Bühnencheck

Die Distel sticht und stichelt

Die berühmte Merkel-Raute kann sich auch als Fluch erweisen. Zumindest im Jahr 2054 am 100. Geburtstag der Dauer-Bundeskanzlerin.

Aber im TV-Interview mit dem ebenfalls steinalten Günther Jauch muss das Markenzeichen halt sitzen, irgendwie. Es ist ein Bild für die ewigen Kabarett-Annalen, dass Michael Nitzel als tattrige Angie und Edgar Harter als Silberfuchs Jauch da schaffen. Witz und Optik ihres herrlich inhaltlosen Intim-Talks fräsen sich in jede Hirnwindung. Ein denkwürdiger Moment in dem an Höhepunkten reichen Distel-Jubiläumsprogramm „Endlich Visionen!“, ersonnen von Martin Maier-Bode und Thilo Seibel zum 60. Geburtstag des Kabarett-Theaters.

Visionen, so konstatiert das sechsköpfige Ensemble, fehlen dem Land aktuell, und damit der Mut, etwas zu ändern. Aber die Kabarettisten haben die Hoffnung auf eine Politik, die nicht nur reagiert, sondern endlich wieder regiert nicht aufgegeben. Dass sie jetzt eine weitere Legislaturperiode Witze über Angela Merkel machen müssen, hat die Satiriker allerdings erst mal in eine tiefe Sinnkrise gestürzt, die sie jedoch erfolgreich mit bitterbösem Humor therapieren.

In der Regie von Dominik Paetzholdt wirft das famose Ensemble auch einen Blick in die Zukunft. Wie bei der Quasselrunde im Joachim-Gauck-Institut für Betroffenheitsförderung im Jahr 2019. Ausgerechnet ein Rentner mischt hier politisch-wirtschaftliche Schwergewichte der neuen Koalition aus CDU, AfD und Vodafon auf. Wie alle Alten habe er Vodafon gewählt, weil ihm 50 Frei-SMS lieber seien als gar keine Rente. Düstere Aussichten!

Kabarett-Theater Distel Friedrichstr. 101, Mitte, Tel. 204 47 04, Termine: 15.–19.10. & 21.–24.10., 20 Uhr, 19.10. auch 17 Uhr, Karten kosten 16–32 Euro