Kulturmacher

Die Dame der Dinge

Renate Flagmeier ist leitende Kuratorin des Museums der Dinge. Dort erfahren die Besucher viel über Alltagskultur – und können sich über guten und schlechten Geschmack austauschen

Allein im Museum. Nicht nachts, aber dennoch allein. Denn eigentlich hat das Museum der Dinge donnerstags immer geschlossen. Nun aber stehen sie da, all diese Dinge hinter Glas. In den Vitrinen und auch davor. Gleich der erste Blick in einen Schaukasten sorgt für ein Lächeln. Da stehen Lurchi, die Mainzelmännchen und Mecki, vertraut aus Kindertagen und ziemlich lang nicht mehr gesehen. Das weckt Erinnerungen, setzt Assoziationen frei und genau das ist eines der Ziele des Museums: ein Ort der Verhandlung sein, des Austauschs und der Sensibilisierung für den Alltag.

Denn was im Museum der Dinge mit den Dingen passiert ist spannend: „Sie werden aus ihrem Nutzungskontext herausgehoben und in ein Anschauungsobjekt umgewandelt“, sagt Renate Flagmeier, die Leitende Kuratorin. „Wir sind nicht so sehr ein Designmuseum, sondern viel mehr ein Museum der alltäglichen Produkte und Warenkultur.“

Zu sehen sind ungefähr 10.000 „Dinge“ in dem als offenes Depot gestalteten „Museumsbereich“, der Schausammlung. Zusammen mit den drei Außendepots kommt das Museum auf insgesamt rund 35.000 Dokumente und 30.000 Objekte. Das ist das Ergebnis der langjährigen öffentlich finanzierten Sammlungstätigkeit des Museums: Seit den 70er-Jahren wird quasi der Alltag verwahrt. Dinge, die uns täglich begleiten. Alles aus dem frühen 20. Jahrhundert bis heute, von schön bis kitschig.

Eine Art Geschmackserziehung

Wobei man schon wieder bei einem Thema ist: Was ist schön? Und was ist Kitsch? Der historische Kern der Sammlung ist das Archiv des Deutschen Werkbundes, „eine 1907 in München gegründete Vereinigung von Künstlern, Industriellen und Kulturpolitikern, die eine der Zeit angemessene Formensprache zu entwickeln und zu fördern suchte“, sagt Renate Flagmeier. Das heißt: Der Werkbund wollte ethisch fundierte Werte etablieren. Für Qualität, Materialgerechtigkeit, Funktionalität und Nachhaltigkeit wurden Maßstäbe entwickelt und durchgesetzt – oder sollten es zumindest werden. Doch wie heißt es gleich: Über Geschmack lässt sich nicht streiten.

„Der Werkbund hat dennoch versucht, die sogenannte gute Form durchzusetzen“, sagt Renate Flagmeier. „Dabei gab es eine klare Einteilung in „gut und schlecht“, wobei alles Puristische gut, und alles, was eher unter Kitsch fiel, eben schlecht war. Man kann das auch als eine Art Geschmackserziehung in Deutschland bezeichnen. Die Kuratorin betont aber: „Wir sind unabhängig vom Werkbund. Der Werkbund ist unser Thema, aber institutionell sind wir völlig frei davon. Unser Trägerverein heißt Werkbundarchiv e.V. und wir werden vom Land Berlin institutionell gefördert.“ Es geht nicht darum, zu werten, was falsch und richtig ist oder eben schön oder nicht, sondern zu analysieren und zu dokumentieren. „Wir verstehen uns als museale Versuchsanstalt. Wir spiegeln ein kulturgeschichtlich wichtiges Thema wider, nämlich die Entwicklung der Produktions- und Alltagskultur im 20. Jahrhundert“, sagt Renate Flagmeier.

Dass das ein Thema ist, das Renate Flagmeier fasziniert, war ihr früh klar. In Frankreich geboren, in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, kam sie 1977 nach Berlin und studierte Kunstgeschichte und Romanische Literaturwissenschaften an der Technischen Universität. „Ich war von Anfang an sehr geprägt durch die Stadt“, sagt die heutige Kuratorin. „Ich habe dann relativ schnell in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst an Ausstellungsprojekten mitgearbeitet und dadurch auch verstanden, dass das meine Zukunft ist. Bis heute hat sich daran nichts geändert: Ausstellungen und Museen, das ist einfach meins, ebenso das Vermitteln kultureller Erkenntnisse.“

Hertha-Maskottchen adoptieren

Seit Anfang der 90er-Jahre ist Renate Flagmeier nun auch schon Teil des Museums. „Ich habe anfangs als freie Mitarbeiterin hier gearbeitet, immer für befristete Projekte. Nebenbei bin ich auch immer in der Bildungsarbeit tätig gewesen“, sagt die Kuratorin. Auch dieser Aspekt ist ihr bei ihrer Arbeit weiterhin wichtig: Das Museum als Lern- und Arbeitsplattform, das auch oder gerade junge Menschen für den Alltag sensibilisiert und verständlich macht, dass „man sich mit Design immer auch positioniert“. Auch in Geschmacksfragen. „Das Museum hat die Aufgabe, die Selbstbestimmung zu befördern. Im besten Fall ist es ein Ort der Verhandlung und des Dialogs.“

Das Museum der Dinge ist quasi ein „open end“-Museum. Auch das 21. Jahrhundert ist Teil der Sammlung, täglich kommt Alltägliches neu auf den Markt. Und ist damit potenzielles Ausstellungsstück. Sehr erfolgreich arbeitet das Museum schon länger mit einer berufsbildenden Schule zusammen, bietet zudem eine Reihe von Workshops und Führungen an. Durch verschiedene Ausstellungsreihen kann sich die „ständige Sammlung“ immer wieder in einem neuen Licht präsentieren.

Und einen kleinen Teil kann man sogar selbst beitragen: Es gibt nämlich die schöne Möglichkeit, Dingpfleger zu werden. Eines der Dinge, die das Museum auf der 550 Quadratmeter großen Schaufläche zeigt, kann man quasi für ein Jahr „adoptieren“. Für beispielsweise 30 Euro im Jahr kann man die Pflegschaft für ein Hertha-Maskottchen übernehmen oder für 120 Euro die Pflegschaft einer Wachsbüste aus den 20er-Jahren, die das Cover des Albums „Lulu“ ziert, eine Gemeinschaftsarbeit von Lou Reed und Metallica aus dem Jahr 2011.

Wie die alte, aber zeitlos schöne Wachsfigur zum Covergirl wurde, kann man im Museum erfahren. Ebenso viele andere kleine Ding-Geschichten, bei denen sich das Hinhören lohnt. Für ein „Lieblings-Ding“ entscheiden kann sich Renate Flagmeier nicht. Wie auch, bei der Fülle? Ihrer Tochter hat sie mal eine Pflegschaft für ein Kuscheltier geschenkt. Eine schöne Erinnerung muss das sein, ihrem Lächeln nach zu urteilen.