Berliner Perlen

Barfuß in Kreuzberg

Russell Liebman verkauft in seinem Souterrain-Geschäft „Barefoot“ Stofftiere und Spielzeug.Die Waren sind fair gehandelt, handgefertigt und dadurch einzigartig

Die zwei kleinen Mädchen sind überfordert. „Die Maus, Mama, ich möchte gern die Maus im rosa Kleid!“ Worauf die andere schimpft: „Und was soll ich dann nehmen? Das Geschirr fürs Puppenhaus oder eine Maus? Oder die Wachsmalstifte?“ Infrage kämen auch das bunte Känguru mit dem Baby im Beutel, die Haarspangen, die Püppchen und ein Kegelspiel aus Holz. Nervöse Hilflosigkeit im Geschäft, weil alles so schön ist.

Was bei „Barefoot“ (zu Deutsch: barfuß) in weiß getünchten Holzkisten steht und liegt, möchten die Kleinen in ihren Kinderzimmern haben und die Großen gern dort sehen. Weil es bunt ist. Und weil es weder Plastik ist noch Massenware. Und darauf achtet Inhaber Russell Liebman.

Nichts war geplant

„Nie hatte ich das Ziel, einen eigenen Laden zu haben“, sagt der New Yorker Fotograf und lacht. „Außerdem war es für mich immer verpönt, in den Verkauf zu gehen, kapitalistisch zu sein.“ Wieder lacht er. Wie so oft im Leben kam es dann doch anders als geplant. Vor allem, weil bei Russell Liebman alles immer „einfach so passiert“ ist: „Nichts war je geplant!“ Der 46-Jährige ist sympathisch und authentisch. Und – natürlich ist er barfuß. Man könnte diese „Ich bin da so reingerutscht“-Geschichte erzählen, um gut anzukommen. Oder man ist so echt wie Liebman, der auch immer wieder betont, dass er „ohne die Mädels aufgeschmissen“ wäre. „Die Mädels“ sind seine Mitarbeiter, drei hat er. Heute sind Alix und Lucja da. Sie bereiten alles für eine Messe vor, die in zwei Wochen ansteht. „Ohne die könnte ich das alles nicht machen“, sagt Russell Liebman noch einmal.

Sein Lebenslauf klingt wirklich nicht so, als sei der Weg zum Unternehmer in einem Souterrain an der Kreuzbergstraße vorgezeichnet gewesen. 1989/90 kam er nach Berlin, um als Fotograf den Mauerfall zu dokumentieren. In Colorado hatte er zuvor Marketing und Fotografie studiert. Mit 22 Jahren war er bereits fest angestellter Zeitungsfotograf in New York gewesen.

Aber Russell Liebman liebte Abwechslung, Abenteuer und Herausforderung. Also: Auf nach Berlin, als es dort begann, so richtig spannend zu werden. „Als ich dann hier war, bin ich einfach geblieben“, sagt er. Anfangs fotografierte er vor allem für die Tageszeitung „taz“, dann wurde es weniger tagesaktuell und Liebman reiste viel, für Geo und den Spiegel, für den Stern und die Magazine der Zeit und der Süddeutschen Zeitung. „Ich habe viel in Russland fotografiert und hatte deshalb eine Zweitwohnung in Moskau.“

Und dann war Olga da. 1999 kam seine Tochter auf die Welt, 2002 folgte Sohn László. „Dann wurde es einfach zu schwierig mit dem Reisen“, sagt Russell Liebman. Aber in ihm war eine andere Idee gereift, angetrieben durch die Frage: „Wie komme ich an ,Taschengeld‘ für meine Kinder und meine Frau, wie kann ich sie unterstützen?“

Ein bekannter sri-lankischer Fotograf, Dominic Sansoni, betrieb damals bereits das „Café Barefoot“ in seiner Heimat: eine Mischung aus Geschäft, Galerie und Café. Dessen Mutter, Barbara Sansoni, hatte 1958 das Unternehmen „Barefoot“ gegründet, um jungen Frauen Arbeit zu verschaffen. „Sie hat die alte Tradition der Handweberei wieder zum Leben erweckt und damit viele junge Frauen in ihrer Heimat aus der Armut geholt“, sagt Russell Liebman. Mit kleinen Spielzeug-Mäusen fing man damals an.

Dominic Sansoni schlug ihm vor, die Barefoot-Produkte in Deutschland zu verkaufen. So begann er 2003, die Stücke an einem Marktstand am Kollwitzplatz anzubieten. „Das ging sofort super los: typisch Prenzlauer Berg eben. Das kann man sich ja vorstellen“, sagt Russell Liebman. Die bunten „Fair Trade“-Kuscheltiere passten genau zu den Kiezbewohnern.

Es folgten Weihnachtsmärkte, immer vollere Regale mit Ware aus Sri Lanka bei Liebman zu Hause, dann erste Lager, die auch schnell zu klein wurden. Seit dem Jahreswechsel 2005/2006 gibt es den Laden an der Kreuzbergstraße. Die dritte Renovierung ist gerade geschafft. Neben der „Barefoot“-Linie mit den bunten Tieren gibt es auch Holzspielzeug von „Lanka Kade“.

Eigenes Design aus Thailand

„Das wird aus Gummibaumholz hergestellt. Wenn ein Gummibaum keinen Saft mehr gibt, wird für ihn ein neuer Baum gepflanzt, und aus dem alten wird dieses Spielzeug gefertigt“, sagt Liebman. Seine eigene Linie, die er in Thailand produzieren lässt, heißt „HickUps“. „Einmal im Jahr fahre ich für zwei Wochen hin“, sagt Liebman, der zudem als Dozent an der Lette-Schule arbeitet.

Auf seiner Homepage findet man Fotos von ihm bei jenen Produzenten, die Schönes für Familien in aller Welt schaffen. Auch für Kinder in Berlin. In seinem Geschäft haben sich indes die Mädchen nach langem Hin und Her entschieden. Eine kleine Maus im bunten Kleidchen hat eine neue Besitzerin. Für das andere Kind gibt es ein Teeservice. Das bekommt ihre Puppenhausfamilie.

Barefoot Kreuzbergstr. 75, Kreuzberg, Tel. 39 20 70 46, Mo.–Fr. 10–19 Uhr, Sbd. 11–19 Uhr, liebman-design-import.de