen Wunsch pflegt Beltle mehr denn je.

Der regionale Reigen drehte sich schon ganz köstlich bei den Vorspeisen. Der hausgebeizte und lauwarm geräucherte Bachsaibling auf süß-saurem Kürbisgemüse war ein Gedicht, da die Räucheraromen, die häufig alle anderen Geschmacksnuancen erschlagen, nur behutsam eingesetzt wurden. Der Jahreszeiten-Salat war eine echte Wildkräuter-Auslese, mit kaltgepresstem Rapsöl angemacht und einem Dreigestirn von Aromen – gebratene Pilze, Granatapfelkerne und Cashewnüsse – abgerundet. Das Havelländer Krebssüppchen, frisch zubereitet, duftete nach der Sherry-Sahne. Wer es lieber einfacher und herzhafter mag, bekommt eine Eisbeinsülze mit Speck-Bratkartoffeln (kross) und Kerbelremoulade. Altdeutsche Küche findet sich in den Zwischengängen. Wer kennt nicht Birne-Bohnen-Speck mit laufwarmen Räucheraal oder den Strudel von Blut- und Leberwurst? Gewiss nicht jedermanns Sache und Lichtjahre entfernt vom Sternebereich, aber wer es mag, genießt es. Die Hauptgerichte als „Hauptsachen“ deklariert, sind auf sechs Angebote begrenzt. An erster Stelle steht der „Klassiker“, die Brandenburger Bauernente aus dem Rohr mit Rahmwirsing, glacierten Boskop-Äpfeln und kleinem Kartoffelpuffern. Natürlich ist die Ente vorbereitet, aber mit kräftiger Oberhitze kross ausgebraten, wenn der Gast bestellt.

Ich habe das gebackene Kotelett vom Havelländer Apfelschwein probiert, das wahlweise mit Kartoffel-Radieschen-Salat, aber auf meinen Wunsch hin mit perfekt gemachten Bratkartoffeln auf den Tisch kam. Einziger Kritikpunkt war für mich, was andere Gäste gewiss gut finden: Alles Fett war abgeschnitten, aber für mich ist Fett nun einmal Aromaträger. Bereits im Bereich der Spitzen-Gastronomie liegt die „Königlich preußische Mahlzeit“, auf der Karte als „KPM“ ausgewiesen. Dahinter verbirgt sich Dreierlei vom Ruppiner Weidelamm, mit Zwiebelspeck-Kuchen.

Ein gutes Essen ohne Dessert ist wie eine einäugige Schönheit“, unkte einst Anthelm Brillat-Savarin, der berühmte französische Schriftsteller und erster Restaurantkritiker. Im alten Zollhaus trägt man dem Gedanken Rechnung und serviert vier Mal Süßes zur Auswahl, ausgesprochen köstliche Kleinigkeiten. Die Catalanische Creme wird am Tisch mit braunem Zucker karamellisiert und mit Blaubeeren und Cassissoße serviert. Ich wählte die flambierten Erdbeeren mit grünem Pfeffer und Vanilleeis vom Kellner am Tisch zubereitet. Ein gelungener leichter Abschluss. Wer nicht für ein Dessert zu begeistern ist, bekommt auf Wunsch Brandenburger Rohmilchkäse vom Wagen mit einem Stückchen Früchtebrot und Weintrauben. Rundum zufrieden verlässt man das schöne Lokal, auch wenn es nicht die Sternstunde der außergewöhnlichen Gourmandise war. Aber das würde auch nicht Beltles Konzeption entsprechen.

Die gastronomische Vielfalt einer bedeutenden Stadt wie Berlin schließt wahrlich nicht nur Sterne-Küchen und Gourmet-Tempel ein. Wenn die Produkte gut sind, handwerklich gekonnt zubereitet und dann auch noch mit Pfiff gewürzt, ist auch ein rustikales Lokal mit regionalen Speisen und preiswerten Weinen durchaus empfehlenswert. Dafür ist das Alte Zollhaus ohne die ganz großen Ambitionen ein gutes Beispiel. Wir fühlten uns ausgesprochen wohl. Das ist auch, nein, ganz besonders, das Ergebnis eines besonders herzlichen Service.

Die Weinkarte entspricht dem Konzept, das Beltle kompromisslos durchzieht: zumeist einfache Lagen, wobei der deutsche Riesling dominant vertreten ist. Dafür pflegt er ganz besonders die Kreszenzen vom eigenen Weinberg in der Pfalz. Horcher Weine begleiten auch das Tagesmenü. Mir hat nie ein deutscher Wein besser geschmeckt, als der aus der Magnumflasche kredenzte Beltle-Spezial, eben von Horcher. Das Zollhaus in Kreuzberg ist ein Ort zum Träumen. Im Sommer lockt der Garten am Landwehrkanal, im Herbst und Winter die anheimelnde Atmosphäre des rustikalen Gästeraums.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonntag für die Berliner Morgenpost