Berliner Perlen

Die richtige Masche

Mit dem Geschenk ihres Mannes fing alles an: Nach ersten Versuchen an der Strickmaschine fand Lilli Mendelssohn Käufer für ihre Entwürfe. Heute hat sie ein Geschäft in Charlottenburg

Ausgerechnet Jogginghosen. Kaum etwas käme einem weniger in den Sinn angesichts dieser fließenden, dezent figurbetonten Kleider und der klassischen, erst auf den zweiten Blick als raffiniert erkennbaren Strickjacken. Und doch hat Lilli Mendelssohn das ganz ernst gemeint: „Meine Sachen“, sagt sie, „sollen sich genauso gemütlich tragen wie Jogginghosen.“ Erst nach einer kleinen Pause schiebt sie hinterher: „Nur stilvoller natürlich.“

Kleidsam, dabei aber zeitlos ist die Mode in der Tat, die an der Pestalozzistraße 8 verkauft wird. Es sind Stücke, wie sie Lilli Mendelssohn auch selbst tragen würde. Mode mit Wiedererkennungswert: „Ich höre immer wieder von Kundinnen, dass sie auf der Straße sofort sehen, wenn ihnen jemand mit einer Strickjacke oder einem Pullunder von mir begegnet“, sagt die Geschäftsfrau. Wie man Garderobe fertigt, hatte die Tochter eines der Inhaber des ehemaligen Berliner Bankhauses Mendelssohn schon zu Hause gelernt. „Wir haben uns immer Kleidung selbst gemacht“, erinnert sich die 46-Jährige. Nach der Geburt ihres Sohnes schenkte ihr Mann ihr eine Strickmaschine. So ein Gerät war für Lilli Mendelssohn neu – und doch war eine Freundin so angetan von den ersten Stücken, dass sie diese in ihren Laden hängte.

Das ist kein Modegeschäft

Etwa ein Jahr lang strickte die Selfmade-Kleidermacherin für jenes Schöneberger Geschäft. Dann eröffnete sie ihren kleinen Laden am weniger bevölkerten Ende der Pestalozzistraße. Letztlich doch „zu eigenwillig“ sei sie für das klassische Handelskonzept, das eben genau darauf setzt: kaufen und verkaufen. Mit den Trends gehen, den großen Linien folgen. „Ich verstehe mich nicht als Modemacherin, das hier ist kein Modegeschäft“, sagt Lilli Mendelssohn. „Wer bei mir etwas kauft, muss das auch noch zu einem Stück tragen können, das er zwei Jahre zuvor gekauft hat.“ Am Herzen liegt der studierten Industriedesignerin, die früher für Opern und Theater arbeitete, auch daher die Manufaktur. Die Möglichkeit, sich auch abseits kommerzieller Strömungen zu bewegen.

Dass sie damit einen Nerv trifft, merkt sie an ihren Kunden: „Das sind Menschen, die sich nicht über auffällige Mode definieren, dafür aber sehr bewusst einkaufen.“ Darüber hinaus hatte Lilli Mendelssohn durch ihre neue Beschäftigung Neues auch über sich selbst gelernt: „Ich bin eine bessere Designerin als Handwerkerin“, sagt sie mit dem ihr eigenen freimütigen Lächeln. Eine professionelle Strickerin aus Kaulsdorf bedient seither vorrangig ihr Label.

Natürlich kostet dieses Konzept etwas. Schnäppchen zum Schleuderpreis sucht man vergeblich. Eine kurze Zeit lang hatte Lilli Mendelssohn in der Mongolei stricken lassen. Jedes Teil musste sie kontrollieren, die Qualität stimmte nie. „Damit habe ich sofort wieder aufgehört, obwohl es billig war.“

Vor allem für Strickjacken hat sie ein Faible. Alles wird aus reiner Wolle produziert, das Markante jedes Stücks liegt, neben unaufdringlichen Farbakzenten, in den Details. Die bunte Zierschlaufe am Schulterstück, der gefältelte Kragen, das doppelseitig zweifarbig gestrickte, darum beidseitig tragbare Modell. Und niemals fehlt Mendelssohns Erkennungsmerkmal, der farblich abgesetzte Rand am Bündchen.

„Kürzlich wollte ein Kunde eine graue Strickjacke, aber ohne das Rändchen“, erzählt Mitarbeiterin Julia Becker, die unter dem Label Julia Lehmann auch eigene Schneidermode fertigt und zunehmend bei Lilli Mendelssohn anbietet. „Es hat etwas gedauert, aber ich konnte ihn von einem dunkelblauen Rändchen überzeugen, weil es einfach besser aussieht.“ Und eine Amerikanerin in schwarzer Trauerkleidung hatte bei ihrem ersten Ladenbesuch so unschlüssig herumgeschaut und sich schließlich laut selbst gefragt, was sie hier mache, dass Mendelssohn sie ansprach. Vielleicht suche sie wieder Farbe, schlug sie ihr vor. Ja, vielleicht, antwortete die Kalifornierin. Seither kommt sie bei Berlin-Besuchen regelmäßig in den Laden an der Pestalozzistraße.

Schnörkellos und selbstbewusst

Die Dekoration des Verkaufsraumes reduziert sich auf ein Gemälde ihres Mannes an der Decke. Accessoires, die Mendelssohn anbietet, stammen von kleinen, oftmals Berliner Manufakturen. Die Ausnahme: Unterwäsche von Schiesser, die sich in Schachteln im 50er-Jahre Design im Regal stapelt. Blusen, Hemden oder Hosen passend zu ihre Strickmode entstehen in Mendelssohns Schneideratelier gegenüber.

Wer sich ein wenig mit Lilli Mendelssohn unterhält, und das ergibt sich schnell, der versteht, warum ihre Mode genau so sein muss: prononciert, selbstbewusst, ohne Effekthascherei. Weil hier alles ist wie sie. Das trifft auch auf den unpoetischen Namen des Ladens zu: „Ich hatte erst überlegt, ob ich einen anderen wähle“, sagt sie. „Aber dann fand ich es am besten so. Gerade und klar.“

Lilli Mendelssohn Pestalozzistraße 8, Charlottenburg, Tel. 30 83 11 93, geöffnet Dienstag bis Freitag 11 bis 19 Uhr, Sonnabend 11 bis 16 Uhr, www.lillimendelssohn.com