Berliner Perlen

Jeder Teller ist ein Unikat

Stefanie Herings Porzellanmanufaktur hat Bewegung in die Branche gebracht. Ihr Geschirr schmückt die Tische großer Restaurants und wird jetzt auch im Flagshipstore verkauft

Es gibt viele Arten zu essen. Man kann ein Fertiggericht direkt aus der Plastikschale essen. Man kann sich dafür auch einen Teller vom 36-teiligen Service aus dem Schrank nehmen. Oder man richtet seine Mahlzeit auf einem Hering an. Seit 21 Jahren gibt es die Manufaktur Hering Berlin, und sie ist doch immer noch ein Geheim-Tipp. Das liegt natürlich am Preis. Ein kleiner Becher kostet 23 Euro, ein großer Teller um die 100 Euro. Aber es liegt auch daran, dass es Hering Porzellan bis vor einigen Wochen berlinweit nur im KaDeWe zu kaufen gab. Seit Mai hat die Berliner Porzellanmanufaktur nun einen eigenen Flagshipstore: in den Arkaden des Waldorf Astoria, wo auch Sternekoch Pierre Gagnaire seine Speisen auf Hering-Porzellan anrichten lässt.

Was an dem Laden besticht, sind nicht allein die ausgestellten Porzellanstücke und Gläser, es ist auch die Präsentation. Eigens für den Flagshipstore hat Stefanie Herings Ehemann, Architekt und Mitgeschäftsführer Götz Esslinger, die Konstruktionen aus purem Stahl entworfen, in denen das überwiegend weiße Geschirr besonders zur Geltung kommt.

Pur ist auch das Attribut, das das Porzellan ausmacht. „Form und Material stehen im Vordergrund, nicht die Dekore“, betont Stefanie Hering, Keramikerin, Designerin und Gründerin des Unternehmens. Ihr Geschirr ist aus Biskuit-Porzellan, das besonders hart ist. „Die nächste Härte ist dann Diamant“, erklärt die 46-Jährige. Funktionalität steht im Vordergrund, daher ist das Geschirr spülmaschinenfest und die Teile der einzelnen Kollektionen flexibel miteinander kombinierbar. „Wir machen nichts für die Vitrine, sondern für den täglichen Gebrauch“. Sie seien schließlich eine Manufaktur des 21. Jahrhunderts, und es klingt wie ein kleiner Seitenhieb gegen die angestammte Konkurrenz.

Simon Rattle ist Stammkunde

Etwa 1000 Produkte gibt es bei Hering Berlin im Sortiment, das meiste davon Porzellan, aber auch Gläser und Leuchten. Hergestellt wird in deutschen Werkstätten, mit denen Stefanie Hering kooperiert. Anfangs entstand jedes Stück komplett per Hand, inzwischen kommen Maschinen zum Zug, die Endverarbeitung erfolgt aber immer noch in Handarbeit. So ist jedes Stück ein Unikat.

Die hohe Qualität ist neben dem schlichten Design ein Grund, wieso das Geschirr immer mehr Fans hat. Simon Rattle und Nicole Kidman gehören zu den Stammkunden. Und auch in der gehobenen Gastronomie ist Hering gefragt. Pierre Gagnaire ist nicht der einzige Koch in Berlin, der auf Hering-Porzellan setzt: Im Facil, im Margaux, im Reinstoff, im Stue, bei Hartmanns und Frühsammers speisen die Gäste von Hering.

Die Idee zur eigenen Porzellanmanufaktur kam Stefanie Hering in der eigenen Küche. „Irgendetwas fehlte mir an der Tischkultur“, erzählt sie. Das Design vieler Porzellanmanufakturen war ihr zu alt und das mehrteilige Service zu starr. Wie lassen sich zum Beispiel Tapas angemessen servieren, wenn es nur Suppenschüsseln, Frühstücks- und große Teller gibt? Zusammen mit ihrem Mann und der Keramikerin Wiebke Lehmann gründete sie daher Hering Berlin. Bis heute bestreiten die drei auch gemeinsam die Geschäftsleitung.

Angefangen hat alles 1992, damals waren die drei nach Berlin gezogen und Stefanie Hering hatte nach ihrer Keramikausbildung und einem Designstudium im Westerwald ein Atelier in Prenzlauer Berg angemietet. „Wenn man drei Jahre im Westerwald festsitzt, muss man in die Großstadt“, sagt sie lachend. Ein Jahr hat sich die junge Unternehmerin damals gegeben, „ewig rummähren ist nichts für mich“. Sie ging auf Messen, präsentierte Entwürfe – und nach einem Jahr stand tatsächlich eine schwarze Null in der Bilanz. Seitdem wächst Hering Berlin. Umsätze nennt Stefanie Hering aber nicht. Dabei kommt es ihr nicht auf Masse an. „Manchmal dauert es zwei Jahre, bis ein Entwurf umgesetzt ist“, sagt sie und deutet auf einen imposanten Kronleuchter aus Rauchglas an der Decke. Auch er ist eine Idee von ihr.

Neue Tischkultur

Aus Prenzlauer Berg ist Hering Berlin im Jahr 2000 nach Kohlhaasenbrück gezogen. Dort arbeiten inzwischen 13 Mitarbeiter, die die Zusammenarbeit mit den Werkstätten in ganz Deutschland koordinieren. Delegieren zu können ist für Stefanie Hering wichtig, sonst würde sie es auch nicht schaffen, jeden Tag mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern zu kochen und in Ruhe zu essen – natürlich von Hering-Geschirr.

Es scheint für sie eine Mission zu sein, den Menschen wieder ein Stück Tischkultur zu vermitteln. Mit einem Lächeln spricht sie von ihrem „Bildungsauftrag“. Auch in ihrem Flagshipstore will sie ihm nachkommen. Hier wird nicht nur Geschirr verkauft, sondern geplant sind auch regelmäßig Events rund ums Essen. Das Konzept, Hering-Porzellan als flexibel kombinierbare Einzelstücke anzubieten, hat sich indessen als Erfolg erwiesen. Viele Kunden kommen immer wieder. Der Suchtfaktor bei Hering sei eben hoch, sagt die Chefin selbstbewusst.

Hering Berlin Hardenbergstraße 27, Charlottenburg, Tel. 889 175 71, Mo.–Fr. 10–19 Uhr, Sbd. 10–18 Uhr, flagshipstore.heringberlin.com