Berliner Perlen

Wo Räume ihre Seele bekommen

Bei „Berliner Messinglampen“ in Moabit gibt es neue Leuchten nach alten Vorbildern aus der gleichnamigen Berliner Manufaktur. Auch die Bundeskanzlerin hat hier gekauft

„Sehen Sie sich mal den Unterschied an“, sagt Anne Kamratowski und holt hinter dem Tresen eine klassische Bankerleuchte hervor. Die Inhaberin der Berliner Messinglampen Manufaktur tippt auf das Glas und stellt die Lampe neben ein fast gleich aussehendes Modell auf den Tisch. Aber eben nur fast. Spätestens als sie beide Lampen anknipst, wird der Unterschied deutlich. Aus der einen leuchtet es leicht grünlich hervor, die andere gibt ein warmes helles Licht ab. Bei der einen wurde ein grün gefärbter Lampenschirm innen einfach weiß angesprüht, bei der der anderen mundgeblasenes Triplex-Opalglas verwendet, also drei Schichten Glas aufeinandergelegt. Die eine kommt aus einem Baumarkt, die andere aus Anne Kamratowskis Lampenfabrik.

Aber nicht nur das Glas macht den Unterschied. Auch im Messing, in den Fassungen, im Gewicht und letztlich auch im Preis unterscheiden sich die zwei Lampen erheblich. Doch trotz des Preises ab 300 Euro gehört die Bankerleuchte aus dem Hause Berliner Messinglampen zu den Bestsellern im gleichnamigen Geschäft in Alt-Moabit. Denn wer hierherkommt, will keine Lampe für ein paar Jahre, sondern eine, die Generationen hält.

Das entspricht der Philosophie des Hauses: Alle etwa 300 Grundgestelle sind genormt, so dass sich immer ein Ersatzteil findet – selbst wenn das ursprüngliche Modell nicht mehr im Angebot ist. „Außerdem gibt es eine enorme Variationsbreite“, erklärt Anne Kamratowski. Bei der Zusammenstellung einer Lampe habe man – ehrlich gesagt – gesagt mehr Kombinationsmöglichkeiten als beim Lotto.

Gemacht für Generationen

Das Fabrik-Geschäft, wird seit sechs Jahren von Benjamin Glimm geführt. Die wichtigste Eigenschaft, die der 38-Jährige hier braucht, ist Einfühlungsvermögen. Denn die Kunden könnten kaum unterschiedlicher sein. Da ist die ältere Dame von nebenan, die einen Ersatz für ihre Jahrzehnte alte Lieblingslampe sucht. Da ist der Student, der sich nach Jahren die Bankerlampe zusammengespart hat. Da ist das junge Paar, das für die erste gemeinsame Wohnung nach dem richtigen Licht sucht. Und nicht selten kommt auch mal Prominenz vorbei. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat hier eingekauft.

Ihnen allen stellt Glimm Leuchten nach individuellen Wünschen zusammen. Fast jeder Schirm passt auf jedes Gestell, und das Messing gibt es von matt bis glänzend, von antik bis verchromt. Wer sich nicht gleich entscheiden kann, darf eine Lampe auch gegen Pfand zum Test mit nach Hause zu nehmen. Denn eine Lampe bedeutet für ihn mehr als bloße Beleuchtung: „Eine Lampe gibt Räumen eine Seele.“

Die meisten Leuchten orientieren sich an Modellen aus dem Jugendstil, als die verkabelte Lampe zum Standard wurde. Anne Kamratowski kennt sich in der Lampengeschichte aus, schließlich hat sie in den 70er-Jahren schon mit Antiquitäten gehandelt. „Alte Leuchten verkauften sich da wie warme Semmeln“, erinnert sich die gebürtige Berlinerin. Die Nachfrage war so groß, dass sie bald Schwierigkeiten hatte, den Wünschen nachzukommen und genug antike Leuchten zu beschaffen. Da kam ihr die Idee, selbst eine Fabrik aufzumachen und Lampen nach den alten Modellen herzustellen.

So entstand 1982 die Manufaktur Berliner Messinglampen im Spreehof in Alt-Moabit. Heute ist dies ein mittelständisches Unternehmen mit etwa 50 Mitarbeitern. Man ist inzwischen umgezogen, weil der Platz nicht mehr reichte. Geblieben ist in Alt-Moabit das Ladengeschäft. Hier, zwischen Kneipe und Autowerkstatt, rechnet man nicht gerade mit hochwertigen Lampen, aber für Anne Kamratowski ist der Ort ein Stück Heimat, denn sie ist hier aufgewachsen. Außerdem habe es von Moabit bis Mitte auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg Leuchtfabriken gegeben. An diese Tradition knüpft sie an.

Siemensleuchten wiederentdeckt

Produziert wird in der Fabrik heute nicht nur für Privatkunden, sondern auch für Gastronomie und Hotellerie, historische Gebäude und Firmen. So hängen Berliner Messinglampen zum Beispiel in der Charité und der Humboldt-Uni. Besonders beliebt sind neben der Bankerlampe auch die Siemensleuchten, deren Vorbilder früher in den Berliner Fabrikhallen des Konzerns hingen. Doch mit der Zeit hat sich der Geschmack der Kundschaft gewandelt, sagt Anne Kamratowski: „In den 80er-Jahren konnte es nicht altmodisch genug sein, heute dagegen mag man es schlichter.“ Darum laufen zurzeit auch die verchromten Jugendstilmodelle sehr gut.

Ohnehin hat das Lampengeschäft jetzt Hochkonjunktur. „Spätestens seit die Uhren auf Winterzeit umgestellt wurden, sieht jeder, wo noch eine Lampe fehlt“, sagt Glimm. Das sei wie mit den Winterreifen und auch die Wohnung müsse für den Winter gut gerüstet sein.

Berliner Messinglampen Alt-Moabit 63, Moabit, Tel. 39 84 85 50, Mo.–Fr. 10–18 Uhr, Sbd. 10–14 Uhr, berliner-messinglampen.de, berliner-messinglampen-shop.de