Fantasy

Ich liebe einen Halbengel

Der neue Fantasy-Hype nach Harry Potter und Twilight: „Die Chroniken der Unterwelt: City of Bones“

Die Partynacht beginnt wie so viele zuvor. Die junge New Yorkerin Clary Fray (Lily Collins) geht feiern, auf eine angesagte Gothic-Party in einen Nachtclub von Brooklyn. Wie immer an ihrer Seite: ihr bester Freund, der gutherzige Nerd Simon (Robert Sheehan), der Clary – wie immer – nicht eingestehen mag, dass sie für ihn längst mehr als eine beste Freundin ist. Heimlich verliebt wird er weiter hoffen, dass Clary sich irgendwann selbst in ihn verliebt – und es ihm dann auch als erste sagt. Doch statt eine solchen Wunders geschieht an diesem Abend erst mal Schreckliches.

Clary bekommt zufällig mit, wie ein Clubbesucher offenbar umgebracht wird. Das überrascht die vermeintlichen Mörder nicht weniger als Clary, denn normalerweise sind sie unsichtbar – für Menschen. So erfährt die bisher unbedarfte Jugendliche, dass sie nicht nur die Tochter einer alleinerziehenden Künstlerin ist, sondern in eine lange Tradition von Schattenjägern hineingeboren wurde, eine Art verdeckter Sicherheitsdienst aus Halbengeln, deren Job darin besteht, ebenfalls verdeckt auf Erden lebende Dämonen unschädlich zu machen. Als würde diese Erkenntnis nicht reichen, wird auch noch Clarys Mutter Joycelyn (Lena Headey) von dem abtrünnigen Schattenjäger Valentine Morgenstern (Jonathan Rhys Meyers) entführt. Er will eine Information erpressen, von der Clary gar nicht wusste, dass sie sie besitzt: das Versteck des sagenumwobenen Kelches der Engel. Mit dessen Magie möchte Valentine böse Mächte beschwören und es stellt sich heraus, dass Clary auserwählt ist, eben dieses zu verhindern.

„Chroniken der Unterwelt – City of Bones" bedient offensichtlich den seit Harry Potter konstant nach Fantasy-, Vampir- und Hexengeschichten gierenden Massengeschmack. Wer dies tut, gerät leicht in den Verdacht, ein gleichsam profitgieriger wie ideenarmer Trittbrettfahrer zu sein. Allerdings verkennt man in der mitunter ebenfalls oberflächlichen Forderung nach neuen, unbedingt originellen Geschichten, dass die Filmindustrie schon immer Abklatsche erfolgreicher Massenprodukte hergestellt hat und ihr dabei immer wieder auch Kunstwerke passieren, Filme, die über ihr wirtschaftliches Potenzial hinaus von Interesse waren. Man denke etwa an die „Batman“-Wiederbelebung von Christopher Nolan. „Chroniken der Unterwelt" ist jedoch weder Genre-Spielerei eines Regie-Genies noch ein seelenloses Kommerz-Produkt, sondern eher so etwas wie die Hochglanz-Version eines Fan-Films.

Das Internet wimmelt bekanntlich von Amateurfilmen, mit denen Fans ihren Lieblingsfilmen Tribut zollen, sei es als trashiges Remake, Spin-Off oder Fortsetzung. Im Internet fand auch die 1973 geborene Cassandra Clare zunächst ihr Publikum – mit selbstgeschriebenen Romanen, die freilich ohne Lizenz, die Welten ihrer Lieblingsbücher fortspann, unter anderem in einer eigenen Harry-Potter-Trilogie. Mit „City of Bones“, ihrem ersten eigenständigen Roman und dem ersten Teil einer mehrbändigen „Chronik der Unterwelt“ konnte Clare 2007 dann auch bei einem „richtigen“ Verlag landen, der aus ihr eine weltweit erfolgreiche Jugendbuchautorin machte.

Ihren Wurzeln treu bleibend, betonen nun auch die Macher der „City of Bones“-Verfilmung, wie wichtig die in zahllosen Internetforen gesammelten Reaktionen und Vorlieben der Cassandra-Clare-Fans für die Entwicklung des Drehbuches bis hin zur Besetzung der Rollen gewesen sei. Man kann darin den Versuch einer quasi demokratischen Filmproduktion sehen oder auch eine kühl kalkulierende Risikominimierung. Fürs erste bleibt festzustellen: Die schon im Roman angelegte Mixtur aus Fantasy-Welt und modernem urbanem Teenager-Alltag kann weder begeistern, noch ist sie eine Enttäuschung. Der Film funktioniert. Seine analogen Effekte sind fantasievoll inszeniert, die digitalen Effekte schwächeln ein wenig.

Und Lily Collins hat das Talent, aus ihrer Clary das zu machen, was Harry Potters Hermine nie gestattet war – eine vielschichtige Heldin mit Führungsanspruch. Ob sie ihr Potenzial wird ausschöpfen können – und ob die Reaktionen ihrer Fans das überhaupt zulassen – dürfte sich jedoch erst in den nächsten „Chroniken der Unterwelt" zeigen.

Fantasy USA 2013,130 min., von Harald Zwart, mit Lily Collins, Jamie Campbell Bower, Jonathan Rhys Meyers, Lena Headey

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