Berlin genießen

Schöne neue Biervielfalt

Brauereien kämpfen gegen Absatzrückgang. Um den Durst wieder anzuregen, entstehen immer neue Sorten und Ideen

2100 verschiedene Biere von 330 Brauereien aus 86 Ländern. Diese Vielfalt kann man nur noch heute, am letzten Tag der 17. Berliner Biermeile an der Karl-Marx-Allee, erleben. Erwartet werden etwa 250.000 Besucher. Dass bei den hohen Temperaturen maßvolles Trinken angesagt ist, versteht sich nach Ansicht der Veranstalter von selbst. Wobei manche der bayerischen Brauer unter „maßvoll“ möglicherweise anderes verstehen.

Obwohl Bier noch immer mehr als die Hälfte der konsumierten Alkoholgetränke in Deutschland ausmacht, hat die Brauindustrie ein Problem. Jahr für Jahr sinkt der Absatz, auf zuletzt 105,5 Liter pro Kopf der Bevölkerung. Vor zehn Jahren waren es noch 16,4 Liter mehr. Deshalb bemühen sich die über 1300 Brauerbetriebe um neue Absatzfelder, sei es mit neuen Biersorten oder mit Biermixgetränken. Auch die Gastronomen sorgen sich um den Bierabsatz. Der ist bei LiterVerkaufspreisen von bis zu zehn Euro und Einkaufspreisen zwischen 1,50 und zwei Euro ein bedeutender Umsatzbringer.

Bier selbst in der Weinbar

Die Weinbar im Erdgeschoss des Sternerestaurants Rutz bietet von Dienstag bis Sonnabend ab 16 Uhr unter dem Motto „Wir müssen aufhören, weniger zu trinken – Trinke lokal“ das sechste Rutz-Biermenü statt. Sommelier Billy Wagner widmet sich seit 2009 der neuen Berliner Biervielfalt. „Es schmeckt sensationell anders und gut“, sagt er. Sous-Chef Guido Richter hat mit dem Bier-affinen Sommelier das Drei-Gang-Menü zu Bieren Berliner Mikrobrauereien zusammengestellt.

„Wir legen Wert auf unpasteurisierte, handwerklich in Berlin gebraute Biere“, sagt Billy Wagner, der das Menü mit einem herzhaft-herben Pilsner der Friedrichshainer Flessa-Bräu als Aperitif beginnt. Zum Burger mit gebratenem Pfälzer Saumagen und Entenstopfleber kommt dann ein „Rotes“ der Privatbrauerei Rollberg ins Glas. Die süßlichen, floralen Komponenten passen zu Grillaromen und Schmelz der Leber. Die in mittlerweile gut einem Dutzend Berliner Mikrobrauereien hergestellten Biere werden auch „Craft Beer“ genannt. Der Trend der kleinen Brauereien kommt aus Amerika, wo in den vergangenen 20 Jahren tausende Micro-Breweries entstanden sind.

In Geschmack, Geruch und Aussehen unterscheiden sich die Craft-Biere, die sich ein Wochenende vor dem Bierfestival in der Tempelhofer Malzfabrik präsentierten, stark von den „Industriebieren“. Nur 800 Hektoliter setzt Johannes Heidenpeter pro Jahr mit seiner Produktion in der Markthalle Neun um. Zu seinem aus dreierlei Doldenhopfen gebrauten „Thirsty Lady“ kocht Guido Richter Ostseelachs und Kohlrabi, Kalbsschwanz und Estragonöl. Und zum „XPA“ von Schoppe Bräu aus Kreuzberg kommt Schweinebauch mit Pilzragout, parfümiert mit Apfel-Soja und Lavendel.

Erheblich zünftiger kocht das Team im Weihenstephaner am Hackeschen Markt. In den Schankräumen, im Kellergewölbe vom 1749, sitzt man zwischen Teilen der historischen Stadtmauer. 240 Gäste können Platz nehmen, auf der Terrasse am Platz gibt es noch einmal 200 Plätze. Patric Neeser, Betreiber und gelernter Koch, erzählt voller Enthusiasmus von zwei 50-Liter-Töpfen, in denen mehrmals die Woche Dunkelbiersauce angesetzt wird. Aus gerösteten Knochen, Wurzelgemüse und Brühe entsteht die Begleitung von Schweinekrustenbraten und Klößen. Abgeschmeckt wird die Sauce mit einem Mix aus Dunkel-Hefe und Dunkel-Weizen der bayerischen Staatsbrauerei.

Aktuell bietet Neesers Frau Cornelia noch einen Sommersalat mit leichter Weißbier-Vinaigrette an. Ab Herbst steht dann eine gehaltvolle Biersuppe auf der Karte. Patric Neeser bringt seine kulinarische Passion für den Gerstensaft so auf den Punkt: „Bier ist ein Universal-Nahrungsmittel. Man kann es trinken – und essen.“

Berliner Biermeile Karl-Marx-Allee, Frankfurter Allee, Strausberger Platz, Sonntag bis 22 Uhr, Tel.: 65 76 35 60, www.bierfestival-berlin

Rutz Restaurant & Weinbar Chausseestraße 8, Mitte, Di.-Sbd. 18.30-23, Weinbar ab 16 Uhr, Tel. 24 62 87 60, www.weinbar-rutz.de

Weihenstephaner am Hackeschen Markt Neue Promenade 5, Mitte, tägl. 11-24 Uhr, Tel. 84 71 07 60, www.weihenstephaner-berlin.de