Thriller

Familie im Ausnahmezustand

Wo die Gefühle kaputt sind, kann man schwerlich Brücken bauen: Das IRA-Drama „Shadow Dancer“

London 1993. Die junge IRA-Kämpferin Colette (Andrea Riseborough) wird nach einem Attentatsversuch vom britischen Geheimdienst als Informantin verpflichtet. Der MI5-Mann Mac (Clive Owen) lässt ihr keine Wahl: entweder bespitzelt Colette ihre eigenen Leute zu Hause in Belfast oder sie sieht ihren kleinen Sohn nie wieder.

„Shadow Dancer“ ist ein Familiendrama vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts. Weder politische Ideale noch unüberwindbarer Hass sind die primären Triebfedern der Hauptfigur. James Marsh – der bisher vor allem als Dokumentarfilmregisseur erfolgreich war („Man on Wire“) – zeigt, wie vor allem der familiäre Druck seine Heldin zum Mitmachen zwingt.

Der eindringliche Prolog zeigt Colette als Mädchen, das ihren kleinen Bruder zum Zigarettenholen schickt – und selbst lieber am Wohnzimmertisch sitzen bleibt. Selbstvergessen fährt Colette fort, Glasperlen zur bunten Kette aufzuziehen. Währenddessen dreht sich die Gewaltspirale weiter: Colettes Bruder kommt im Kreuzfeuer auf der Straße ums Leben. Das verblutende Kind wird auf den Tisch gehoben, die Perlen springen durch die Gegend. Der vielsagende Blick des schockierten Vaters prägt Colette fürs Leben.

20 Jahre später ist Colette selbst zum Rädchen im Apparat der paramilitärischen Organisation geworden. Auch ihre älteren Brüder sind tief in die Machenschaften der IRA verstrickt. Gekonnt zieht Marsh die Erzählschlinge um seine Protagonistin zu. Denn ihr Doppelspiel weckt den Argwohn des brutalen Anarchistenführers Kevin (David Wilmot). Doch selbst auf ihren eigenen Bruder Connor, der in der IRA-Hierarchie weit oben steht, kann Colette nicht zählen.

„Shadow Dancer“ zeichnet ein Bild der Familie im Ausnahmezustand. Szenen der Konspiration, des Verrats, der Folter und der Flucht siedelt Marsh fast ausnahmslos in Privatwohnungen oder Einfamilienhäusern an. Der Kreis der Lieben, sonst Schutzzone, wird in diesem Film zur Falle. Tom Bradby hat seinen in Deutschland inzwischen vergriffenen Roman „Schattentänzer“ zum Drehbuch umgearbeitet. Am Schluss wird klar, dass sich hinter dem Decknamen „Shadow Dancer“ nicht Colette, sondern eine andere Person aus ihrer Familie verbirgt. In solchen Momenten wirkt das Script etwas überkonstruiert. Kein Manko ist allerdings, dass die obligatorische Liebesgeschichte ausbleibt. Wo die Gefühle kaputt sind, kann man schwerlich Brücken bauen. Trotzdem mausert sich Mac, der MI5-Agent ohne Familie, vom Auftraggeber zum Beschützer Colettes. Gegen den Willen seiner Vorgesetzten, die es an Rücksichtslosigkeit mit der Gegenseite aufnehmen können. Dank Clive Owen wird aus der chiffrenhaften Figur des Kontaktmanns ein echter Charakter. Doch „Shadow Dancer“ ist vor allem Andrea Riseboroughs Film. Die Schauspielerin gibt eine Ahnung von der glühenden Verzweiflung, die unter dem Kältepanzer dieser Frau steckt.

Thriller: GB/Irland 2012, 100 min., von James Marsh, mit Clive Owen, Andrea Riseborough

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