Kino

Die schlimmsten Filmeltern aller Zeiten

Ein Scheidungskrieg, konsequent aus der Sicht eines Kindes erzählt: „Das Glück der großen Dinge“

Diese Zweifel haben wohl schon jedes Elternpaar geplagt: Machen wir bei der Kindererziehung vielleicht alles falsch und sind wir ganz schreckliche Rabeneltern? All denen sei dieses Scheidungsdrama ans Herz gelegt, in dem man Julian Moore und Steve Coogan als dem zweifellos allerschlimmsten Filmeltern der letzten Zeit gut anderthalb Stunden dabei zuschaut, wie sie sich völlig selbstbezogen und neurotisch über die Bedürfnisse ihrer kleinen Tochter Maisie (Onata Aprile) hinwegsetzen.

Kaum zu glauben, dass diese Charaktere dem 1897 erschienenen Roman „Maisie“ von Henry James entstammen. Das Drehbuch dieser ungewöhnlichen Adaption verpflanzt sie ins kreative Künstlermilieu im heutige Manhattan, so gut funktioniert diese dysfunktionale Familienkonstellation auch im aktuellen Kontext noch immer. Mutter Susanna (Moore) ist Rocksängerin, die sich mehr um die eigene, etwas ins Stocken geratene Karriere kümmert als um ihr Kind.

Gerade hat sie sich von ihrem langjährigen Lebenspartner Beale (Coogan) getrennt, einem sarkastischen Kunsthändler, der permanent auf Geschäftsreisen ist. Die wenigen gemeinsamen Momente verbringen die Eltern damit, sich gegenseitig Versagen vorzuwerfen und sich um das Sorgerecht zu streiten, statt sich tatsächlich um Maisie zu sorgen. Stattdessen behandeln sie die Sechsjährige fast wie eine erwachsene Freundin, mit der man über alles reden kann und vor deren Augen man auch mal einen Joint herumreicht. Kein Problem, ist doch cool!

Für das kindgerechte Miteinander gibt es ja Margo (Joanna Vanderham), das junge Kindermädchen, auf die bald Beale mehr als nur beruflich ein Auge geworfen hat. Susanna unterdessen lacht sich mit Lincoln (Alexander Skarsgård) einen erheblich jüngeren Barkeeper an. In der egozentrischen Welt von Susanna und Beale werden die neuen Partner schnell ebenfalls vernachlässigt und als wenig mehr als hübsches Beiwerk behandelt. Während Susanna auf Tour geht, werden sie unfreiwillig immer mehr zu Maisies Ersatzeltern. Ihre eigentlichen Eltern nehmen zwischen Midlifecrisis und Scheidungskrach gar nicht mehr wahr, wie das Mädchen zwischen dem ewigen Wechsel aufgerieben wird.

Das so unsentimentale wie beunruhigende Familiendrama wird dabei konsequent aus der desorientierten Sicht des Kindes erzählt und es ist die große Stärke des Films, dass diese Maisie eine erstaunlich komplexe Persönlichkeit ist, das ruhige, beobachtende Zentrum im Auge des Chaos der Erwachsenen. Durch ihre Perspektive werden die anderen Figuren mit all ihren Fehlern und Schwächen gezeigt, aber nicht etwa diffamiert. Die Eltern sind hin und her gerissen zwischen ihrer durchaus ehrlich empfundenen Liebe zu ihrem Kind und ihren eigenen Selbstverwirklichungsträumen. Das Schlimme ist, dass ihr Egoismus letztlich die stärkere Macht ist.

Drama: USA 2012, 99 min., von Scott McGehee und David Siegel, mit Julianne Moore, Alexander Skarsgard, Steve Coogan

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