Kulturmacher

Eine Bühne für Entdecker

Das „Corbo“ ist die beste Adresse der Stadt für Chanson und Kleinkunst: In Berlin verwirklichten die Sängerin Lisa Zenner und die Kabarettistin Frau Fendel ihren Traum vom eigenen Theater

Eigentlich gibt es das „Corbo“ erst seit gut drei Jahren. Doch die Treptower Kleinkunstbühne besitzt so viel gelebte Patina, dass sie auch gut und gerne seit ebenso vielen Jahrzehnten existieren könnte. Ein Trick, für den mancher Innenausstatter die Theatergründerinnen Lisa Zenner und Frau Fendel sicherlich glühend beneidet. Dabei ist der einnehmend angejahrte Ambientecharme nur eine Frage kluger Vorausplanung. Als die beiden 2003 die Idee hatten, irgendwann mal eine Kleinkunstbühne aufzumachen, stand eines von vornherein fest: „Wir wollten keine sterilen Möbel, sondern nur welche, die Leben haben. Deshalb haben wir nach und nach gebrauchte Stühle und Tische zusammengekauft“, so Lisa Zenner.

Kennengelernt haben sich die beiden in Karlsruhe. Die Kabarettistin, Schauspielerin und Sängerin Frau Fendel hatte dort eine Kleinkunstbühne, auf der Sängerin Lisa Zenner ab und an auftrat. Ihren Traum vom gemeinsamen Haus haben die beiden zunächst versucht, im nahen Straßburg zu verwirklichen. Doch dort ging nichts ohne Beziehungen. Immerhin haben die beiden den Namen ihrer zukünftigen Bühne in der elsässischen Metropole gefunden, denn ihr Lieblingscafé hieß „Corbeau“, zu deutsch: Der Rabe. Phonetisch verändert wurde daraus Corbo, mit der Betonung auf der zweiten Silbe.

Die Chefin steht am Mischpult

„Dann war plötzlich wie ein Blitz die Idee mit Berlin da“, erinnert sich Lisa Zenner. Also zogen sie 2008 mit Sack und Pack, Tischen und Stühlen in die Hauptstadt. Nach einigem Suchen fanden sie endlich die passenden Räumlichkeiten für ihre Bühne, wussten aber von Anfang an: „Der Standort wird schwierig. Man muss hierher wollen. Vor dem Mauerfall war hier der Todesstreifen, sonst nichts“, sagt Zenner. Auch lange danach war die Gegend Niemandsland. Mittlerweile aber zieht es nicht nur Familien mit Kindern her. Der ruhige, grüne Kiez mit seiner Mischung aus Wohnen, kleinen Betrieben, Startups und Lokalen wird zunehmend attraktiver. Das Corbo fügt sich da perfekt ein. Und wer einmal da war, schätzt die intime Atmosphäre. Kein Wunder, dass die meisten Zuschauer Wiederholungstäter sind.

Lisa Zenner hat ursprünglich mal Betriebswirtschaft studiert. Ihr war von Anfang an klar, dass sie mit der Kleinkunst nicht reich werden kann. Ihr finanzielles Standbein ist ihr Übersetzungsbüro. Ihre Bühne hingegen betreibt sie, wie auch Frau Fendel, mit einer unerhörten Leidenschaft: „Wir haben beide oft genug in diesen kleinen Häusern gespielt, um zu wissen, wie abseitig das sein kann. Meistens musste man sogar das Licht selbst machen und sich von Ferne um die Werbung kümmern“, sagt die 47-Jährige. Für sie war klar: „Wir machen das anders! Wir schaffen gute Bedingungen für Künstler, vor und hinter der Bühne. Als Klangfetischistinnen sind wir immer am Mischpult, wenn jemand auftritt. Ganz ohne Chichi präsentieren wir unsere Künstler bestmöglich.“ Auch das Publikum schätzt so viel Einsatz. „Die Technik kann nur unterstützen, denn bei dieser Unmittelbarkeit kann man nichts faken, nichts abrunden, was eckig ist. Durch die Nähe bleibt alles ungekünstelt“, sagt Lisa Zenner.

Das Corbo ist eine echte Entdeckerbühne. Hier spielen Leute, die man woanders nicht sieht. „Unser Motto lautet: Für Trüffel muss man auch buddeln! Das kostet Energie, aber wir freuen uns wie die Schneekönige, wenn wir etwas Kostbares ausgegraben haben und etwas Tolles auf der Bühne passiert“, schwärmt Lisa Zenner. Viele Neuentdeckungen und Künstler, die noch keinen Namen haben, treten im Corbo auf. Damit ist das 99-Plätze-Haus eine Schnittstelle zwischen Open-Stage-Abenden zum Ausprobieren und den etablierten Kleinkunstbühnen.

Seit zwei Jahren müssen sie nicht mehr unbedingt selbst aktiv suchen, bewerben sich doch mittlerweile genügend Künstler bei ihnen. Wer bei ihnen auftritt, muss einen eigenen Blick auf die Welt haben, eine Persönlichkeit mitbringen, authentisch sein und nichts einfach reproduzieren. Neben dem Kabarett ist es vor allem das Chanson, dem die Betreiberinnen ein neues Zuhause in Berlin geben. Sie wollen das Chanson aus der verstaubten Ecke holen. Zeigen, wie vielseitig es ist, und dass es auch ohne Weltschmerz und Schummerlicht geht. So hat sich das Corbo in den vergangenen drei Jahren zum In-Treff für Chanson-Lieberhaber gemausert, zumal hier gleich zwei Festivals stattfinden. Gerade lief das „18. Chansonfest Berlin" mit neuem deutschem Chanson. Im November folgt das „Festival de la Chanson française 2013", unter anderem mit Pigor & Eichhorn, die ihr französisches Programm präsentieren.

Alles außer Belanglosigkeiten

Mit dabei ist auch Lisa Zenner mit ihren Bossanova-angehauchten Chansons, mit denen sie immer mal wieder im Corbo auftritt. Zweisprachig aufgewachsen, schreibt sie ihre Songs übrigens auf Französisch. Wichtig ist ihr dabei vor allem eines: „Man sollte für etwas brennen, wenn man ausdrückt, was man denkt und fühlt.“ Damit ist sie auf einer Wellenlänge mit Frau Fendel, die auch im Corbo mit ihrem Programm „Nie wieder Liebeslieder“ mit Chansonnier Boris Steinberg zu sehen ist.

Wenn sie mal vom Kleinkunst-Trubel entspannen wollen, ziehen sich die beiden Frauen in ihren Heimatkiez Schöneberg nahe des Winterfeldplatzes zurück, wo sie zusammen leben. Lisa Zenner mag vor allem die kleinen Läden und Cafés ohne Firlefanz oder horrende Preise. Dort fühlt sie sich wohl. Wie in der Kunst schätzt Lisa Zenner nämlich auch im Alltag das Bodenständige und Echte. Eben alles, außer belanglos.

Corbo Kleinkunstbühne Kiefholzstraße 1-4, Alt-Treptow, Tel. 53 60 40 01, Infos unter: www.corbo-berlin.de