Horrmanns Gourmetspitzen

Eine Speisekarte, so dick wie die Mao-Bibel

Heinz Horrmann besucht das chinesische Restaurant Good Friends an der Kantstraße

Es ist ein Widerspruch, den ich nie verstanden habe. Das traditionsreichste chinesische Restaurant Berlins, das Good Friends an der Kantstraße, ist immer gut besucht. So oft ich durch das Fenster geschaut habe, immer war jeder Tisch besetzt. Anderseits habe ich über kaum ein anderes Restaurant in der Stadt so viele negative Kommentare von Lesern zugeschickt bekommen wie über dieses Lokal. Oft mit dem Hinweis, ich solle mir das doch unbedingt mal ansehen („schlechtes Essen, Kantinen-Flair, unfreundliche Kellner“).

Zuletzt hatte ich die nach Berlin exportierte chinesische Lebensart im Good Friends vor etlichen Jahren im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking erlebt. Jetzt habe ich mir Küche, Service und Ambiente noch einmal genau angesehen. Schon früh am Abend war das Restaurant nahezu ausgebucht. Mir wurde im hinteren Gastraum ein Tisch zugewiesen, unmittelbar neben dem Eingang zum Toilettenbereich. Für einen anderen Platz gab es keine Chance mehr.

Speisen schnell, Wein formell

Den Kellner interessierte es auch nicht weiter, er nahm im Dauerlauf meine Bestellung auf. Dann brachte er einen Eiskübel für den Weißwein. Nur: Die Flasche hatte er wohl vergessen. Nach meinen freundlichen Erinnerungen kam das Getränk schließlich nach einer guten Viertelstunde. Schneller funktionierte es mit den Speisen. Die Großgarnelen mit Ingwer und Ananas, mittelscharf gewürzt, waren ein sehr ordentlicher Auftakt. Es sollte aber auch der positive Höhepunkt bleiben.

Damals noch eine Seltenheit, ist die chinesische Küche hierzulande heute weit verbreitet, oder, besser gesagt, was wir für original chinesische Gerichte halten. Kaum eine Küche bedient sich so vieler Klischees wie diese: Glückskekse oder Frühlingsrollen sind Assoziationen, die sich aufdrängen. Das Good Friends wird ansonsten aber nicht europäisch beeinflusst – und, das möchte ich hervorheben: Endlich einmal kein Glutamat als Geschmacksverstärker verarbeitet.

Nun ist es wahrlich zu einfach, auch falsch, von „der“ chinesischen Küche zu sprechen. Kein Land der Welt hat mehr kulinarische Küchen-Richtungen. Hier kommen die Rezepte aus den Provinzen Sichuan, wo es feuerscharf zugeht, aber ebenso aus Shanghai, mit einer samtig milden Würze. Vielleicht ist das der Grund, das in diesem Restaurant die wohl umfangreichste Speisekarte Berlins, nein, wahrscheinlich des Landes vorgelegt wird.

Zwei-Sternekoch Tim Raue isst häufig hier und empfiehlt den Gästen für ein authentisch chinesisches, oder besser kantonesisches Esserlebnis, nur aus dem zweiten Teil der Karte zu bestellen. Diese ist mit „Spezialitäten der Kanton-Küche“ ausgewiesen. Ich hatte einfach Lust auf krosse Ente und freute mich auf das Gericht. Leider war die Haut aber nicht knusprig, sondern labberig. Schade. Auch am Nebentisch waren die Gäste mit der Nummer 70 der Speisekarte nicht zufrieden. Der gebackene Fisch mit Pilzen und Bambus würde nach einem Biss in einen Schuhkarton schmecken, hieß es. Alles sei völlig geschmacksneutral. Eigentlich unverständlich.

Da ist Feuer im Herd

Aromen, Schärfe, appetitlich kombinierte Geschmackselemente findet man dann in der kantonesischen Abteilung. Gleich ob Grill-, Reis- oder Topfgerichte nach China-Art, da ist Feuer drin. Da dufteten die Fong-Wong-Rollen mit Shrimps und Hühnerfleisch. Außergewöhnlich war der gebratene Aal, der mit 25 Euro auch das teuerste Gericht auf der Karte war. Die Desserts sind extrem kostengünstig kalkuliert. Ich wählte die mit Honig gebackene Banane für drei Euro. Da war es keine Überraschung, dass das Gericht ein Mund voll ausschließlicher Süße war. Ein Wort zum Ambiente: Für mich war das Kaschemmen-Stimmung wie im Shanghaier Hafen: hoher Geräuschpegel, harte Holzstühle, Tischdecken, die mit Glasscheiben abgedeckt sind, Sojasauce in Maggi-Flaschen, billigste Papierservietten, kein Tischschmuck im Restaurant und auf der Terrasse. Die abgegriffene Speisekarte war, wie gesagt, fast so dick wie die Mao-Bibel.

Sehr positiv habe ich dagegen das unglaubliche Mittagsangebot registriert. Für 6,90 Euro wurde eine sauer-scharfe Suppe serviert und ein Hauptgang mit Schweine-, Rind-, Hühnerfleisch oder Omelette. Das sucht seinesgleichen. Insgesamt muss man das Good Friends differenziert sehen. Ambiente und Service ließen sich leicht verbessern. Die Getränke scheinen das Unwichtigste. Am häufigsten wird Bier und Kao Liang, der chinesische Reisschnaps, serviert. Die kleine Weinkarte ist fast schon „Untergrund-Empfehlung“, wie der Kellner sagt, und präsentiert keine großen Lagen. Bier ist und bleibt Favorit. Der größte Vorzug im Restaurant: Es geht authentisch zu, weitgehend. Ich mag keinen lebend filetierten Fisch, bei Hund süß-sauer wird mir schlecht und kommen gegrillte Larven oder Quallen in Essig auf den Teller, verordne ich mir Null-Diät. Das alles ist hier natürlich nicht der Fall. Als Ende der 20er-Jahre die erste Chinaküche an der Spree eingerichtet wurde, bejubelten Feinschmecker die „neue kulinarische Weltoffenheit“ der Metropole. In den letzten Jahren aber kam es zu einer Inflation asiatischer Küchenangebote mit häufig trostloser Frühlingsrollen-Fastfood-Finsternis. Da hebt sich das Good Friends deutlich ab. Man muss es probiert haben. Das empfehle ich.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonntag für die Berliner Morgenpost

Entdecken Sie Top-Adressen in Ihrer Umgebung: Restaurants in Berlin-Charlottenburg