Horrmanns Gourmetspitzen

Gut gegrillt ist noch nicht gewonnen

Heinz Horrmann besucht das Restaurant Midtown Grill im Hotel Marriott am Potsdamer Platz

Viele Gäste sprechen für ein Restaurant. Weil ich von der hohen Belegung im Midtown Grill im Hotel Marriott am Potsdamer Platz erfahren hatte, wollte ich noch einmal probieren, ob sich auch die Qualität im Laufe der Jahre verbessert hat. Bei einem früheren Test hatte ich ein beispielloses Service-Chaos erlebt. Hier stand der Gast nicht im Mittelpunkt sondern im Weg. Der Weinkorken wurde zerbröselt, das letzte Stück Kork mit dem Finger in die Flasche gedrückt, dann eingeschenkt. Die Teller landeten olympisch auf dem Tisch, einfach wie ein Diskus hingeschleudert.

In der Tat ist das heute alles anders. Der Service wirkte geschult, aufmerksam, flink, und die Gerichte entsprachen zumeist meinen Erwartungen. Die Soft-shell-Crabs im Tempura-Teig waren innen zart und außen kross, erstklassig gewürzt, mit Avocados, Melone und herzhafter Tatar-Sauce mit Name „Old Bay“ kombiniert. Jetzt zur Austern-Zeit werden die Fines de Claire natur oder nach Rockefeller Art gratiniert. Auch hier war die Qualität frisch und gut. Das gilt ebenfalls für die anderen Vorspeisen wie Entenleber mit Cassis-Feige und schwarzer Walnuss oder das Rindertatar mit den klassischen Zutaten.

So war der erste Eindruck von dem, was auf den Tisch kommt, sehr ordentlich. Leider war die Atmosphäre jedoch wie im Wilden Westen: laut, ungemütlich und ohne Wohlfühl-Aroma. An zwei gegenüber liegenden Tischen bewarfen sich Amerikaner mit Brotkügelchen. Nichts im Restaurant war mit Tischwäsche oder Dekoration ein wenig schick gemacht. Dagegen ist die Werkskantine von Bayer Leverkusen ein Gourmet-Tempel.

Perfekt gebraten, innen noch roh

Zu den positiven Elementen: Sowohl das Thunfischsteak war perfekt gebraten, innen noch roh mit mittelscharfer asiatischer Würze, als auch das Parmesan-Risotto handwerklich absolut okay und die Rotweinjus durch starkes Reduzieren besonders geschmacksintensiv war. Vorzüglich war der Atlantikhummer (ein Pfund schwer), der auch mit einem Steak als amerikanisches „Surf & Turf“ bestellt werden kann.

Zu kritisieren ist ausgerechnet, was in der Werbung plakativ ins Schaufenster gehängt wird: die Steaks. Es wird zwar amerikanisches Prime Beef angeboten, fein marmoriertes Fleisch, von dem gerade mal 1,5 Prozent der amerikanischen Gesamtproduktion in den Handel kommt. Doch mein Rib-Eye-Steak, dass ich medium rare bestellt hatte, war komplett durchgebraten. Zwei Tische weiter fluchte ein Hotelgast darüber, dass aus seiner Bestellung „ein mausetotes Stück Fleisch, grau wie Brot“ geworden sei. Wenn ich 45 Euro für ein Steak verlange, muss es schon perfekt sein. Der kleine Salat dazu wurde mit zehn Euro extra berechnet. Das Angebot in Sachen Steak ist jedoch außergewöhnlich vielfältig. Aus der Show-Vitrine kommt das amerikanische Black Angus Steak, stark in der Marmorierung ist das südamerikanische Rind und der Höhepunkt, fast schon Genuss-Luxus, das australische Wagyu Beef. Da kostet die 300 Gramm-Portion auch mal eben 120 Euro. Aber das weiß man ja.

Ein bisschen Berliner Art wird auch gepflegt, die sautierte Kalbsleber mit Apfel-Kartoffel-Püree, Rotweinjus und kross ausgebackenen Zwiebelringen ist ein Paradegericht der Hauptstadt und kommt im Midtown Grill gut gemacht auf den Teller. Empfehlenswert ist auch die Abteilung Chops. Dahinter steht das Ibérico-Schweinekarree, das Kalbskotelett und das aufgeschnittene Stubenküken von immerhin 300 Gramm. Was ich immer wieder kritisiere, ist die Aufpreis-Politik mit Einzelelementen, die zum Gericht gehören. So werden alle Saucen von Hollandaise bis Soja und Wasabi mit zwei Euro pro Portion auf die Rechnung gesetzt. Das ist nicht viel, doch weil Saucen dazu gehören, einfach überflüssig. Wer kritisiert, darf auch loben. Das gilt hier für das Business Lunch. Da gibt es zwei ordentliche Gänge; einen großen, knackigen Salat oder eine Suppe, gefolgt von einem Hauptgang für 16,50 Euro.

Warmes Brot und feine Aufstriche

Was ich ebenfalls mustergültig fand, ist die Salzkarte, aus der der Gast wählen darf. Ob nun Meersalz mit Rosenblüten, Ingwer, Lavendel oder Sternanis – er bekommt aus etlichen Aroma-Angeboten ein Schälchen seiner Wahl zum Würzen. Positiv vermerkt werden darf, was zur Begrüßung und zum Abschluss zelebriert wird. Als Einstieg gibt es drei gut gemachte Brotaufstriche, Olivenpastete bis Pesto-Creme. Das Brot dazu ist warm. Zum Abschluss wird es richtig amerikanisch, nach Vorspeisen und Steaks werden (kostenlos) Marshmallows auf Holzspießchen angeboten, die gegrillt und in einer Schale mit Schokoraspeln gewälzt werden. Wem das nicht zu süß ist, findet so noch einen glücklichen Abschluss.

Bei der Weinkarte hatte ich mir eine erkennbare Entwicklung gewünscht. Doch die gibt es nicht. Hervorzuheben ist, dass die Weine kundenfreundlich kalkuliert sind, und in der Auswahl gehen scheinbar unbedeutende Lagen besser. Um mich herum wurde sowieso nur Bier getrunken, vielleicht ist die Weinpflege daher ein Stiefkind. Insgesamt bedeutete der aktuelle Besuch eine erkennbare Verbesserung des Gesamtproduktes, eine glänzende Empfehlung kann es leider immer noch nicht sein.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonntag für die Berliner Morgenpost