Liebesfilm

Schuhe laufen auch ohne Füße

Die Fantasie kennt keine Grenzen in Michel Gondrys Boris-Vian-Verfilmung: „Der Schaum der Tage“

Auf den ersten Blick könnte man „Der Schaum der Tage“ für eine typische Bestsellerverfilmung halten. Ein bekannter Regisseur setzt populäre Stars in schöne Bilder; am Ende kaufen zwar alle Leser ein Ticket, aber nur, um beim Verlassen des Kinos einmütig zu grummeln: „Das Buch war viel besser.“ „Der Schaum der Tage“ ist allerdings kein typischer Bestseller, schon gar kein internationaler. In dieser 1946 erstmals erschienenen Liebesgeschichte kultivierte der universal begabte Autor, Musiker und Abteilungsleiter Boris Vian seinen poetischen, oft auch brutalen, surrealistischen und nur unzureichend in andere Sprachen übersetzbaren Stil. Selbst in Frankreich, wo Vian schon zu Lebzeiten eine Legende war, wurde „Der Schaum der Tage“ erst in den wilden 70ern richtig populär. Seitdem las ihn dort aber so ziemlich jeder, der in den Wirren seiner Pubertät von einer adäquaten Literatur an die Hand genommen werden wollte.

Für viele Franzosen ist dieser Roman daher ein persönlicher Schatz, seine Verfilmung ein Sakrileg. Tatsächlich spielte „Der Schaum der Tage“ an den heimischen Kinokassen nicht einmal ein Drittel seiner immensen Produktionskosten von 19 Millionen Euro wieder ein, obwohl selbst eine Nebenrolle mit Omar Sy („Ziemlich beste Freunde“) sehr populär besetzt wurde und der Regisseur Michel Gondry heißt. Der Musikvideo-Zauberer und verspielte Kinobastler („Science of Sleep“) läuft hier einmal mehr zu großer Form auf, versammelt visuelle Effekte aus allen Epochen der Kinogeschichte, damit Schuhe auch ohne Füße die Treppe runterlaufen, Festmahlzeiten sich von selbst auf Tellern anrichten und Tanzbeine so schwingen, als wären sie aus Gummi. Schuhe, Teller und die Duke-Ellington-Platte, nach der hier stets getanzt wird, gehören Colin (Romain Duris), einem jungen Bonvivant. Eines Nachmittags beschließt er, sich endlich zu verlieben und wird prompt der reizenden Chloé (Audrey Tautou) vorgestellt. Ihre Liebe ist ein Rausch, bis zur Hochzeit, danach geht es steil bergab – so steil, dass es dem Film die Farbe verschlägt: Er wird schwarzweiß. Man kann das als Kommentar zum bürgerlichen Modell der Ehe lesen, auch als autobiografische Vision eines Mannes, der wusste, dass er nicht viel Zeit hat – Vian starb mit 39 an einem Herzschaden. Vor allem aber ist „Schaum der Tage“ ein auf wunderbarerweise sentimentaler Film, der der Jugend als Lebenshaltung eine Party ausrichtet.

Um das internationale Publikum mit Gondrys Einführung in Boris Vians Welt nicht zu überfordern, wurde der Film nun um eine halbe Stunde gekürzt. Das mag man bedauern, es spart allerdings den Überlängenzuschlag an der Kasse und erhöht auch die Wucht seiner dramatischen Wirkung. Es sollte nicht verwundern, wenn Zuschauer nach dem Film nun aus dem Kino schwanken und benommen vor sich hin murmeln: „Was war denn das? Ich muss den Film nochmal sehen. Und unbedingt den Roman lesen...“

Liebesfilm: F 2013, 94 min, von Michel Gondry, mit Audrey Tautou, Romain Duris, Omar Sy

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