Kulturmacher

Der Mann hinter dem roten Rahmen

Thomas Oberender will als Intendant der Berliner Festspiele die Organisation unter einer gemeinsamen Marke zusammenfassen. Keine leichte Aufgabe für den Berlin-Heimkehrer

Thomas Oberender sagt es mehrfach, und es ist eigentlich immer die Einleitung zu den wirklich interessanten Dingen: „Na, ich will ja nicht gleich das Thema einer Sonderbeilage sein.“ Nachdem er das gesagt hat, kommt zum Beispiel die Geschichte, wie er Peter Handke kennen gelernt hat: „Ich war 1993 bei seiner Lesungen in Leipzig, im Alten Rathaus. Man hörte dröhnend das Fallen einer Stecknadel.“ Danach signierte Handke und sein Tisch war dicht umlagert. „Nach 20 Minuten stand ich irgendwo in Sichtweite, und gefühlt weitere 20 Minuten später schob ich, vielleicht etwas wirsch, ihm mein Buch zum Signieren entgegen.“ Peter Handke schaute auf. „Dieser Blick, ich dachte, er ist nicht nur ein Sensibilist, er ist auch ein strenger Herrgott.“

Inzwischen hat Thomas Oberender den Autor Handke noch viele Male getroffen und sogar Interviews mit ihm in Büchern veröffentlicht. Zwischen 1993 und heute war Oberender Autor für Zeitungen, Dozent an der Universität der Künste, Dramaturg in Bochum, Co-Direktor in Zürich und Leiter des Schauspielprogramms der Salzburger Festspiele. Vor einem Jahr ist er Intendant der Berliner Festspiele geworden – jenem komplizierten organisatorischen Dach, unter dem einerseits bekannte Festivals wie das Theatertreffen, Maerzmusik und das Jazzfest stattfinden, aber das auch den Gropiusbau regelmäßig mit interessanten Ausstellungen füllt.

Kaum einer aber weiß genau, was die Berliner Festspiele sind. „Ist das so?“, fragt er und erklärt noch einmal, dass es zwei Häuser seien: ein Ausstellungshaus und ein Festspielhaus. „Wir sind mehr als die Summe unserer Festivals und Ausstellungen.“ Um das zu vermitteln, hat er statt weiter mit fünf Werbeagenturen zu arbeiten, mit einer Schweizer Agentur den Roten Rahmen entwickelt – das neue Logo der Berliner Festspiele. „Dieser Rote Rahmen lässt sich auf die unterschiedlichsten Dinge legen, wie ein Fokus im Kamerasucher“, sagt er, „und der Rahmen hält sie auch zusammen.“ Der Vorteil dieser Konstruktion sei, dass sich die Festspiele durch Formate und Formen immer neu erfinden könnten. „Es gibt keinen Museumsbestand, den wir verwalten müssen“, sagt er, „keinen Statusdünkel, Blabla.“

Den Zugang zur Kunst öffnen

Vielleicht ist das schon die wichtigste Veränderung, die das Haus in den nächsten Jahren durchmachen wird, dieses „Statusdünkel, blabla“, das bei ihm authentisch klingt. Oberender, das macht er immer wieder klar, kann mit einem auf kennerschaftliche Eliten abgestimmten Kulturbetrieb nichts anfangen. Dünkel, das haben doch nur kleine Leute, sagt er dann. Genau deshalb wird es wohl noch einige Veränderungen am Haus geben. Am kommenden Wochenende lässt sich in einer neuen Reihe ganz praktisch sehen, was er meint mit neuen Konzepten: Am 13. Oktober wird die Autorin Sibylle Berg ihren „Kosmos“ vorstellen. Einen gesamten Tag lang wird sie mit Weggefährten und Freunden gestalten, darunter die Autorin Helene Hegemann, die Journalistin Carolin Emcke, die Schauspielerin Katja Riemann und der Komiker Olli Schulz.

„Ich will generell weg von der Kultur der Feierlichkeit“, sagt Oberender, „hin zur Veranstaltung von Festen“. Kunst sei etwas, das zwar durchaus nur selten entsteht, aber wenn, dann über alle Schranken hinweg verstanden werden kann. Er könnte Stunden darüber sprechen, wenn er eine Sonderbeilage dafür bekäme. Er kann dann auch lange Sätze sagen, ohne einmal Luft zu holen: „Wir müssen die Borniertheit, die Getragenheit und das Besserwissen hinter uns lassen und sagen, dass Kunst für uns vor allem ein Anlass ist, dass sich eine Gruppe von Menschen selbst erfährt, und damit ihre Zeit und Gesellschaft.“ Die Begegnung zwischen Publikum und Künstlern finde auf Augenhöhe statt – „nicht auf Knien!“

Weniger Ruhe, weniger Komfort

Er selbst schaue sich in Berlin an fast jedem Abend noch eine Veranstaltung an, kennt die Theater der Stadt gut, mag vor allem die Volksbühne und deren Inszenierungen. Für Martin Wuttke und Birgit Minichmair würde er nach Wien ziehen, sagt er, wenn sie da wohnen würden. Er hört sich Konzerte im Berghain an, lässt sich davon inspirieren, auch mehr zeitgenössische, elektronische Musik in die Festspiele zu holen. Vor zehn Uhr abends, sagt er, komme er selten nach Hause, liest dann häufig noch etwas, derzeit das neue Buch von Sibylle Berg, „Vielen Dank für das Leben“, ein Buch, das im Osten Deutschlands beginnt und bis in die ferne Zukunft reicht.

Thomas Oberender ist auch jemand, den der Mauerfall geprägt hat. „Ich nehme das als einen Reichtum an eigener Geschichte war“, sagt er. Das habe nichts mit Beschönigung zu tun. „Für mich wird immer wichtiger diese historische Erfahrung von Differenz.“ Er sei in einer Welt groß geworden, die tatsächlich anders organisiert war. Er halte diese Erfahrung für einen „großen Schatz an abweichenden Eindrücken und Reflexionen“, den freie Menschen immer für sich zu nutzen wissen, wieder so ein Sonderbeilagen-Thema.

Für ihn sei das zu Beginn seiner Karriere manchmal noch ein Hindernis gewesen. Einmal sagte sein früherer Intendant: „Oh, das das Stück ist auf Englisch, das kannst du nicht lesen.“ Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits promoviert, an der Humboldt-Universität, über Botho Strauß. Insofern ist Thomas Oberender auch ein Heimkehrer, der nach 13 Jahren zurückgekommen ist. „Ich wäre gern für ein Weilchen nach L.A. gegangen oder nach Brüssel“, sagt er, „aber diese Aufgabe hat mich doch sehr gereizt.“ Berlin habe sich sehr verändert, sagt er. Es sei eine Stadt der Piloterfahrungen – neue soziale Trends, andere Arten, Kunst zu produzieren, all das passiere noch in den alten Häusern. „Berlin ist einfach Umwälzung, weniger Komfort, dafür mehr Input, den man ja auch selber geben muss.“ Deshalb ist er hier, um mittendrin anspruchsvolle Feste zu feiern, mit rotem Rahmen.