Berliner Perlen

Einfach mal Grün wählen

Ihre Blumen zierten die festliche Tafel beim Berlin-Besuch des US-Präsidenten Barack Obama – und auch die Kanzlerin kauft bei den Chefs von „Blumen- und Gartenkunst“ in Moabit ein

Ein betörender Duft umfängt den Kunden, sobald er die Tür öffnet. Vor allem die vielen Freilandrosen, die in großen Vasen und Kübeln aufgestellt sind, benebeln die Sinne. Kurz ist man versucht, die Augen zu schließen, um sich auf die Wohlgerüche zu konzentrieren, aber das ist unmöglich. Denn auf kaum einen anderen Ort trifft das an sich abgegriffene Wort Augenweide besser zu als auf den Laden „Blumen und Gartenkunst“ in Moabit. Das Auge kann sich nicht sattsehen an den vielen Blumen in Weiß, Creme, Rosé, Pink, Rot, Orange.

Weniger in Gelb. „Gelb ist schon seit Jahren out“, sagt Thomas Tunger-Schnur. Nicht nur in der Vase im Wohnzimmer, auch im Garten würde Gelb stiefmütterlich behandelt werden. Mit Gärten kennt sich der 49-jährige Gärtner und Ingenieur für Landschaftsplanung vor allem aus, während sein Ehemann und Geschäftspartner Andreas Tunger als Floristtechniker für die Schnittblumen zuständig ist. Der 55-Jährige hat einen weiteren Trend beobachtet: „Natürlich muss alles aussehen wie zufällig zusammengekommen, nicht gebunden.“

Neben der Justizvollzugsanstalt

Mit Trends kennen sich die beiden Blumenspezialisten aus, immerhin haben sie das Geschäft vor 15 Jahren in Alt-Moabit eröffnet, nur wenige Häuser von der Justizvollzuganstalt entfernt. Und drei Häuser weiter wohnen sie auch. Dazwischen haben sie ihre Werkstätten, Lager- und Ausstellungsräume. Nicht gerade ein angesagter Standort, aber als Szeneladen sieht Tunger die „Blumen- und Gartenkunst“ auch gar nicht. „Blumen müssen zu den Menschen, zum Raum und zum Anlass passen, nicht zur Mode“. Am schönsten ist es für ihn, wenn Blumen keine Accessoires sind, sondern selbst zum Ereignis werden. Daher verzichtet er auch gern auf Schleifen im Strauß.

Offenbar hat er damit Erfolg. Denn von überall aus Berlin kommen die Kunden. Aus Zehlendorf genauso wie aus Pankow - und auch aus der JVA nebenan. Oft werden die Blumen auch zu den Kunden gebracht: Vier Lkw sind in der Stadt unterwegs. 33 Angestellte haben die beiden, Gärtner wie Floristen. Die einen gestalten und pflegen Terrassen und Gärten, die anderen binden Sträuße im Laden und dekorieren bei den vielen Auftraggebern, zum Beispiel im Promi-Restaurant „Borchardt“ oder im „Grosz“, im „14 Oz“, dem Multilabelstore des Bread & Butter-Gründers Karl-Heinz Müller und sogar im Kanzleramt.

Auch die Blumen, die die Mittagstafel beim Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama schmückten, kamen aus dem Moabiter Geschäft. Und manchmal gibt es auch prominenten Besuch: Die Kanzlerin persönlich kauft hier Blumen ein. „Oft merkt man erst, dass sie im Laden ist, wenn es draußen auf der Straße dunkel wird“, erzählt Tunger-Schnur. Wenn die schwarzen Limousinen vor dem Laden parken und Herren in schwarzen Anzügen auf dem Bürgersteig warten, während die Chefin ihre Lieblingsblumen wählt. Welche das sind, dürfen die Tungers nicht verraten, das haben sie der Kanzlerin versprochen.

Was die Kunden in den Blumenladen zieht, ist die Pracht, die Vielfalt und die ausgefallenen Sorten, die sie dort erwarten. Und das ist auch das Konzept des Paares. „Manche Blumenläden sehen aus wie ein Topflager, bei uns dagegen sieht man erst mal Blumen“, sagt Tunger-Schnur. Blumen, die sie möglichst bei regionalen Gärtnern einkaufen.

Daneben gibt es auch Bücher, Vasen, Deko und Gartengeräte, zum Beispiel eine in Leder gefasste Harke, aber die finden sich in den hinteren Räumen des verwinkelten Ladens. Die erste Anschaffung für den Laden waren eine mannshohe und zwei kleinere Bronzevasen, in die zusammen ein paar Hundert Blumen passen. Die große Vase schmückte 2004 die Baustelle des Neuen Museums beim Besuch der Queen. Dort, wo heute die Nofretete steht, stand damals die Bronzevase, gefüllt mit dunkelroten Blumen.

In den Gärten von Prinz Charles

Als die Chefs 1998 anfingen, wollten sie allerdings nicht nur Blumen verkaufen, sondern auch Kurse für Hobbygärtner und Fachleute anbieten. Mittwochs wurden deshalb nicht verkauft, sondern gelehrt. „Aber das gefiel unseren Kunden nicht, sie wollten Blumen“, sagt Tunger. Jetzt gibt es nur noch ab und zu Seminare. In diesem Jahr fand die erste Gartenreise nach England statt. „Wir durften sogar in die Privatgärten von Prinz Charles“, verrät Tunger-Schnur stolz. Viele Anregungen haben sie mitgebracht – so viele, dass sie auch in ihrem Geschäft ständig Lust haben umzudekorieren.

Nur eines ist ihnen dabei noch nicht so richtig geglückt: die Präsentation ihrer persönlichen Lieblingsblumen. Thomas Tunger-Schnur mag am liebsten Hornveilchen, weil sie so schön duften. „Aber die gehören zu den Stiefmütterchen – und die gelten als spießig.“ Und sein Partner mag die kleinen zarten Pflänzchen. Schneeglöckchen zum Beispiel. Auch nicht gerade Mittelpunkt eines prachtvollen Blumenstraußes.

Blumen- und Gartenkunst: Alt-Moabit 21/22, Moabit, Tel. 39 03 00 88, Mo., Do. 8–18.30 Uhr, Di., Mi., Fr. 9–18.30 Uhr, Sbd. 8–16 Uhr, So. 10–13.30 Uhr, blumen-und-gartenkunst.de