Berliner Perlen

Ihm wird’s nie zu bunt

Shoppen ist moderne Unterhaltung, meint Jürgen Quack. In seinem farbenfrohen Geschäft an der Goltzstraße in Schöneberg sieht er sich daher als Teil der Entertainment-Industrie

„Ich habe das kleinste Kaufhaus Schönebergs“, sagt Jürgen Quack über sein Geschäft „Mobilien“. Zu ihm kommen Kunden ab 30 Jahren mit gutem Einkommen, vornehmlich sind es Frauen. Seine These: „Der Mensch möchte in seiner Freizeit unterhalten werden. Dazu gehört heutzutage ganz selbstverständlich auch Shoppen. Meine beiden Mitarbeiterinnen und ich betrachten uns daher als Teil der Unterhaltungskunst.“

Wer originelle Produkte für Freizeit und Haushalt sucht oder Geschenkartikel im modischen Design mit Witz benötigt, ist in diesen drei Räumen richtig. „Es ist wichtig, dem Kunden Aufmerksamkeit zu schenken, ihm den Stress zu nehmen“, sagt Quack. Sein Konzept: optisch schöne Dinge mit Funktion. Wie beispielsweise die bunten Dinkelkissen mit Baumwollbezug für 20 Euro. Sein Sortiment kauft der Wahlberliner direkt bei den Herstellern. Die trifft er auf Messen wie der Frankfurter „Ambiente“, deren Pariser Pendant „maison & objet“ oder auf Holland-Abstechern.

Wandel im Kiez

Angesagt ist „Mobilien“ inzwischen auch bei Touristen aus In- und Ausland. Amüsiert beobachten Quacks Nachbarn, wie Besucher mit Faltplänen sich vor den Schaufenstern des Geschäfts versammeln. 2003 wurde es eröffnetet, vor zwei Jahren hat es Quack übernommen.

Der Laden des 57-Jährigen passt in die moderne Goltzstraße. Das Geschäftsleben wie auch die Sozialstruktur der Bewohner habe sich erheblich verändert. Eine „Punk-Straße“ sei die Goltzstraße früher gewesen, so Quack. Passend zum Kiez rund um den Winterfeldtmarkt. Quack kennt sie nur aus Berichten von Bekannten. Die wohnten hier in einer Studenten-WG, als die Straße noch sehr anders wirkte. Sie galt als Club- und Szenestraße, als Hausbesetzer- und Drogenmittelpunkt.

Ganz lustig seien sie gewesen, die Partys damals. Was man davon eben so mitbekam. Weniger lustig dagegen, jeden Morgen im Hausflur Spritzbesteck vorzufinden. Die berühmten Szene-Clubs mit dem Format eines „Dschungel“, der später in die Nürnberger Straße umzog, gibt es nicht mehr. Dafür Bio-Läden. Man kauft qualitäts-, umwelt- und gesundheitsbewusst.

Quacks Favoriten der Straße sind heute „Hobbyshop Rüther“, ein Geschäft für Künstler, Kinder und Heimwerker, in dem Quack Dekorationen für daheim kauft. „VAMPyr deluxe“ ist ein angesagter Mode-Laden, ebenso „Chapati“. Quack schätzt die Gestelle von „Goltz Optick“, den Reisebuchladen Chatwins. Das Antiquariat-Image dagegen, der Hauch von Party, Bohème und durchgemachten Kneipennächten der 80er-Jahre ist nicht mehr zu spüren. Stattdessen kommen Kunden zu Quack, die schätzen, dass er Plastik-Produkte ohne Weichmacher und Babydecken aus pestizidfreier Baumwolle anbietet.

Kontrastreich sei der Kiez aber nach wie vor. Das zeige sich in sozialen Einrichtungen wie dem Treff für Frauen und junge Mädchen. Dabei sei die Gentrifizierung in vollem Gang. Viele junge Familien wohnen in Quacks Nachbarschaft, überwiegend Akademiker mit Kindern. Sie leben in Gründerzeit-Häusern, die Krieg, Abrissbirne und Hausbesetzer überdauert haben. Dann gibt es noch die klobigen 70er-Jahre-Bauten und Nachwende-Häuser. „Im Kiez herrscht Understatement“, sagt Quack. „Man wohnt hier einfach, weil es schön und ruhig ist, man gut einkaufen kann. Über die hohen Mietpreise spricht man einfach nicht.“

Eine beliebte Adresse sei die Goltzstraße für viele Künstler, darunter Schauspieler, die zur diskret, aber „völlig alltäglich“ behandelten Kundschaft des „Mobilien“-Dealers gehören.

„In solchen Momenten holt mich meine Vergangenheit ein“, sagt Quack. Kaufmännisch ausgebildet, arbeitete er später bei einem Kölner Fernsehsender, zuletzt als Produktionsleiter. Nach 20 Jahren Köln und Besuchen in Berlin, wo er ausgerechnet einen Segelschein machte, entschloss er sich 1998, umzuziehen.

In Berlin war er Komparse, Casting-Leiter einer Quiz-Show für seine alte Kölner Firma. Er arbeitete beim Rundfunksender RBB, dann als Firmenvertreter. Aber erst mit dem Laden habe er seine eigentliche Berufung gefunden, sagt Quack. Der Kiez sei „sein Dorf“. Für die Nachbarn sei er einfach „der Rheinländer“.

Nie so hip wie Mitte

Und die Goltzstraße der Zukunft? „Die wird nie so hip sein wie Mitte, Friedrichshain oder Kreuzberg. Die Leute hier sind gesetzt, haben sich die Hörner abgestoßen“, sagt Quack. „Das Viertel ist auf angenehme Weise bürgerlich und erwachsen geworden.“ Das reflektieren auch die Cafés, Bars und Lokale der Umgebung: das familiäre Eis-Café „Roberta“, wo Quack seinen Lieblingsmandelkuchen genießt. Oder das „Sorgenfrei“, in dem man wunderschön designte Einrichtungsgegenstände der 50er- und 60er-Jahre kaufen kann. Und natürlich die Szene-Spelunke „Café M“, eine jahrzehntealte Kult-Adresse. Vielleicht wird man das irgendwann in der Zukunft auch einmal über Quacks Laden sagen.

Mobilien Goltzstraße 13b, Schöneberg, Tel. 71 53 86 75, mobilien.de