Berliner Perlen

Der Kopfarbeiter

Diese Werkstatt ist sein Leben: Im szenigen Teil von Neukölln hat sich Moritz Wolfgruber eine Art Schiffsbauch gezimmert, um dort mit Heißklebepistole und viel Fantasie Hüte herzustellen

Neulich kam ein Kunde in den Laden. Über seinen Hut, den er dort gekauft hatte, war ein Taxi gefahren. Der junge Mann kam aber nicht, um sich zu beschweren – warum auch: Dass ein Taxi über einen Hut fährt, den Moritz Wolfgruber alias „Capt’n Crop“ gefertigt hat, kann ja nun wirklich nicht seine Schuld sein. Der Hutträger kam, um begeistert zu zeigen, dass auch ein Taxi diesem Hut nichts anhaben kann. Einmal ausklopfen – und der Hut ist wie neu.

Moritz Wolfgruber freute sich. Nicht, dass es ihn überraschte. Er weiß, was jene Hüte aushalten, die er seit Februar 2010 in seinem Laden „Capt’n Crop“ an der Neuköllner Reuterstraße klebt.

„Das mag viele verblüffen. Aber: Ja, ich nähe nicht, ich klebe“, sagt Moritz Wolfgruber. Der 28-Jährige kam vor acht Jahren aus Süddeutschland, „aus den Bergen“ nach Berlin. „Einfach, weil ich da weg wollte“, sagt der junge Mann mit den langen Haaren, die er sich zum Neidischwerden locker und lässig auf dem Kopf zusammengebunden hat. „Ich wollte fort aus der Enge. Also habe ich mich für Berlin entschieden und mir hier eine Zivildienststelle gesucht. Ich dachte mir, Berlin ist gut, um etwas zu starten. Die Stadt bietet Freiräume. Und inzwischen kann ich sagen: Ich fühle mich hier daheim.“

Einen Monat lang Biologie

Er blickt sich in seinem Laden um, der diese schnöde Bezeichnung eigentlich nicht verdient hat: Denn dieser Laden ist einer jener Räume, in denen ein Mann die Tür schließt und sofort vergessen hat, wie es vor der Tür war. Das Zuhause von Moritz Wolfgruber, der Ort, in dem er arbeitet und in dessen hinteren Räumen seine Wohnung liegt, wirkt wie der Innenraum eines Schiffs. Aus Holz selbst gezimmert, inklusive Reling, Steuerrad und Rettungsring. Gleichzeitig muten die kleinen, auf Flohmärkten zusammengesuchten Fenster mit zarten Mosaiken und bunten Vorhängen davor an, als würde man in einer gemütlichen Berghütte sitzen. Kurzum: In einem echten Zuhause.

Dabei war damals nicht unbedingt klar, dass Wolfgruber auch hier bleiben würde. Einen wirklichen Plan gab es nämlich nicht. Er hatte sich an der Uni eingeschrieben, einen Monat lang Biologie studiert, das Vorhaben dann aber schnell wieder verworfen.

Als Fahrradkurier hat er gearbeitet und nebenbei reifte eine Idee in ihm: „Ich hatte mal einen alten Hut von meinem Großvater im Keller gefunden. Das war ein Filzhut, nichts Besonderes“, sagt Moritz Wolfgruber. „Aber irgendwie hat mich dieser Hut interessiert, er hat mich beschäftigt. Und dann beschloss ich, Hutmacher zu werden.“ Also bestellte er ein Buch über Hutmacherei, um erst einmal zu gucken, was da auf ihn zukommen würde.

„Ich wollte nicht Haute Couture-Hüte machen, solche fürs Pferderennen.“ Also legte er das Buch beiseite und fing an, aus Hasendraht Hutformen zu biegen und sie mit allen möglichen Stoffen zu bespannen. „Als Übung habe ich einfach alles benutzt, was ich gerade da hatte.“

Das war echtes „learning by doing“. Der erste Hut war Ende 2007 fertig. „Dann habe ich zwei Jahre lang vor mich hin gearbeitet, um mir ein Repertoire aufzubauen und meine Arbeit zu perfektionieren.“ Ende 2009 fand er dann die Räume für seinen Laden, den er im Februar 2010 eröffnete.

Damals hieß das Geschäft noch „Crop Cosecha“, das sind die englischen und spanischen Worte für „Ernte“. „Das stand auf einem Kaffeebohnensack“, sagt Moritz Wolfgruber zur Namensfindung. Noch heute macht er seine Hüte aus Kaffee- und anderen Jutesäcken, aus Polsterstoffen, aus Vorhängen, aus alten Sonnenschirmen oder Segeln. „Ich benutze immer Materialien, die irgendwie mal gelebt haben. Stoffe werden für mich immer erst dann interessant, wenn sie eine Geschichte haben, eine Patina.“

Kleben im Schiffsbauch

„Capt’n Crop“, wie er sich nennt, seit er seinen Laden von Januar bis Mai 2013 als Schiffsbauch ausbaute, ist nicht nur den Materialien treu geblieben, sondern auch der Art, sie zu verarbeiten. Seine Hüte wirken mal karibisch, erinnern mal an die Umzüge in New Orleans, an Reggae-Bands und die fantastischen Typen von Abenteuerschriftsteller Jules Verne.

Das Werkzeug seiner Wahl ist die Heißklebepistole. „Ich klebe großflächig, der ganze Hut ist ein Guss mit einem Aluminiumdraht in der Krempe“, sagt er. Und: „Die Hüte kann man waschen.“ Und jeder ist ein Unikat. „Zu mir kann man auch mit einem bestimmten Stoff kommen und ich mache dann daraus den Hut, den man sich wünscht.“ Es mache mindestens genauso viel Freude, die Stücke zu tragen, wie sie herzustellen. Und immer kommt ein ganz individuelle Accessoires heraus.“

Ganz besondere Aufträge waren einer der auffälligen Zylinder für den „Dschungelcamp“-Gewinner und Restaurantchef Peer Kusmagk. Ein anderer Kunde wollte einen Hut, wie ihn Slash trägt, der ehemalige Gitarrist von Guns N’ Roses. Geht alles. Und am Ende darf sogar ein Taxi drüberfahren.

Capt’n Crop Reuterstraße 52, Neukölln, Öffnungszeiten: Di. bis Fr. 15 bis 19 Uhr, Sbd. 14 bis 18 Uhr, captn-crop.com