Blendwerk mit Sonnenstich

Ufos, Drogen, Technobeats und ein berühmtes deutsches Waisenkind: „The Legend of Kaspar Hauser“

Ein Mann in weißem BikerOutfit und ebenso weißen Cowboystiefeln steht in der Wüste und reckt die Arme in die Höhe, dazu wummert ein Technobeat. Sind das Disco-Posen oder die eines Fluglotsen? Plötzlich fliegt ein UFO über seinem Kopf hinweg. Dann noch eins und noch eins. Ist das wirklich „Die Legende von Kaspar Hauser“, fragt man sich da verwundert und kurz darauf: Was ist das denn überhaupt?

Denn was der italienische Filmemacher Davide Manuli da aus dem deutschen Mythos macht, weist wenig Gemeinsamkeiten mit den historischen Überlieferungen des 1828 in Nürnberg aufgetauchten Findelkindes auf. Und selbst Werner Herzogs wild-visionäre Adaption „Jeder für sich und Gott gegen alle“ aus dem Jahr 1974 erweist sich im Vergleich dazu als kreuzbraves Porträt.

Manuli versetzt die Geschichte auf eine namenlose, aus der Zeit gefallene Mittelmeerinsel und zerhackt die Handlung in eine Reihe avantgardistischer, schwarzweiß gefilmter Performances. Dem UFO-Ritual folgt eine Art tanzendes Kräftemessen auf einem leeren Dorfplatz zwischen dem Sheriff und dem weißgekleideten Drogendealer des Dorfes, beide verkörpert von Vincent Gallo, dem Eenfant Terrible des amerikanischen Independentkinos, der während des Films wenig mehr als ständig „yeah“, „okay“ und „come on“ vor sich hin labert.

Bald wird am Strand ein menschlicher Körper angespült, nur mit Traininghose und Turnschuhen bekleidet, der sich erst auf den zweiten Blick als ein sehr androgynes Mädchen (Silvia Calderoni) entpuppt. Zum Glück steht in großen Lettern „Kaspar Hauser“ auf ihrer knabenhaften Brust. Und so spricht sie fortan auch der Sheriff an und hält „ihn“ für ein Königskind.

Kaspar selbst spricht nicht, und wird überhaupt nur aktiv, wenn er seine an nichts angeschlossenen DJ-Kopfhörer auf hat und mit virtuellem Techno beschallt wird. Wer ist er? Ein außerirdisches Zwitterwesen? Oder bloß autistisch? Der Sherriff sperrt ihn in einen Freiluftzwinger und bildet ihn zum DJ aus.

Jeder auf der Insel hat bald eine Meinung zu dem merkwürdigen Jungen, der Priester sieht in ihm gar den Erlöser, die intrigante Herzogin dagegen lässt ihn aus Angst um die eigene Herrschaft als Scharlatan verfolgen. Kaspar schweigt zu alledem, setzt sich seine Kopfhörer auf und tanzt entrückt mit einem schwarzen Kätzchen, das er zuvor mit Waschmittel eingepudert hat.

Die Herkunft des realen Kaspar Hauser ist bis heute ungeklärt und die Legende um ihn wird hier nicht nur weitergestrickt, sondern ins völlig Absurde überdreht. Was also ist dieser Film? Geniale Gaga-Adaption? Ein Technodrogenrausch? Oder sinnentleertes Blendwerk mit Sonnenstich? Schwer zu sagen, aber gut möglich, dass der Film zum Kult in Spätvorstellungen wird. Kurioseres wird man jedenfalls derzeit kaum im Kino zu sehen bekommen.

Drama: I 2012, 95 min., von Davide Manuli, mit Vincent Gallo, Claudia Gerini, Silivia Calderoni

++---