Komödie

Du kannst noch einmal 16 sein

Eine Vierzigjährige wacht eines Morgens auf und ist plötzlich wieder ein Teenager: „Camille verliebt noch mal“

Die Reue ist nicht einfach in einem Land wie Frankreich, dessen größte Chanteuse Edith Piaf mit „Non, je ne regrette rien“ nichts zu bereuen als höchste Form der Freiheit feierte. Camille tut es trotzdem und mit voller Wucht. Es läuft aber auch so ziemlich alles schief im Leben der Vierzigjährigen. Ihren Traum von der Schauspielkarriere hält sie mit kleinen Auftritten als Mordopfer künstlich am Leben, privat steht sie eh vor einem Scherbenhaufen. Die große Liebe ihres Lebens, Eric, lässt sie nach 25 gemeinsamen Jahren für eine Jüngere sitzen. Und sie soll aus der gemeinsamen Wohnung raus, damit sie verkauft werden kann.

Das alltägliche Elend ist nur mit kräftigen Schlucken aus Wein- und Whiskeyglas erträglich, so handhabt sie das seit dem Ableben ihrer Eltern. Was läge an einem Silvesterabend also näher, als den Frust bei einer Party mit den alten Schulfreundinnen runterzuspülen? Camilles 23-jährige Tochter, bei weitem erwachsener als deren Mutter, will sich das lieber nicht ansehen. Also zieht Camille allein los, feiert und tanzt mit ihren Mädels und trinkt vor allem, als gäb’s kein Morgen.

Punkt Mitternacht bricht sie ohnmächtig zusammen und wacht erst am nächsten Morgen im Krankenhaus wieder auf. Abgeholt wird sie von ihren Eltern, die enttäuscht das Verhalten der Tochter schelten. Moment mal, Mama und Papa waren doch tot! Langsam dämmert es Camille, dass sie im Jahr 1985 aufgewacht und wieder ein 16-jähriger Teenager ist. Und plötzlich durchlebt sie ihr Leben noch mal neu, die erste Liebe mit Eric, die drohende Infarkt der Mutter – alles mit dem Wissen, was passieren wird. Einmal fragt sie ihre Freundin, was sie tun würde, wüsste sie, wie ihr Leben verläuft und diese antwortet: „Ich würde mich umbringen.“ Camille freilich tut das nicht, sie versucht, das Schicksal zu ändern. Und erkennt, dass vor allem sie es ist, die sich ändern muss.

Die Komödie der französischen Schauspielerin und Regisseurin Noémie Lvovsky lehnt sich deutlich an Francis Ford Coppolas „Peggy Sue hat geheiratet“ an, in dem Kathleen Turner bei einem Klassentreffen ohnmächtig wird und in den sechziger Jahren als junges Mädchen wieder aufwacht. Lvovsky verlegt die Zeitreise in die 1980er und schert sich erst gar nicht weiter darum, dass Camille immer noch aussieht wie eine Vierzigjährige, nur in Teenieklamotten. Es fällt ja auch sonst niemandem auf, weder im Klassenzimmer noch im Elternhaus.

Lvovskys Porträt entwickelt dabei seinen ganz eigenen skurrilen Charme und eine emotionale Tiefe, die sich in kleinen Gesten manifestiert. Wie da von der Liebe und vermissten Chancen erzählt wird, so romantisch und dabei gänzlich unpeinlich, das ist das wahre Wunder dieser wunderbar bittersüßen Komödie. Am Ende ist womöglich die Vergangenheit nur ein Traum. Die Gegenwart ist unverändert, aber Camille ist eine andere. Die Zukunft liegt offen vor ihr. Es liegt an Camille, was daraus zu machen.

Komödie: F 2012, 115 min., von Noémie Lvovsky, mit Noémie Lvovsky, Samir Guesmi, Judith Chemla

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